Author Topic: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )  (Read 1214 times)

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Offline Eichhörnchen

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Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« on: December 02, 2012, 07:34:55 am »
Blut, Schweiß und Tränen


Teil 1 - Auraya


Im Grunde seines Herzens war Ikelu ein Krieger, den nur wenig beeindrucken konnte. Doch jetzt im Angesicht der unzähligen Lichter am Himmel, die herunterfielen, schlich sich das Unbehagen an ihn heran und drohte ihn zu überwältigen. Fasziniert und erschreckt zugleich starrte Ikelu auf das seltsame Schauspiel. Waren das die Himmelsmenschen, die wie ein Regen, der nicht mehr aufhörte, über sie kamen? Vielleicht hatten sie unbewusst den Zorn Eywas heraufbeschworen. Erst war es nur ein fernes Grollen gewesen, dem die erfahrenen Jäger keine Beachtung schenkten. Kurze Unwetter verbunden mit teils heftigen Gewittern kamen häufiger auf der Dschungelwelt vor. Doch diesmal war alles anders. Im Laufe von wenigen Augenblicken hatte sich das Geräusch zu einem ohrenbetäubenden Heulen entwickelt, dass die anderen Laute des Urwalds übertönte und verstummen ließ. Ein besonders großes leuchtendes Objekt fesselte die Blicke der noch jungen Ureinwohner. Ikelu riss sich davon los und packte Varyu, der ihm am nächsten stand. “Zu den Pferden komm oder die Ayvrrtep werden uns verschlingen!” Das schrille Pfeifen und Kreischen wurde immer lauter und machte eine normale Verständigung kaum noch möglich. Inzwischen hatte der Krieger seine Meinung revidiert, dass es sich bei den Erscheinungen um die verhassten Himmelsmenschen handelte. Vielmehr machte sich ein Gefühl von Furcht in ihm Platz, dass sich auch auf seinen Gefährten übertrug. “Warte mal, Ikelu. Was ist mit den anderen? Sein ausgestreckter Arm deutete auf die unschlüssig wartenden Jäger, die weiter entfernt in einer Senke standen. Ikelus Blicke wechselten gehetzt von den Lichtern am Himmel, zu ihren Brüdern und dann zu den wartenden Pa’li, die einzig noch Rettung versprachen. Seine Rufe wurden ihm vom aufkommenden Wind von den Lippen gerissen. Zu weit, dachte Ikelu. Sie konnten ihnen nicht mehr helfen. Entschlossen packte er seinen Speer und stürmte auf die Pa’li zu, dicht gefolgt von Varyu, der seine Blicke immer wieder angstvoll zum Himmel richtete. Ikelu schwang sich auf sein wild tänzelndes Reittier und stellte Tsahelu zwischen ihnen her. Augenblicklich beruhigte sich das Pferd und schnaubte kraftvoll auf. Varyu erklomm ebenfalls sein Pa’li. Mit ausdruckslosem Gesicht ohne eine Spur von Furcht in seiner Stimme rief der Krieger. “Makto Ko!” Unter kraftvollen Hufschlag stürmte das Tier davon, dicht gefolgt von seinem Begleiter, der ebenfalls sein Pferd zur Eile antrieb. Hinter ihnen wurde das Heulen unerträglich und drohte ihnen die Trommelfelle zu zerreisen. Eine gewaltige Explosion erschütterte den Boden. Von einer Sekunde zur anderen wurde der Urwald in weißes Licht getaucht, während um sie herum das Brechen der Baumstämme ertönte. Im gleichen Moment erreichte die gewaltige Druckwelle die flüchtenden Krieger und riss sie von ihren Pferden. Ikelu wurde von der Wucht über den Kopf seines Tieres katapultiert und überschlug sich mehrmals, bevor er heftig atmend liegen blieb. Schneller als es selbst die gewandten Krieger vermochten, kamen die Pa’li wieder auf die Beine und stoben unter angstvollen Schnauben davon. Wütend rief Ikelu ihnen nach, doch selbst die vertraute Stimme des Na’vi konnte sie nicht zum Umkehren bewegen. Sein Begleiter richtete sich torkelnd auf und blickte voller Entsetzen zurück auf das Flammenmeer.
“Das ist allein deine Schuld ma Ikelu. Wir hätten unsere Brüder retten können.” “Fnu skxwang! Wären wir zu ihnen geeilt, ständen wir nun alle vor unseren Ahnen.” Die harten Worte des Na’vi verfehlten nicht ihre Wirkung auf den Jäger. Doch noch dachte Varyu nicht daran, klein beizugeben. Zu tief saß ihm der Schrecken des eben Erlebten in den Knochen und zum ersten mal seit er Ikelu kannte, war er verunsichert über die Entscheidung des erfahren Kriegers. “Ich werde unserem Anführer alles so berichten, wie es sich zugetragen hat, ma Ikelu. Er wird darüber entscheiden, ob wir falsch gehandelt haben. Ikelu stieß pfeifend die Luft aus. “Das wirst du nicht. Ich werde selbst mit dem olo’eyktan reden. Oder willst du mir diese Ehre verweigern?” Sein Begleiter rang sichtlich mit seinen aufwallenden Emotionen, die verhinderten, jetzt und hier einen klaren Entschluss zu fassen. Schließlich stimmte er ein. Gegen die ungeschriebenen Gesetze seines Stammes wollte auch Varyu nicht verstoßen. “Tam tam, ma Ikelu. Ich werde mich dir nicht in den Weg stellen. Varyu befand sich in einer für ihn überaus verzwickten Situation. Er war keineswegs überzeugt davon, was sein Bruder getan hatte, aber der Gehorsam zwang ihn, sich nicht offen gegen den Anführer zu stellen. Dazu gesellte sich noch ein ganz privates Dilemma. Der junge Ureinwohner war Ikelus smuke Auraya mehr als nur zugetan. Ein offener Bruch mit dem Krieger würde es sehr erschweren wenn nicht gar unmöglich machen, ihre Gunst zu erringen. Bei den Gedanken an das bildhübsche Na’vi Mädchen schwanden alle missmutigen Empfindungen schlagartig aus seinen Gedanken. Aurayas liebliches Gesicht erschien vor ihm, lächelte ihm zu und ihr Blick forderte ihn auf, endlich den ersten Schritt zu tun. Etwas Hartes traf ihn am Schädel und riss den Jäger in die raue Wirklichkeit zurück. Von einem brennenden Schmerz erfüllt, fasste er sich an die getroffene Stelle. Vor ihm lagen mehrere Nüsse auf dem Waldboden. “Träumst du, ma Varyu?” Ikelus wütende Stimme übertönte selbst das Prasseln des immer heftiger um sich greifenden Feuers. “Wir müssen weiter, sonst treten wir doch noch vor unsere Ahnen.” Varyu sah sich nervös um. Er musste Ikelu recht geben. Die Flammen fraßen sich rasend schnell an den zundertrockenen Baumriesen empor und verwandelten sie in weithin sichtbare Fanale des Schreckens. Deutlich spürte er, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel. Die Hitze wurde nahezu unerträglich und so wand sich Varyu schweren Herzens von der tosenden Flammenhölle ab. Gerade hatten sie benommen die ersten Schritte hinter sich gebracht, als eine dünne Stimme an ihre empfindlichen Ohren drang. “Srung… ma Varyu. Srung! Rutxe!” Die letzten Worte waren in heller Panik ausgestoßen wurden. Varyu suchte Blickkontakt mit Ikelu, der reglos stehen geblieben war und gehetzt versuchte, den Ursprung der Hilferufe zu ergründen. Immer verzweifelter gellten die Schreie aus dem rauchenden Dickicht hervor. Der Krieger zögerte nicht länger und sprang mutig über das brennende Unterholz. Todesmutig versuchte er, Hitze und Flammen um sich herum zu ignorieren, während seine feinen Ohren ihm die Richtung vorgaben, aus der die Rufe erklangen. Aus dem dichten Qualm schälte sich die am Boden liegende Gestalt einer Na‘vi. Varyu erkannte sie sofort. Laye, eine noch unerfahrene Jägerin, für die es ihre erste Bewährungsprobe nach der Erwählung durch ihren Ikran sein sollte. Hustend rang der Krieger nach Luft und hoffte, in dem beißenden Rauch nicht bewusstlos zu werden. Über Layes Bein zog sich ein tiefer blutiger Riss bis hinauf zur Hüfte. Auch der restliche Körper des Mädchens wies überall Abschürfungen und Verbrennungen auf. Varyu spurtete heran und kniete sich besorgt neben ihr nieder. “Kannst du aufstehen?” Sie versuchte sich zu erheben. Ein Schmerzenslaut kam über ihre aufgesprungenen Lippen und kraftlos sackte  Laye wieder zurück. Der Krieger zögerte nicht länger, riss die qualvoll aufschreiende Jägerin hoch und schleifte sie mit sich. Hinter ihnen erklang das Bersten von Holz, dicht gefolgt von einem dumpfen Aufprall, der den Boden erzittern ließ. Ein Funkenregen ging über ihren Köpfen nieder und zum ersten mal verspürte Varyu Todesangst. Er versuchte nach Ikelu zu rufen, doch aus seiner Kehle fuhr nur ein Krächzen. Der dichte Rauch reizte seine Lungen und erneut wurde er von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt. Ein weiterer Stamm gab den Flammen nach, brach vor ihren Augen zusammen und verwandelte seine Umgebung in eine brennende Hölle. Durch die flimmernde Hitze und die zunehmende Rauchentwicklung, war es Varyu kaum möglich, noch zu erkennen, in welche Richtung er sich bewegte. Das Mädchen war seit einiger Zeit völlig ruhig geworden und er nahm an, dass sie bewusstlos war. Seine Füße fühlten sich an wie Steine, als er sich torkelnd weiterbewegte. Varyu sah nicht mehr, wohin er ging und hoffte nur noch dem Flammenmeer zu entkommen. Eine Hand packte ihn unerwartet… Ikelu. Der Krieger hatte seine Starre überwunden und kam seinem Gefährten zu Hilfe geeilt. “Komm hier entlang. Du gehst in die falsche Richtung. Lebt sie noch?” Der Jäger spürte wie ein Hauch seinen Nacken streifte. “Sie atmet noch, aber sie ist bewusstlos. Kannst du uns hier rausführen?” Ikelu machte eine zustimmende Geste und schritt eilig voran, dicht gefolgt von Varyu, der Mühe hatte, mit der Last auf seinen Schultern Schritt zuhalten. Der Jäger merkte, wie langsam aber sicher seine Kräfte schwanden. Lange würde er das Mädchen nicht mehr tragen können. Vor ihm tauchte die vertraute Schneise auf, durch die sie vorhin mit ihren Pa’li geritten waren und noch etwas fesselte den Blick des Ureinwohners. Grinsend tätschelte Ikelu die Flanke eines ihrer Pa’li. Varyu wusste nicht, was er vor Überraschung sagen sollte. “Eywa hat dir ein Zeichen gegeben ma Ikelu.” Der Krieger nahm ihm das Mädchen ab und befahl Varyu aufzusteigen. Gehorsam folgte Varyu der Aufforderung, wenn er auch noch immer nicht so richtig begriff, wie Ikelu an das Tier gekommen war. Sein Anführer reichte ihm das bewusstlose Mädchen herauf und deutete in die Richtung, in der sie den Heimatbaum vermuteten. “Reitet ihr voraus. Das Pferd kann uns nicht alle tragen.” Varyu blickte auf die sich immer weiter ausbreitende Feuerwand hinter ihnen, doch trotz der Gefahr hatte er noch Einwände. “Ma Ikelu du kannst es nicht zu Fuß schaffen. Steig auf, bevor es zu spät ist.” Ikelu machte eine herrische Geste. “Schweig! Es ist entschieden! Ich werde mit euch mithalten und nun reite endlich los.” Der Krieger gab dem Pferd einen Klaps auf das Hinterteil, worauf das Pa’li aufschnaubte und mit seinen Reitern davon galoppierte. Ikelu warf noch einen Blick zurück, dann begann er zu rennen, wie noch nie zuvor in seinem Leben.

