Anthropologie = Lehre vom Wesen des Menschen.
Diesbezüglich kann ich einen Text zitieren von Arnold Gehlen, ein wichtiger Anthropologe der die Therorien von Charles Darwin "neu" überdacht hat unter anderem.
Der Text heißt: "Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt"
Hier ein sehr guter Kommentar zu Gehlens Menschenbild, eine Studienarbeit an der Gutenberg Universität Mainz: (
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/96523.html)
"2.1.4. Das Menschenbild Arnold Gehlens 1. Grundlagen der Weltoffenheit und Antriebsstruktur Durch den Tier-Mensch-Vergleich gelangt Gehlen zu einem Menschenbild, welches das von ihm gesuchte „Strukturgesetz“ (Gehlen 1978, S.22) aufweist. Er destilliert aus dem Vergleich typisch menschliche Eigenschaften, die sich aus dem Verständnis des Menschen als „Mängelwesen“ (vgl. Gehlen 1978, S. 33) erklären und herleiten lassen. Dies sei im Folgenden zu erläutern, ebenso wie die Frage, welche Folgen das Menschenbild auf das Handeln der Menschen, ihre Antriebsstrukturen und ihre Lebensweise hat. Während ein im „Jetzt“ gefangenes Tier einfach lebt, indem es auf die von ihm nicht ausblendbaren Reize reagiert,“ führt der Mensch sein Leben“ ( Gehlen 1978, S. 17). Er nimmt Stellung zu sich selbst, d.h., er reflektiert das Erfahrene, sowie seine eigenen Handlungen; er verfügt über sich und über Sachen. Gehlen nennt ihn das „handelnde Wesen“ (Gehlen 1978, S 32), wie bereits Aristoteles im Tier-Mensch-Vergleich feststellte. Jenes Wesen ist befähigt, sich geistig aus dem Jetzt, der gegebenen Situation, zu lösen, es weist keine dem Tier ähnliche Triebdetermination auf. Dadurch ist die Skala seiner Handlungsmöglichkeiten durch freie Kompositionen seiner Bewegungen unheimlich vergrößert. Seine Handlungsabläufe werden dadurch variabel, er kann sich ferner vergegenständlichen und versachlichen. Er erlangt folglich eine Distanz zu sich selber, seinen Trieben und zu den Objekten seiner Umwelt, welche durch seine sinne wahrgenommen werden. Dies ist der erste Aspekt seines qualitativen Unterschiedes zum Tier: der Wille des Menschen, der Wesensqualität bezeichnet ( Fonk 1983, S. 61). Der Mensch folgt nicht einem vorgegebenen Zweck wie ein Tier (Beispiel Zecke), sondern er kann sich selber Zwecke vorschreiben. Er handelt frei, während ein Tier unfrei reagiert. Der Mensch ist nicht natürlichen Rhythmen / Prozessen wie Ernährung und Fortpflanzung unterworfen ( welche das Tier periodisch durch Instinkte regelt), er tritt in ein distanziertes Verhältnis zu sich selber und kann jene Bereiche bewusst kontrollieren. Sie werden seinem Willen unterworfen.
Beispiel: Ein Junge sitzt im Bus und hat großen Hunger. Neben ihm sitzt ein kleiner Junge, der ein Brot ißt. Obwohl der größere Junge auch der stärkere ist, nimmt er dem kleineren nicht sein Brot weg, sondern kontrolliert seine Triebe. Im Tierreich gilt jedoch das Recht des Stärkeren.
Der Mensch kann sich zu seinen Trieben oder Interessen negativ verhalten, sie ablehnen oder unterdrücken. Dadurch zeichnet sich ein typisch menschliches Antriebsleben aus. (Vgl. Gehlen 1978, S. 52ff). Seine Handlung erfolgt nicht blind und instinktiv. Dies hängt damit zusammen, dass der Mensch keinem konkreten Umweltausschnitt biologisch (in bezug auf seine Organbeschaffenheit) angepasst ist. Er hat keinen klar definierbaren, abgrenzbaren Lebensraum wie ein Tier. Ganz im Gegenteil: Er ist potentiell überall lebensfähig, vorausgesetzt er wandelt seine Umwelt in eine lebensdienliche Umwelt um. Er richtet sich Mechanismen zum Schutz vor Witterung und gefährlichen Tieren ein. Der zunächst heimatlose Mensch muß sich mit seiner Welt bekannt machen und alles, was er zur Lebensführung benötigt, durch Planung und effiziente Verwendung von Hilfsmitteln erwerben. Die Natur stellt sich ihm nicht direkt zur Verfügung. Er muß sich von der Situation, vom „Jetzt“, abheben und sein Handeln auf die Zukunft ausrichten, während das Tier nicht zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart unterscheiden kann. Der Mensch ist ein sehr unspezialisiertes Wesen, und genau das macht seine „Weltoffenheit“ aus.
Daraus entsteht die Frage nach dem Antriebswesen des Menschen: Wie soll seine Antriebswelt beschaffen sein, damit er sich durch Handlungen am Leben erhalten kann?