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“Wer ist das, Fawn? Ich habe sie hier noch nie gesehen.” “Du bist halt immer noch ein Himmelsmensch”, erwiderte die kleine Jägerin ungewohnt schnippisch. “Das ist Ikelus smuke Auraya . Sie ist ihrem Bruder vom Charakter mehr als nur ähnlich.” Brian rollte belustigt mit den Augen. Auraya schritt lächelnd an ihnen vorbei. Nein, korrigierte sich Brian: Die junge Na’vi stolzierte und setzte in vollendeter Anmut einen Fuß vor den anderen. “Also so vom Erscheinungsbild her, ist sie schon ein ansehnliches Ding.” “Was?” Im nächsten Augenblick hieb Fawn ihm mit der flachen Hand auf den Kopf. “Sie ist genauso eingebildet wie ihr smukan! Dabei ist sie zu nichts nütze. Hast du mal beobachtet, wie sie ihren Bogen hält? Aus ihr wird nie eine Jägerin werden.” “Du solltest nicht so abfällig über eine unserer Schwestern sprechen, ma Fawn.” Iley hatte die Bearbeitung eines neuen Pfeils unterbrochen und sah Fawn fest in die Augen. Die kleine Jägerin glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und wurde bockig, als sie merkte, wie Iley Partei für Auraya ergriff. “Ach und warum hat sie dann die Prüfung der Jäger nicht abgelegt und ihren Ikran erwählt, so wie es Brauch in unserem Stamm ist?” Der große Krieger nahm erneut den swizaw zur Hand und setzte seine Schnitzerei fort. “Sie ist noch sehr jung und wird ihre Gründe dafür haben. Eywa wird ihr ein Zeichen geben, wenn der richtige Moment gekommen ist.” Fawn fauchte ihren smukan an und hielt ihm drohend einen Finger unter die Nase. “Fnu ma Iley! Jeder unserer Brüder und Schwestern weiß doch, dass du… .” Sie stockte, als ihr bewusst wurde, dass sie gerade zu weit ging. Iley schrie wütend auf, ließ seinen Dolch fallen und betrachtete den tiefen Schnitt in seinem Finger, aus dem das Blut tropfte. “Yewla!” Ohne die sonst übliche Geste des Abschieds erhob sich der Krieger und stampfte davon. Sein Messer und die angefertigten Pfeile lies er achtlos im Gras liegen.
“Was hat er denn Fawn?” Die Jägerin sah völlig fassungslos ihrem Bruder nach. Erst als Brian sie erneut ansprach, reagierte Fawn, so als erwache sie aus einer Trance. “Ma Brian, geh ihm hinterher und sage ihm das es mir leid tut. Rutxe!” Brian überprüfte den Sitz seiner Maske, die durch den Schlag etwas verrutscht war. “Sicher mache ich das Fawn, aber es wäre hilfreich, wenn mir gelegentlich mal jemand etwas erklären würde.”

Iley saß am Ufer des Flusses das verlassen da lag bis auf ein paar Na’vi Frauen, die in einiger Entfernung mit dem Fischfang beschäftigt waren. Mit ausdruckslosen Blick starrte der Krieger auf die andere Seite. Brian hielt sich etwas abseits und überlegte, wie er sich am besten verhalten sollte. Irgendetwas hielt ihn davon ab, einfach auf Iley zuzugehen, obwohl er nun sein Bruder war. Im nächsten Moment wurde er dieser Sorge enthoben. “Komm her zu mir ma Brian. Du machst mehr Lärm als ein Thanator auf der Jagd.” Über das Gesicht des Söldners zog ein breites Grinsen. Inzwischen hatte er es aufgegeben, sich an Iley heranschleichen zu wollen. Egal wie geschickt er sich auch dabei anstellte, für die empfindlichen Ohren des Kriegers, war er zu keinem Zeitpunkt eine Herausforderung und seine Versuche allenfalls erbärmlich sich ihm unbemerkt nähern zu wollen. Er setzte sich neben den für menschliche Maßstäbe gewaltigen Krieger. “Meine smuke schickt dich?” Brian nickte und blickte zu den gelben Augen auf, die ihn interessiert ansahen. “Srane, sie möchte Verzeihung von dir haben.” Iley deutete ein gefälliges Lächeln an. “Eines Tages wird noch ein richtiger Na’vi aus dir, ma Brian. Sag meiner smuke, dass ich nicht verärgert bin, auch wenn ihre Bemerkung unnötig war.” Brian fingerte an dem kleinen Empfangsgerät an seinem Hals herum. Immer noch trug er es, obwohl es längst nicht mehr funktionierte. Irgendwie schaffte der Söldner es nicht, sich davon zu trennen. Eine Erinnerung an längst vergangene Tage. “Es geht mich ja nichts an, doch würdest du mir erzählen, warum Fawn so aufgebracht war? Was meinte sie damit, dass jeder unserer Brüder und Schwestern Bescheid weiß?” Iley betrachtete den Fluss, der sich wie ein glänzendes Band dahin zog und keine Regung auf seinem Gesicht verriet, ob er bereit war, überhaupt eine Antwort zu geben. Eine für Brian endlose Zeit verstrich, in der sie nur still nebeneinander saßen. In der Ferne vernahmen sie das Kichern der Na’vi Mädchen, als eine von ihnen ausrutschte und ins Wasser klatschte. Brian lächelte still in sich hinein und warf Iley wieder einen flüchtigen Blick zu. Dann als er schon glaubte, dass der Krieger sich nicht mehr äußern würde und er sich erheben wollte, sagte Iley überraschend. “Auraya war das erste Mädchen in unserem Stamm, für das ich mich interessierte ma Brian. Das war lange bevor ich auf Awaiei aufmerksam wurde und sie wohl auch auf mich. Sie war so unglaublich jung und dennoch fühlte sie sich geschmeichelt, dass ein Krieger sie begehrte.” “Ich verstehe nicht Iley. Wenn ihr euch mochtet, warum hast du dann Awaiei zur Frau genommen?” Zum ersten mal seit Brian den gewaltigen Krieger kannte, seufzte Iley bekümmert auf und ein Ausdruck von Wehmut erschien auf seinem Antlitz. “Sie genoss das Interesse an ihr ma Brian, aber Auraya erwiderte meine Gefühle für sie nicht.” “Du liebst sie noch immer?” Brian wusste nicht wie der Krieger auf diese direkte Konfrontation reagieren würde, aber irgendetwas zwang ihn unbewusst danach zu fragen. “Kehe ma Brian. Auraya ist ein wirklich hübsches Mädchen, aber mein Herz gehört nun meiner muntxate. Ich könnte mir niemand besseren an meiner Seite wünschen.” Brian musste unbewusst lächeln, ging es ihm doch in Bezug auf Fawn ebenso. “Unsere Rassen sind sich sehr ähnlich Iley, erwiderte er stattdessen.” Iley leckte nachdenklich über den Schnitt in seiner Hand. “Ich weiß nicht, ma Brian. Es gibt viele unter unseren Brüdern und Schwestern, die der Ansicht sind, dass es nie Frieden mit den Himmelsmenschen geben kann.” Die Offenheit Ileys wirkte auf Brian erfrischend. “So meinte ich das nicht Iley. Mir ist bewusst, dass zwischen uns Welten liegen und damit meine ich nicht nur die Entfernung.” “Dann erkläre es mir, ma Brian.” Der Söldner sah sich um. Immer noch lag das Ufer beinahe leer und verlassen vor ihnen. Die meisten Na’vi waren beim Fischen, Jagen oder mit andern Arbeiten beschäftigt, die das harte Leben in der Wildnis so mit sich brachte. “Ihr seid wie wir früher einmal waren Iley. Irgendwann ist uns diese Naturverbundenheit verloren gegangen und wir haben damit begonnen, uns selbst und unsere Welt zu zerstören. Ihr steht am Anfang dieser Entwicklung und die Zukunft wird zeigen, welchen Weg ihr einschlagen werdet.” Der Krieger bedachte ihn mit einem langen prüfenden Blick. Dann legte er eine seiner riesigen Hände auf Brians Schulter. “Nun dafür hat dich Eywa zu uns geschickt, damit wir aus euren Fehlern lernen können.” Brian überraschte diese Aussage sichtlich und er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. So versuchte er ihrem Gespräch eine andere Richtung zu geben. “Wie geht es deiner muntxate? Hat sie sich von den Schrecken ihrer Gefangenschaft erholt?” Iley versuchte wie meist wenn ihn etwas bedrückte, es hinter einer steinernen Fassade zu verbergen. “Awaiei schläft viel, soweit es ihr Kind zulässt, ma Brian.” “Das erklärt, warum wir sie die letzten Tage nicht mehr bei den gemeinsamen Mahlzeiten sahen. Deine smuke begann sich schon Sorgen zu machen.” Zufrieden hielt Iley seinen Finger hoch. Inzwischen war die Blutung zum Stillstand gekommen. “Die Wahrheit ist, dass Awaiei kaum etwas isst und wenn behält sie nur sehr wenig bei sich. Ich bete jeden Tag zu Eywa, dass es ihr wieder besser geht.” Iley erhob sich und blickte auf den Söldner hinab. “Ich werde nun nach Awaiei sehen und meine Arbeit fortsetzen.” Brian nahm das als Zeichen zum Aufbruch und folgte seinem Beispiel. “Ich danke dir ma Brian, dass du sie und das Kind gerettet hast.” “Du hättest für mich das Gleiche getan, wenn Fawn in Schwierigkeiten geraten wäre”, erwiderte Brian. Iley deutete statt einer Antwort ein leichtes Nicken an und schritt davon. Eine Zeitlang stand Brian nur regungslos am Ufer und ließ die Eindrücke seiner Umgebung auf sich wirken, bevor er zu ihrem Lagerplatz in der Nähe zurückkehrte.

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Auraya hatte im vorbeigehen die Worte der kleinen Jägerin vernommen, sich aber nichts anmerken lassen. Innerlich arbeitete es dennoch in ihr und sie sann auf eine Möglichkeit, es Fawn heimzuzahlen. Wie sie es auch drehte und wendete, erst musste sie die Prüfung der Jäger bestehen. Ikelu würde ihr Lehrmeister sein und Varyu sie bei dem nicht ungefährlichen Unterfangen begleiten. Er konnte gar nicht anders, wie seine begehrlichen Blicke, die er ihr bei jeder Gelegenheit zuwarf, vermuten ließen. Bisher hatte sie die Prüfung vor sich her geschoben, obwohl sie das entsprechende Alter dafür erreicht hatte. Danach würde man von ihr erwarten einen der Krieger zu erwählen. Auraya beunruhigte diese Aussicht fast noch mehr, als die Gefahr, bei der Erwählung durch den Ikran verletzt oder sogar getötet zu werden. Sie war sich ihrer Wirkung auf die anderen Krieger ihres Stammes sehr wohl bewusst und genoss das Interesse, dass sie ihr entgegenbrachten. Grinsend erinnerte sie sich daran, wie Varyu ihr einmal eine der seltenen Bananenfrüchte überreicht hatte. Sie hatte es als eindeutigen Liebesbeweis gesehen, ließ ihn aber weiterhin im ungewissen. Auraya erwiderte seine Gefühle nicht in dem Maße, wie er es sich vielleicht gewünscht hätte, dennoch beschloss sie, ihren Vorteil aus seiner Zuneigung zu ziehen. Zu ihrem Leidwesen, waren Ikelu und Varyu auf der Jagt und die Na’vi hoffte, dass sie so schnell wie möglich zurückkehrten. So sehr sie die bevorstehende Herausforderung auch verunsicherte… sie benötigte ihren eigenen Ikran für das, was sie vorhatte.

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Schneller als sie es selbst erwartet hatten, erreichten die Krieger erschöpft aber glücklich den vertrauten Heimatbaum. Sie gaben die schwer verletzte Jägerin in die Obhut der Schamanin, die sie sogleich umsorgte. Nachdem sie sich etwas ausgeruht und gestärkt hatten, trat Ikelu schließlich ihrem Anführer gegenüber und gab einen umfassenden Bericht ab. Wie er und Varyu es vermutet hatten, war der olo’eyktan äußerst verärgert über den Ausgang ihrer Jagd. Allerdings lobte er ihre Besonnenheit und das sie die noch unerfahrene Jägerin unter Einsatz ihres eigenen Lebens gerettet hatten. Da aus den Schilderungen nicht zu klären war, um was es sich bei den Objekten gehandelt hatte, beschloss der Anführer abzuwarten. Ein allgemeines Verbot wurde ausgesprochen, dass sich keine Angehörigen des Stammes allein in den Urwald begeben durften, mit Ausnahme der Frauen welche Früchte und Larven für die täglichen Mahlzeiten sammelten. Auch für die beiden zurückgekehrten Krieger kündigte er Konsequenzen an. Auf dem Weg zu ihrem Lagerplatz war es Ikelu, der unerwartet das Gespräch suchte. “Ma Varyu, ich möchte dir meinen Dank geben, dass du meinen Ausführungen vor unserem Anführer zugestimmt hast. Möchtest du morgen mit uns zusammen das Essen einnehmen? Ich denke, meine smuke wäre erfreut, die Gegenwart eines so furchtlosen und intelligenten Kriegers zu genießen. Varyu verbarg gekonnt seine Überraschung. Die Aussicht, dass er Auraya wieder sehen und den abend neben ihr verbringen würde, war mehr, als er sich zu hoffen gewagt hatte. “Ma Ikelu ich bin erfüllt von Freude und nehme dein Angebot an. Irayo.” Mit einer Abschiedsgeste ließ Varyu den Krieger allein zurück. Er hatte noch einiges vorzubereiten und wollte sich Auraya von seiner besten Seite präsentieren. Ikelu sah ihm eine Weile nach, dann kletterte er hinauf zu seinem Schlafplatz, um sich etwas auszuruhen.