Es ist die Frage nach den Existenzbedingungen dieses schutzlosen und bedürftigen Wesens, das handeln muß, um am Leben zu bleiben. Der Mensch, ein „Mängelwesen“ ( Gehlen 1978, S. 20), das vorwiegend durch seine Mängel, also Unspezialisiertheiten organischer Art ( bzw. Primitivismen) bestimmt wird, wäre unter natürlichen Bedingungen längst ausgerottet. Zunächst sei festgestellt, dass die antriebe des Menschen auf Handlungen und Ziele bezogen / orientiert werden müssen. Es erscheint lebensnotwendig, Bedürfnisse zu hemmen und aufzuschieben, um rational die Mittel zur Erreichung des angestrebten Zieles logisch zu planen. Der Mensch hat sogar das Bedürfnis, seine Antriebe zu hemmen. Das Antriebsleben muß dem Menschen bewußt sein (Gehlen 1978, S.55f), damit er es entsprechend zweckrational leiten kann. Aufgeschobene Bedürfnisse führen zu einem Hiatus zwischen Bedürfnis und Erfüllen. In diese Lücke tritt ein System an Weltorientierung, nach dem der Mensch seine Handlungen ausrichtet. Die Instinktreduktion hemmt folglich den Reflexautomatismus und setzt gleichzeitig Verhaltensweisen des Menschen frei.Die Menschwerdung erfolgt also letztendlich durch Instinktreduktion.
Ein Medium der Triebbeherrschung ist die vom Menschen geschaffene Kultur. Nichtsdestotrotz ist der Mensch mit einem ständigen Antriebsüberschuß konfrontiert.Dieser ermöglicht ihm sowohl schöpferische Tätigkeiten,als auch die Entstehung „auf Dauer gestellten Strukturen“ ,die nach Gehlen (Gehlen 1978, S.61) Charakter ausmachen. Das spezificum humanum manifestiert sich in der „indirekten Verhältnisnahme in der Handlung“ (Fonk 1983, S. 66). Der Mensch verfügt über seine Triebe und ihre Befriedigung. Dadurch werden seine Handlungen sachgemäß und wiederholbar. Antrieb und Handlung werden voneinander abgekoppelt, so dass Kultur lebensnotwendig wird. Der Mensch steht nämlich unter „ Formationszwang“, da sein Antriebsüberschuß apriorisch ist. (Vgl. Gehlen 1978, S. 59). Seine Zuchtbedürftigkeit wird an dieser Stelle offenbart. Weiterhin ist das menschliche Antriebswesen auf Besetzung mit
Erfahrungen, Erinnerungen oder Vorstellungen ausgelegt. Der Mensch ist nicht in der Eindrucksflut gefangen, da er bereits durch das Zusammenwirken von Hand und Auge in seiner Kindheit Symbole schafft. Seine Reflexivität führt zu einer „inneren Welt“ von Phantasmen/Gedanken unabhängig von der jeweiligen Reizsituation.
Der Schlüssel zur menschlichen Antriebsstruktur ist der Begriff der „Handlung“. Der Mensch lebt handelnd, also zukunftsorientiert ( vgl. Gehlen 1978, S. 301). Das Antriebsleben muß wie gesagt orientierbar sein, d.h., zwischen Mittel und Zweck unterscheiden und planen. Der „weltoffene“ Mensch ist entwicklungsfähig und wird zum sozial festgestellten und zum historischen Wesen.
2. Sonderstellung des Menschen aus biologischer Sicht Wie bereits angedeutet, ist der Mensch laut Gehlen biologisch (morphologisch) durch Mängel hauptsächlich negativ bestimmt. (Gehlen 1978, S.33) . Ihm fehlt ein natürlicher Witterungsschutz (Fell), sowie Angriffs- oder Fluchtorgane. Seine Sinnesorgane (Augen, Nase, Ohren) sind ebenfalls von begrenzter Kapazität, ihm fehlen eindeutige Instinkte und er hat eine vergleichsweise lange Aufzuchtszeit. Weltoffen ist er auf Änderungen seiner Umwelt angewiesen. So „ sinnesarm, waffenlos, nackt“ erscheint er embryonisch. ( Fonk 1983, S.77)
Durch seinen Instinktmangel ist er losgelöst vom periodischen Wandel der Natur. Seine Triebe (z.B. Geschlechtstrieb) sind deshalb chronisch und permanent abrufbar. Aus dem Überschuß an Antrieben folgt der Formierungszwang, das Bedürfnis nach Sittlichkeit und Normen. Der Wille des Menschen ist hierbei zentral. Mit seiner Hilfe tritt der Mensch nur indirekt seinen Trieben gegenüber. Der Mensch wird von Gehlen als Zuchtwesen beschrieben. Seine Sonderstellung zeigt sich unter anderem in seiner Ontogenese: Er hat bei seiner Geburt ein sehr hohes Hirngewicht und unfertige Gliedmaßen. Nach einem Jahr ist er soweit entwickelt, wie ein Säugetier bei seiner Geburt. Der Mensch wird somit als „physiologische Frühgeburt“ und „sekundärer Nesthocker“ ( Gehlen 1978, S.45) bezeichnet. Im Folgenden stellt sich die Frage, wie die morphologische Mängelausstattung zu erklären sei. Laut Gehlen gibt es zwei Möglichkeiten:
a) Seine Primitivismen sind ontogenetisch, also bewahrte Fötalzustände, oder
b) Phylogenetisch, wonach der Mensch geologisch alt sei (vgl. Gehlen 1978, S.86f)
Gehlen zweifelt deshalb an der gradlinigen Abstammung des Menschen vom Primaten, da die Organprimitivismen des Menschen nicht von den Spezialisierungen der Primaten herleitbar sind. Menschliche Merkmale sind permanent gehaltene Fötalzustände, die z.B. Affen in der Fötalentwicklung durchlaufen, bevor sie sich spezialisieren. Der Mensch ist Produkt eine Retardation der Entwicklung. Gehlen knüpft hier an die Theorien von Bolk und Schindewolf an.