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Brian hörte, wie sich jemand ihrem Lagerplatz näherte und öffnete schläfrig die Augen. Die letzte Nacht hatte er wieder länger als beabsichtigt mit Fawn gekuschelt und noch anderes, bei deren Erinnerung seine Mundwinkel verdächtig anfingen zu zucken. Iley schob sich über ihn in sein Sichtfeld und grinste ihn breit an, eine Tatsache die ebenso bemerkenswert war, wie die, dass Fawn immer noch neben ihm lag und sich nicht rührte. Sonst war die kleine Jägerin immer die erste und liebte es sich vor dem gemeinsamen Essen in die belebenden Fluten des nahen Flusses zu stürzen. “Ma Brian, ihr dürft die nächste Zeit das Lager nicht verlassen. Der olo’eyktan hat es so entschieden.” Im gleichen Augenblick war Brian schlagartig wach. “Was ist denn passiert? Wurden Himmelsmenschen in der Nähe des Lagers gesichtet?” Iley machte eine Geste mit der Hand. “Das nicht ma Brian. Die Jäger sind überraschend zurückgekehrt und sie haben viele unserer Brüder und Schwestern verloren. Nur die junge Laye konnten sie retten. Allerdings ist es fraglich, ob sie die nächsten Tage überstehen wird und ihre Eltern sind deshalb in großer Sorge. Alles liegt nun in Eywas Hand.” “Brian richtete sich auf, doch selbst jetzt musste er noch zu dem großen Krieger aufsehen. “Vielleicht würde schon etwas Medizin helfen”, meinte Brian mit einem leicht sarkastischen Unterton in der Stimme. Iley tat wie immer so, als überhöre er die Anspielung.
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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #1 on: December 02, 2012, 07:37:09 am »
“Ma Brian, unsere Schamanin hat alles getan, was in ihrer Macht steht. Du wirst ihr nicht helfen können.” Fawn rührte sich und blickte völlig verwundert erst auf ihren Bruder dann auf Brian. Im nächsten Moment erhielt der Söldner einen Schlag auf den Kopf. “Für was war das denn jetzt Fawn?” Statt einer Antwort fauchte sie. “Warum hast du mich nicht geweckt ma Brian?” Sie richtete sich noch leicht benommen auf und sah Iley mit verstimmten Gesichtsausdruck an. “Ma Iley, ist etwas passiert? Geht es Awaiei und dem Kind gut?” Iley machte eine beruhigende Geste. Brian ergriff die Initiative. “Wir dürfen das Lager nicht verlassen Fawn. Irgendetwas hat einige Jäger getötet.” Fawn sah ihn ungläubig an und zeigte dann ihre Reißzähne. “Nicht irgendetwas ma Brian”, sagte Iley tadelnd. Es waren merkwürdige Lichter, die aus den Wolken herunterfielen. Zumindest ist es das, was die zurückgekehrten Krieger berichtet haben.” “Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als selbst nachsehen zu gehen. Was meinst du Fawn? Sein Gesicht hatte einen merkwürdigen Ausdruck angenommen und Fawn begann heftig zu schlucken. “Kehe ma Brian. Kehe. Das kann nicht dein ernst sein. “Die Anweisung gilt auch für dich Brian”, erwiderte Iley und nun lag echter Vorwurf in seiner Stimme. “Schon gut. Ich meinte ja nur. Stecken wir also den Kopf in den Sand.” Iley sah ihn verwundert an. “Wie meinst du das ma Brian?” “Oh… eine menschliche Redensart. Ich wollte damit sagen, dass wir uns dem Wunsch des Anführers beugen.” Fawn schnalzte unwillig mit der Zunge, als sie den spöttischen Ausdruck auf Brians Gesicht sah. Iley hingegen schien nichts zu bemerken und richtete sich erfreut auf. “Eine weise Entscheidung ma Brian. Ich muss nun gehen. Es werden Wachen benötigt und ich bin ihnen zugeteilt worden.” Nachdem Iley verschwunden war, packte Brian ein paar Dinge zusammen. “Ma Brian was hast du vor?” “Nach was sieht es den aus Fawn?” Ihre gelben Augen blickten unsicher auf den Rucksack. “Kehe ma Brian. Sag mir, dass das nicht wahr ist. Da mache ich nicht mit.” Brian zeigte sich von ihrer ablehnenden Haltung wenig beeindruckt. “Oh doch du wirst. Wer soll sonst auf mich aufpassen? Oder möchtest du mir erzählen, dass du nicht ein klitzekleines bisschen neugierig bist?” Fawn richtete sich auf und machte ein unglückliches Gesicht. Brian sah wie sie mit sich selbst rang. Schließlich entfernte sich das junge Na’vi Mädchen wortlos. “Nach dem Abendessen brechen wir auf Fawn”, rief Brian ihr nach. Nur ein gefauchtes “Tsahey”, erreichte ihn noch als Antwort, dann war sie zwischen den Büschen verschwunden. Er grinste still in sich hinein. Sie würde mitkommen, dafür kannte er sie viel zu gut. Entschlossen, seinen Plan durchzuziehen machte der Söldner sich wieder an die Arbeit.

Das gemeinsame Abendessen lag hinter ihnen und Brian fühlte sich als habe er mehrere Kilo zugelegt. Inzwischen hatte er gefallen an den Speisen der Ureinwohner gefunden, was sich darin äußerte, das er herzhaft zulangte. In dem Trubel am Feuerplatz hatte er es mit Fawns Hilfe sogar geschafft, etwas Nahrung für unterwegs beiseite zuschaffen. Es hatte ihn in Erstaunen versetzt mit welcher Geschicklichkeit die kleine Jägerin dabei zu Werke ging.
Gerade war Brian dabei, sich mit der Jägerin im Schlepptau zum nahen Fluss hinunter schleichen, als eine bekannte Stimme ihnen Einhalt gebot. “Ftang! Wo wollt ihr hin?” Zwischen den mächtigen Stämmen der uralten Baumriesen trat die nicht minder eindrucksvolle Gestalt Ikelus hervor und Brian fragte sich zum wiederholten Male, wie der Krieger es immer schaffte sich vor neugierigen Blicken verborgen zu halten. Fluchend trat er loses Blattwerk vor sich davon. Ein paar Augenblicke später und sie wären im dichten Gestrüpp der Uferböschung verschwunden gewesen. “Was habt ihr vor? Die Frauen sind längst ins Lager zurückgekehrt. Ihr dürft nicht allein hinaus.” Brian seufzte auf und näherte sich dem Krieger, wobei er den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzusehen. Das es ausgerechnet Ikelu war, dem sie über den Weg laufen mussten, verärgerte den Söldner. Ein Blick in Fawns geweitete Augen zeigte deutlich, dass es ihr nicht anders erging.
“Schließ deine Augen Ikelu. Nur für einen Moment und tu so, als ob du uns nicht gesehen hättest.” Eine Hand fest um seinen Speer geklammert, schaute Ikelu verwundert auf den Söldner herab. “Aber ich habe euch gesehen, ma Brian.” Kopfschüttelnd wandte sich Brian an die kleine Jägerin. “Es ist einfach hoffnungslos. Er versteht mich nicht.” Fawn trat an den Na’vi heran und ergriff seine freie Hand. Die Berührung rief unangenehme Erinnerungen in ihr hervor, doch instinktiv spürte Fawn, dass sie ihn mit allen Mitteln überzeugen musste. “Ma Ikelu, du must unserem Stammesanführer Bericht erstatten richtig?” Er nickte zustimmend. “Gut, das verstehe ich, aber du könntest dir dann wenigstens etwas Zeit lassen auf deinem Weg und nachdenken, was genau du ihm mitteilen möchtest.” “Srane das könnte ich ma Fawn. Also gut, ich werde langsam gehen und dich nicht aufhalten. Mehr kann ich nicht für dich tun.” Fawn ignorierte die versteckte Andeutung, dass er für Brian keinen Finger rühren würde und lächelte ihm stattdessen gewinnbringend an. “Irayo ma Ikelu.” Für einen Moment blitzte es verlangend in den gelben Augen des Kriegers auf, doch gleich darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle. Ikelu führte die Hand zur Stirn und wand sich dem nahen Heimatbaum zu. “Komm mit mir ma Brian. Die Jäger werden bald anfangen, nach uns zu suchen.” Er ließ sich von ihr mitziehen und tapste dabei unsicher wie ein Kind durch die dunkle Nacht. Den Weg vor sich erahnte Brian mehr, als das er ihn sah. “Glaubst du wirklich, dass wir so wichtig sind, dass sie nach uns suchen Fawn?” Sie hielt keinen Moment inne und zog ihn weiter mit sich. “Das nicht ma Brian und in deinem Fall würden es einige unserer Brüder und Schwestern ganz sicher nicht bedauern, wenn du verschwunden bleiben würdest. Aber wir beide haben eine Anordnung unseres Anführers missachtet und das werden sie nicht so einfach hinnehmen. Sie dürfen es gar nicht, verstehst du? Darum ist es besser, wenn sie uns gar nicht erst finden.” Er nickte und schritt forsch weiter voran, um soviel wie möglich Entfernung zwischen sie und den Kelutral zu bringen, bevor Ikelu einen Trupp zusammenstellen konnte, um sie wieder einzufangen.
“Alles wäre bedeutend einfacher, wenn er einfach mal lügen würde. Außer ihm hat uns schließlich niemand bemerkt. Vermutlich schlafen alle längst.”
“Was ist eine Lüüge… ma Brian?” Das seltsame Wort kam nur unverständlich über ihre Lippen. Zerknirscht schritt Brian voran und versuchte, in der Dunkelheit nicht zu stolpern. “Ich wollte damit erreichen, dass Ikelu die Unwahrheit sagt und uns damit etwas Zeit verschafft.” “Ayvrrtep.” Die kleine Jägerin benutzte den Ausdruck allzu gerne, wenn sie etwas nicht verstand. Eine Weile schritten sie schweigsam neben einander her, bis es Fawn nicht mehr aushielt.
“Warum sollte Ikelu das tun ma Brian?” Fawn war immer noch sichtlich verwirrt. Der Söldner blieb nach Luft ringend stehen und hielt ihr drohend einen Finger an die Nasenspitze. “Fang jetzt nicht auch noch damit an, Fawn!” Seine Atmung beschleunigte sich und je länger sie ihn mit ihrem unschuldigen Blick betrachtete umso wütender wurde er. “Verdammt Fawn! Was ist nur mit euch los? Kannst du mir das vielleicht mal erklären?” Sie zuckte zurück und hielt erschrocken die Hände vor ihr Gesicht. “Alles wäre so einfach, wenn du oder die anderen die Notwendigkeit einer kleinen Lüge verstehen könntet. Ich sage ja nicht, dass es immer richtig ist. Aber hin und wieder, um jemanden zu schützen, oder ihn nicht zu verletzen.” Er trat einen Stein davon und sah ihm hinterher. “Ganz einfach auch aus Liebe Fawn.” Immer noch starrte sie ihn an, doch kein Wort kam über ihre Lippen. Brians Wutausbruch verebbte wie er gekommen war und frustriert machte er die ersten Schritte voran. “Ach was soll’s. Du verstehst mich ja doch nicht.” Fawn schaute sich um und schlich dann hinter ihm her. “Nein ich verstehe dich wirklich nicht. Bist du mir nun böse?” Brian verharrte mitten in der Bewegung. Einen Moment sog er pfeifend die Luft ein, bevor er sich der kleinen Jägerin zuwandte. Nachdenklich trafen seine Blicke auf das so faszinierende Geschöpf das hinter ihm wartete. Fawn war ebenfalls stehen geblieben und betrachte jede seiner Bewegungen aufmerksam. “Na los, komm schon her.” Sie verharrte weiterhin und blickte verunsichert auf ihn herab. “Also schön, da ich es wohl verbockt habe.” Er trat seufzend auf sie zu, griff nach ihren Ohren und begann sie sanft zu streicheln. “Ich bin dir nicht böse Fawn. Nur manchmal macht ihr es einem wirklich nicht leicht.” Fawn machte ein enttäuschtes Gesicht, als er wieder losließ und nach vorne deutete. “Komm jetzt, wir müssen weiter. Sonst schafft es Ikelu vielleicht noch, uns mit seinen Kriegern zu fassen. Diese Genugtuung möchte ich ihm nicht geben.” Fawn würgte einen Klumpen in ihrem Hals herunter. Allein Ikelus Erwähnung weckte merkwürdige Empfindungen in ihr und insgeheim gab sie Brian recht. Dazu kam, dass sie ihn nicht allein lassen wollte. Der Söldner hatte unmissverständlich klargemacht, dass er mit oder ohne ihre Hilfe den Ort aufsuchen wollte, wo die seltsamen Objekte niedergegangen waren. “Tam”, kam es leise über ihre Lippen und beunruhigt schlich sie Brian hinterher.

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Nachdenklich bewegte sich Ikelu durch die Nacht auf die Schlafstätte des Anführers zu. Tausende Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum. Langsam kletterte er zu den höher gelegenen Bereichen, auf denen sich die Hängematten seines Stammes befanden. Eine letzte Anstrengung, dann stand Ikelu sicher auf einem der mächtigen Ausleger des Kelutrals. Hier oben pfiff leise der Nachtwind durch das dichte Blätterdach, welches den schlafenden Na’vi Schutz vor gelegentlichen Regenschauern bot. Er ließ sich heftig atmend nieder, wobei er mit seinem Rücken an den gewaltigen Stamm lehnte. Schon längst war sich Ikelu nicht mehr so sicher, ob es gerechtfertigt war, den Anführer aus seinem wohl verdienten Schlaf zu reißen. Vermutlich wäre er sichtlich verärgert über die nächtliche Störung, oder würde gar Ikelu selbst die Schuld geben, weil er zugelassen hatte, dass Fawn und ihr Tawtute das Lager
unbehelligt verließen. Der olo’eyktan hatte Ikelu schon damit gedemütigt, ihn einen seiner besten Krieger für die Wache einzuteilen. Ikelu war verärgert darüber gewesen, hatte jedoch die Entscheidung zähneknirschend hingenommen. Immer noch sah er keine Schuld am Tod seiner Brüder und Schwestern. Immerhin war es nur auf ihre Unerfahrenheit zurückzuführen, dass der Jagdausflug solch einen dramatischen Ausgang genommen hatte. Allerdings hatte das der Anführer ganz anders gesehen. Ikelu verkrampfte unbewusst die Hände ineinander. Er brauchte Zeit zum nachdenken. Eine Weile saß er so auf dem Stamm, in seinen Überlegungen nur von den Geräuschen des Urwalds begleitet. Schließlich erhob er sich, führte eine Hand an seine Lippen und stieß hell klingende Ruflaute aus. Erst passierte nichts, dann raschelte es über dem Krieger und sein Ikran brach durch das dichte Blätterdach. Ikelu verband sich mit ihm und nach einem letzten auffordernden Schrei erhob sich das gewaltige Tier wieder und trug ihn durch die Lüfte fort vom Kelutral mit all seinen Problemen. Wenn sein Ikran über die nächtliche Störung verwirrt war, so ließ sich das prächtige Tier in seinen Empfindungen nichts davon anmerken. Ikelu zermarterte sich das Gehirn, wie er weiter mit der Situation umgehen sollte. Er war sich bewusst, dass er seine Wache verlassen und damit selbst gegen die Anordnung des olo’eyktan verstoßen hatte. Warum musste Fawn alle um sich herum mit ihrem Himmelsmenschen immer in solche Schwierigkeiten bringen. Er gab dem Ikran einen lautlosen Befehl und flog das Waldstück um den Heimatbaum herum ab. Auf die Weise hoffte er sein Vergehen vor dem Stammesanführer später rechtfertigen zu können. Unter ihm zog der Urwald in atemberaubender Geschwindigkeit vorbei und die Nachtluft machte sich erfrischend auf seinem Gesicht bemerkbar. Langsam kehrte die Ruhe in den Krieger zurück. Seine Gedanken begannen sich wieder mit der kleinen Jägerin zu beschäftigen. Er begehrte sie noch immer und es überstieg sein Begriffsvermögen bei weitem, wie Fawn sich mit dem Tawtute verbinden konnte. Ikelu dankte Eywa insgeheim dafür, das seine smuke Auraya nicht dieselben Tendenzen zeigte. Das Gesicht Varyus tauchte in seinen Überlegungen auf. Er hatte sich in seine smuke verkuckt und setzte alles daran, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Der Jäger war zwar mutig, aber die Vorstellung das Auraya ihn erwählen könnte, beunruhigte ihn mehr als er sich es selbst eingestehen wollte. Der Krieger spürte wie sein Rachen sich zusammenkrampfte und ihm das Atmen schwerer fiel. Zum Glück hatte Auraya noch nicht ihre Prüfung abgelegt und eine Verbindung der beiden war somit ausgeschlossen, wollten sie sich nicht den Unmut des gesamten Stammes zuziehen. Ikelu ließ den Ikran zurück zum Heimatbaum gleiten. Beinahe sanft setzte das gewaltige Tier auf und wartete geduldig bis sein Reiter abgestiegen war. Kurz darauf erhob sich der Ikran mit rauschenden Schwingen erneut in die Lüfte und verschwand aus Ikelus Blickfeld. Nur das Rascheln der Zweige über ihm verriet dem Na’vi, dass sein treuer Begleiter sich nun im obersten Bereich mit seinen scharfen Krallen für die Nachtruhe festhakte. Im Schlafbereich der Na’vi herrschte nach wie vor Stille. Ikelu war dankbar dafür, entband es ihn doch der Verpflichtung, sein Verhalten zu erklären. Geschickt kletterte er bis zum Boden hinab und begab sich, so als sei nichts geschehen, wieder auf seine Wache. Bei Tagesanbruch würde er mit seinem Stammesanführer sprechen.