3. Kulturwesen und Zuchtwesen Mensch
Die Folgerung aus diesem Menschenbild sind folgende: das Mängelwesen ist auf Kultur angewiesen ,seine Identität entsteht indirekt durch eine
Enkulturation.Auf diese weise kompensiert er seine instinktlosigkeit.Instinkte werden durch Gewohnheiten oder innerhalb von Institutionen ersetzt.Der Mensch findet sich in der Welt zurecht ,indem er lernt und sich an Normen orientiert (vgl. Fonk 1983.S.89f).Desorientierung des Menschen kann aber auch Folge des Antriebslebens sein.
Seinen unvollständigen Trieben überlassen,würde der Mensch nach dem Recht des Stärkeren handeln und der Hobbesianische „Krieg eines jeden gegen Jeden“ würde Wirklichkeit werden. Daraus leitet Gehlen die Notwendigkeit „kultureller Führungssysteme, um seine Natur heranzuzüchten“ ( Fonk 1983, S. 92) her. Der Mensch erscheint in Anbetracht seiner Unberechenbarkeit und Affektbestimmung zuchtbedürftig. Er braucht invariante Werte und Normen, denen er sich, um zu überleben, fügen muß. Der Mensch ist ein „Kulturwesen“ (Gehlen 1978, S. 348), das nur in einer selbstgeschaffenen „nature artifizielle“ lebensfähig ist. (Gehlen 1978, S. 303).
Die Menschwerdung (s.o.) hat also die Existenz von Institutionen als Voraussetzung.
4. Eine kritische Betrachtung des Menschenbildes A. Gehlens Gehlen schreibt dem Menschen das Bedürfnis nach max. Ordnungsstiftung im Strom von Eindrücken und Ereignissen zu.
Der Mensch brauche Zusammenhänge und Regelmäßigkeiten, wozu er sich willig einer „Superstruktur“ ( Matzker 1998 S.132) beuge. Gehlen überschätzt die Ordnungsbedürftigkeit und vereinfacht , sprich totalisiert Ereigniszusammenhänge.
Nach Gehlen brauche der extrem reizzuggängige Mensch regeln zur Kanalisierung der Ereignisse und ein somit geordnetes Weltbild. Diese Behauptung erweist sich jedoch als extrem gefährlich, zumal man aus ihr folgern kann, daß dem vernunftbegabten Menschenwesen seine Autonomie größtenteils abgesprochen wird. Er soll permanent bevormundet werden. „Der Mensch will betrogen werden , um sich in dieser Welt einigermaßen einrichten zu können“ (Matzker 1998, S. 132).
Gehlen verachtet praktisch den einzelnen und stellt ihn als abergläubischdümmliches und extrem obrigkeits- und ordnungsbedürftiges Geschöpf dar, was freilich eine falsche Generalisierung ist.
Er stellt alle Menschen auf dieselbe Stufe, auf welcher lediglich Orientierung an Autorität, und zwar blinder Gehorsam ohne kritische Reflexion, am Übergeordneten möglich ist. Gehlen übersieht, oder ignoriert sogar, daß der Mensch zu Orientierung an höheren ethischen Prinzipien durch ein hochentwickeltes Wertesystem (Gewissen) befähigt ist. An dieser Stelle wird Gehlens Affinität zum Nationalsozialismus ( siehe Einleitung) besonders deutlich.
Gehlens Gesellschaftsbild formt sich auf diesem Hintergrund zu einem gänzlich undemokratischen, reaktionärem Gebilde: „eine sich dem einzelnen übergeordnete Zivilisation, eine Zivilisation, die Initiationen, Reifwerdung der einzelnen, nur noch in ganz eingeschränktem Maße zuläßt - und auch vernunftbezogene Anpassungsvorgänge verhindert.“ (Matzker 1998, S. 134)"
sry für den langen Post, aber ich find alles da interessant, habe also alles mitgenommen