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Der nächste Morgen brachte Ikelu gleich die nächste Überraschung. Auraya trat vor ihn und bannte ihn mit ihren strahlenden Augen auf den Fleck. “Ma Ikelu, wir müssen reden.” “Nicht jetzt Auraya. Ich muss erst den olo’eyktan aufsuchen. Wir können uns später unterhalten”, sagte er beinahe schon abweisend. “Kehe! Ich will die Prüfung ablegen, ma Ikelu.” “Das geht nicht. Niemand darf das Lager verlassen.” Seine Worte trafen die junge Na’vi unvorbereitet, doch Auraya war genauso hübsch wie unnachgiebig. “Die Ernennung zur Jägerin darf er mir nicht verweigern!” Er wurde wütend. “Hast du keine anderen Sorgen? Laye liegt im sterben und alles ist meine Schuld. Yaryu hatte ganz recht.” Auraya riss die Augen auf. “Ma Ikelu, was redest du da? Du hast sie sicher zum Lager zurückgeführt. Der olo’eyktan schuldet dir seinen Dank.“ Sie umschloss beherzt Ikelus gewaltige Hände, neben denen ihre eigenen zerbrechlich wirkten. “Alles um was ich dich bitte, ist mir zu helfen. Es bedeutet mir wirklich viel.“ Ihre Augen warfen ihm Hilfe suchende Blicke zu, von denen sie wusste, dass sie das Herz ihres smukan erreichen würden. Ikelu befand sich in einem Gewissenskonflikt. Dabei hatte seine smuke in gewisser Weise recht. “Also gut. Wenn es dein ausdrücklicher Wunsch ist. Wer soll dich begleiten?” Auraya triumphierte innerlich. Die Zustimmung ihres smukan war ihre größte Sorge gewesen. “Ma Ikelu, ich dachte an dich und vielleicht Varyu.” Ikelu zuckte zusammen, gab aber nach einigem Zögern nach. Insgeheim kam ihm ihr Wunsch sehr gelegen, entband es ihn doch von der für ihn so lästigen Verpflichtung, weiter Wache zu halten. “Also gut, ich werde auch darüber mit dem Anführer sprechen. Ich hoffe, es ist dir diesmal ernst damit.” Seine Anspielung versetzte dem Mädchen einen Stich, aber sie war beherrschst genug, es sich nicht anmerken zu lassen. “Ma Ikelu, ich werde euch nicht enttäuschen. Nicht dieses mal.” Der Krieger entschwand ihren Blicken und Auraya hoffte, dass er sie ihren Wünschen ein Stück näher brachte.

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Brian lief hinter der hübschen Jägerin und verfolgte dabei interessiert, wir ihr langer Schwanz in rhythmischen Bewegungen hin und her pendelte. Eine Weile genoss er das sich ihm bietende Schauspiel, wobei er sich nicht an ihrer Atem beraubenden Kehrseite satt sehen konnte. Brian wusste nicht genau, warum er es tat, aber einer spontanen Eingebung folgend, griff er nach ihrem Schwanz, was ein helles Aufquieken der Jägerin zur Folge hatte.
“Ma Brian, was machst du?” Brian schmunzelte. “Nichts Fawn, ich wollte nur sichergehen, dass du real bist und ich nicht träume. “Trottel!”, kam es vorwurfsvoll über ihre Lippen. Einen Moment blickten sich beide abschätzend an, dann schnalzte sie mit der Zunge und deutete vor sich. Zuerst verstand er nicht. “Wollen wir nicht weiter?” Fawn zeigte fauchend ihre spitzen Zähne. “Srane ma Brian, aber du wirst nun vor mir laufen.” “Fawn es tut mir leid. Ich mag einfach deinen aufregenden Körper.“ Ihre Augen leuchteten kurz auf und schon versöhnlicher gestimmt, meinte sie, “tam ma Brian, za’u nì’eng.“ Sein fragender Ausdruck, ließ die kleine Jägerin aufkichern. “Ich meine, dass wir da etwas gemeinsam haben. Trotzdem… es ist besser, wenn du nun vorausgehst… für uns beide.“ Seufzend setzte er sich wieder in Bewegung. Es war nicht nötig, dass die Jägerin die Führung übernahm. Die zurückgekehrten Krieger hatten die Stelle, an dem die seltsamen Objekte nieder gegangen waren, gut beschrieben gehabt. Sie würden voraussichtlich ein paar mal im Urwald übernachten müssen ohne den Schutz, den der vertraute Kelutral versprach, doch das beunruhigte ihn nicht sonderlich. Im Laufe der Zeit auf Pandora hatte er gelernt, sich im dichten Wald zu bewegen und seinen Weg mittlerweile sicher zu finden. Wie schon die letzte Nacht war er es wieder, der den Platz für ein Nachtlager suchen sollte. Brian war die Aufgabe nicht ungewohnt und sie überforderte ihn auch nicht sonderlich. In seiner Zeit als Söldner waren er und seine Gruppe mehr als einmal auf sich allein in fremden Terrain gestellt. Ihre aufmerksame Beobachtungsgabe und der hervorragende Orientierungssinn waren Teil der harten Ausbildung gewesen, etwas das ihm nun erneut zugute kam. Eigentlich hatte sich nichts verändert dachte Brian bei sich während er die Augen offen hielt. Er war immer noch ein Söldner auf die eine oder andere Art, nur kämpfte er jetzt auf Seiten der Ureinwohner. Während er noch seinen Erinnerungen nachhing, bemerkte Brian plötzlich eine geeignete Stelle. Ein paar gewaltige Stämme, dem Aussehen nach von Tigerzahnbäumen regten sich in die Höhe, ansonsten war alles frei. Kein undurchdringliches Gestrüpp, giftige Pflanzen oder auf dem Boden herumwimmelndes Getier konnte er ausmachen. Er stieß einen Pfiff aus und winkte die kleine Jägerin heran, die etwas abseits ebenfalls auf der Suche war. “Fawn komm her. Ich habe etwas gefunden.” Brian hatte kaum den Satz beendet, da war sie schon neben ihm und sah sich neugierig um. Eine flüchtige Spurensuche zeigte ihr keine Gefahr durch irgendwelche wilden Tiere an. “Das hast du gut gemacht, ma Brian”, sagte sie voller Anerkennung. Brian grinste bei ihren Worten und ließ seinen schweren Rucksack zu Boden gleiten. Glücklich, das Gewicht von seinen Schultern zu wissen, begann er ein paar Lockerungsübungen zu machen und bereitete dann das Nachtlager vor. Morgen würden sie die Stelle erreichen, welche die Jäger beschrieben hatten.

******

Ikelu sah nicht ohne Anerkennung zu, wie Auraya sich geschickt an den herabhängenden Lianen hoch hangelte, gefolgt von Varyu der ebenfalls voller Bewunderung für die hübsche Na’vi war. “Deine smuke schlägt sich tapfer. Sie wird es schaffen.” Ikelu griff nach einer sich nähernden Wurzel, ohne auf die grausige Tiefe unter ihm zu achten und schwang sich dann hin und her pendelnd nach oben. “Das Schwierigste steht ihr noch bevor”, erwiderte er ächzend. Trotz aller Übung war die Kletterei eine gefährliche Angelegenheit, bei der jede Unachtsamkeit leicht den Tod bedeuten konnte. Varyu konzentrierte sich nur noch auf den Aufstieg und hoffte, dass seine Angebetete diesmal durchhielt. Damals hatte Auraya beim Anblick der herabhängenden Wurzeln aufgegeben. Er spürte einen ziehenden Schmerz in seinen Armen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, die beiden zu begleiten. Obwohl der Vorfall im Urwald nun schon ein paar Tage zurücklag, fühlte er sich immer noch kraftlos. Ikelu schien davon nicht betroffen zu sein und folgte seiner smuke, die eine Geschwindigkeit an den Tag legte, als ob ein Rudel hungriger Nantangs hinter ihr her wäre.

Eine Weile darauf erreichten sie die hervorstehenden Felsen auf denen sich die riesigen Ikrane versammelten. Auraya war sichtlich berauscht vom Anblick der Tiefe, die sich gähnend vor ihnen präsentierte und deren Ende nicht abzusehen war. “Ma Varyu. Hier sind wir unseren Ahnen ganz nahe. Ich spüre es deutlich.” Der Jäger verzog keine Miene und blickte wachsam auf die gewaltigen Tiere, jederzeit auf einen Angriff vorbereitet. “Bist du bereit?” Ikelu trat an sie heran. Er hatte ebenfalls seinen Dolch gezogen. Selbstsicher überprüfte Auraya ihre selbst angefertigte Schleuder, mit der sie ihrem zukünftigen Ikran bezwingen wollte. Sie war in Ordnung und nach einem letzten Blick auf ihre beiden Begleiter schritt sie forsch dem Ikran entgegen, der ihr am nächsten saß. Wildes Kreischen und Fauchen erfolgte als Antwort. Auraya war nun hochkonzentriert und versuchte, alles im Blick zu halten. Bevor sie sich dem Tier auch nur zur Hälfte genähert hatte, erhob es sich unter wütenden Schreien. Hinter ihr erklangen die anfeuernden Rufe ihrer Begleiter. Entschlossen lenkte sie ihre Schritte dem nächsten Ikran entgegen. Ein paar der Tiere, die etwas seitwärts saßen, wurden unruhig und eines davon flog laut kreischend über den Abhang und verschwand in der Tiefe. Auraya hielt ihre Schleuder fest umklammert, während sie dem Ikran vor ihr näher kam. Sie verspürte den unbändigen Wunsch, sich umzudrehen und nach ihren Begleiter zu sehen, doch ihr Instinkt warnte sie, das Tier nicht aus den Augen zu lassen. Der Ikran spreizte seine Flügel ein wenig, die eindrucksvoll in allen Farben leuchteten. Seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen, als ahne er sie voraus. Noch einen Schritt näher. Auraya spürte ihr Herz rasen. Der Ikran richtete sich auf und fauchte sie wütend an, wobei sein gefährliches Gebiss sichtbar wurde. Sie machte ihre Schleuder bereit. Dieser Ikran würde nicht zurückweichen, wie die anderen vor ihm. Deutlich sah sie an seinem Gebaren, dass er bereit war, den Kampf mit ihr aufzunehmen. Nun gab es kein zurück mehr. Ikelu und Varyu feuerten sie weiter an und behielten die anderen Tiere im Auge, damit sich das Mädchen ganz auf die vor ihr liegende Aufgabe konzentrieren konnte. Auraya schwenkte die Bänder in ihrer Hand hin und her, doch der Ikran ließ sich davon nicht beirren und reagierte auf jeden ihrer Schritte. Das Blut rauschte in ihren Adern und eine neue Empfindung ergriff von ihr Besitz und verdrängte ihre Unsicherheit. Mit einem mal wollte sie den Kampf, sehnte sich danach, ihre Kräfte mit dem gewaltigen Ikran zu messen. Ein wütendes Fauchen und im selben Augenblick sprang der Ikran vor, um sie mit seinen mörderischen Reißzähnen zu packen. Auraya reagierte so, wie sie es in unzähligen Versuchen mit ihren Karyus geübt hatte. Als wäre sie lebendig, verließ die Schleuder ihre Hand, raste dem kreischenden Ikran entgegen und wickelte sich um seinen Kiefer, noch bevor er sie erreichen konnte.
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Offline Eichhörnchen

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #2 on: December 02, 2012, 07:38:57 am »
Wütend bäumte das Tier sich auf und versuchte nach ihr zu schnappen. Auraya spurtete los, flankierte den wild mit dem Kopf um sich schlagenden Ikran und sprang auf seinen Rücken. Undefinierbare Laute von sich gebend, versuchte er die Na’vi abzuschütteln. Mit aller Kraft klammerte sich das junge Mädchen mit einer Hand fest, während die andere geschickt nach ihrem Zopf griff. Auraya brachte das Ende ganz nahe an den Kopf des Ikrans. Ein gewaltiger Ruck erfasste sie und nur mit Mühe verhinderte sie, nicht von seinem Rücken geschleudert zu werden. “Halt endlich still! Ich lass dich nicht davonkommen.” Sie fauchte den Ikran an und packte erneut ihren Zopf. Im nächsten Moment stellte Auraya die Verbindung her und wie ausgewechselt verharrte der Ikran und begann ruhig zu schnauben. Ein Kichern erklang. “Du gehörst jetzt mir, also gewöhne dich schon mal daran.” Ikelu und Varyu schrieen ihr begeistert zu und konnten ihre Freunde kaum im Zaum halten. Vorsichtig gab sie ihrem neuen Begleiter zu verstehen, sich dem Abgrund zu nähern. Vor ihr gähnte die unfassliche Tiefe, aus deren dichter Wolkendecke vereinzelt ein paar schwebende Felsen heraus ragten. “Flieg!” Nur ein einzelnes Wort. Doch es reichte dem Ikran völlig. Unter dem gewaltigen Schlag seiner Flügel warf sich das Tier nach vorn und raste mit ihr über den Abgrund hinaus. Auraya stockte der Atem. Hochkonzentriert versuchte sie ihren neuen Begleiter zwischen den Felsen hindurchzulenken. Sobald sie dachte, ihn unter Kontrolle zu haben, scherte das prächtige Tier aus und belehrte sie eines besseren. Auraya ließ sich nicht dadurch beirren. Mit unbändigen Willen zwang sie den Ikran dazu, ihren Anweisungen zu folgen. Eine Weile tobte das Kräftemessen hin und her, dann fügte sich der Ikran in sein Schicksal und flog gemütlich mit der Luftströmung, ganz so, als existiere die junge Na’vi auf seinem Rücken nicht. Sie lenkte das Tier zurück über die Köpfe ihrer beiden Begleiter, die ihr entgegen winkten. Ein spöttischer Ausdruck erschien auf ihrem Antlitz. Sie hatte es geschafft, ihnen bewiesen, dass mehr in ihr steckte, als sie immer vermutete hatten. Doch für Auraya war das alles nur der Auftakt gewesen. Nun konnte sie sich endlich wichtigeren Dingen widmen. Vor ihren Augen nahm ein waghalsiger Plan Gestalt an. Noch einmal ließ sie den Ikran über Varyus Kopf hinweg ziehen, so dass dieser vor Schreck beiseite sprang, dann ließ sie das Tier zum Kelutral fliegen. Bald tauchte der gewaltigen Baum mitten im Urwald auf. Ihre Heimat und nun auch die ihres neuen Begleiters.

******

Das Geräusch eines brechenden Astes riss sie aus ihrem Schlaf. Sofort war Fawn auf den Beinen und lauschte angestrengt in die Nacht hinaus. Brian sah, wie ihre spitzen Ohren nervös hin und her zuckten. “Was siehst du Fawn?” Doch statt einer Antwort riss sie ihn hoch und deutete auf den mächtigen Stamm vor ihnen.
“Komm ma Brian, schnell oder wir sind verloren!” Die Stimme der Jägerin war erfüllt von aufwallender Panik, die sie zu überwältigen drohte. Sie klammerte sich krampfhaft an den Stamm und zog ihren schlanken Körper auf die erste Gabelung der zahllosen Äste. Eine Hand streckte sich ihm entgegen, während hinter seinem Rücken das Brechen von Zweigen immer näher kam. “Oh nein Fawn. Da gehe ich nicht rauf. Das kannst du nicht von mir verlangen.” “Brian! Rutxe!” Ihre Rufe waren erfüllt von schierer Verzweiflung. Noch nie zuvor hatte er Fawn so erlebt. Irgendetwas musste ihr wahnsinnige Angst machen. Er überwand seine innere Ablehnung und ergriff ihre Hand. Fawn zögerte nicht und zog ihn geschickt zu sich herauf. Schweißgebadet und am ganzen Körper zitternd presste sich der Söldner an den dicken Stamm. Der Schrei eines gewaltigen Raubtiers klang an ihre Ohren und etwas huschte unter ihnen vorbei. Immer wieder blieb die Kreatur stehen, orientierte sich neu, nur um im nächsten Moment unter lauten krachen wieder durch das Unterholz zu brechen. Eine Weile setzte sich das Spiel fort, bis die schnaubenden Geräusche schließlich leiser wurden.

Brian nahm seinen ganzen Mut zusammen und beugte sich vorsichtig über den gewaltigen Ast, wobei er das dichte Blattwerk der zahllosen Zweige beiseite schob. Alles um sie herum war in Dunkelheit gehüllt. Brian lauschte angespannt, doch kein Geräusch drang an seine Ohren.
“Da unten ist nichts Fawn. Wir können wieder runt… .” Bevor er aussprechen konnte presste sich die Hand der kleinen Jägerin auf seine Schutzmaske und ließ ihn schlagartig verstummen. “Still Trottel.” Fawn flüsterte kaum merklich um sie nicht zu verraten. Im gleichen Augenblick zuckte der Söldner vor Schreck zusammen und versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Doch Fawn hatte geistesgegenwärtig zugegriffen und hielt ihn fest. Leuchtende Augen starrten aus der Finsternis zu ihnen herauf. Brian hielt den Atem an und traute sich nicht, auch nur einen Finger zu bewegen. Ein Angst einflößendes Fauchen klang unter ihnen auf. Brian versuchte verzweifelt zu erkennen, was da im Dunkeln lauerte auf der Suche nach Beute. Die Kreatur musste genauso tiefschwarz wie die sie umgebende Nacht sein, anders ließ sich das Fehlen jeglicher Umrisse nicht erklären. “Palulukan”. Die kleine Jägerin löste ihre Hand von seiner Maske und deutete kaum merklich auf die leuchtenden Punkte. Sein Herz begann zu rasen und er hoffte, dass Fawn sich irrte. Knurrende Laute drangen herauf. Wild mit seinen gewaltigen Pranken über das Erdreich schabend, sprang die Bestie wild umher, um ihre Beute zu einer unüberlegten Handlung zu verleiten. Das Spiel wiederholte sich mehrere male, dann hatte der Thanator augenscheinlich genug und verschwand unter einem wütenden Aufschrei im Unterholz. Irgendetwas musste seine Aufmerksamkeit erregt haben. Brian lauschte in die Nacht hinaus und verharrte völlig bewegungslos auf seinem Platz, bis die Jägerin ihn sanft auf die Schulter tippte. “Er ist weg ma Brian. Lass uns hinabsteigen und einen besseren Lagerplatz suchen.” “Ich dachte schon, das Mistvieh verschwindet nicht mehr und das wir erledigt sind.” Brian lüftete kurz die Atemmaske und wischte seine schweißnasse Stirn trocken. “Er ist sehr intelligent ma Brian und kein Krieger unseres Stammes könnte es allein mit ihm aufnehmen.” Brian ließ sich von ihr hinab helfen, wobei er immer wieder unsichere Blicke umher warf. “Das klingt nicht gerade beruhigend. Bist du sicher, dass er wirklich weg ist Fawn?” Sie sprang und setzte federleicht neben ihm auf. “Srane, ma Brian. Ansonsten wären wir jetzt tot.” Glucksend erwiderte er. “Ich mag die Art, wie du die Dinge siehst Fawn.” Fast lautlos holte die kleine Jägerin ihren Dolch hervor. “Hier ist es nicht mehr sicher ma Brian. Lass uns weitergehen. Wir werden später etwas ruhen.” Brian fand den Vorschlag durchaus ansprechend. Die Vorstellung, dass die gewaltige Bestie, während sie schliefen, wiederkehren könnte, ließ alle Erschöpfung verschwinden. Bald darauf stapfen sie weiter durch die Nacht ihrem Ziel entgegen.

******

Brian blickte fasziniert auf die rauchenden Trichter im Boden. Um sie herum war eine neue Ebene entstanden wo vorher dichter Urwald gestanden hatte. Vorsichtig setzte sich Brian wieder in Bewegung auf das Kraterfeld zu. “Nach was suchst du ma Brian?” Er blieb stehen sah sich um und zuckte schließlich resigniert mit den Schultern. So genau wusste er es selbst nicht. “Die Zerstörungskraft im Moment des Einschlags muss so groß gewesen sein, dass von den Objekten nichts mehr vorhanden ist.”
Erneut stapfte er ein Stück über die verbrannte Landschaft, wobei Staub- und Aschepartikel aufgewirbelt wurden und sich zu dem noch vorhandener Rauch der zahlreichen Brände gesellten. Gerade wollte er weitergehen, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Eine ebenso breite wie tiefe Furche begann am Rande des Kraterfelds und verschwand schnurgerade im Dschungel oder das was auf ihrer Bahn davon übrig geblieben war. Fawn bückte sich nach etwas, dass ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Neugierig trat Brian an ihre Seite und starrte auf den völlig deformierten Gegenstand in ihren Händen. “Tstal”, flüsterte sie ehrfürchtig. “Hier sind unsere Brüder und Schwestern gestorben ma Brian.” Sanft strich er über ihren Handrücken. “Srane, aber was hatten sie hier überhaupt zu suchen und warum sind sie nicht geflohen?” “Vielleicht ging es viel zu schnell. Kannst du herausfinden, was sie getötet hat?” Fawn sah bekümmert über die gewaltige Trichterlandschaft. Es überstieg ihr Vorstellungsvermögen, was solch eine Zerstörung verursachen konnte. “Vielleicht haben sie den Zorn der Ayvrrtep heraufbeschworen, ma Brian.” “Nein ganz sicher nicht.” Er lächelte ihr aufmunternd zu. “Das hier hat ganz reale Hintergründe und ich glaube zu wissen, was wir in der Schneise finden werden. Wenn du deinen Ikran rufen könntest, wäre alles viel einfacher.” Sie warf einen letzten Blick auf den verformten Dolch und steckte ihn zwischen die Verschnürungen ihres Lendenschurzes. Ein Versuch, ob er sicher hielt, dann trat die junge Na’vi an die Seite des Söldners. “Du meinst, von oben könnte ich etwas sehen?” “Ja Fawn. Es kann nicht alles zerstört oder verschwunden sein. Sonst hättest du auch nicht das Messer finden können.” “Du besitzt einen scharfen Verstand, ma Brian”, sagte sie anerkennend. “Also werden wir nachsehen? Oder denkst du, dass es zu gefährlich ist?” Er winkte nachlässig ab und machte Zeichen, dass sie ihm folgen sollte. Die Tiefe der gewaltigen Schneise gab ihm schon die ganze Zeit zu denken. Von den Ausmaßen befand Brian, würde ein Valkyrie mühelos durchfliegen können und er hatte mittlerweile ein ganz genaue Vorstellung davon, was sie am Schluss finden würden.

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Auf dem Radarschirm der Anlage verschwand das leuchtende Objekt. “Die Maleficent ist abgestürzt”, bemerkte der Funker in monotonem Tonfall. … sah über seine Schulter auf den nun leeren Schirm. “Verblüffend, wie lange das Schiff überhaupt durchgehalten hat. Nach der Explosion des Antriebs hätte ich keine Münze mehr darauf verwettet.” Eine raue Stimme ließ beide ihre Köpfe herumreißen. “Ein wahres Wunderwerk unserer Technik nicht wahr? Sie wurde für die Ewigkeit gebaut, meine Herren. Der Verlust ist in der Tat äußerst bedauerlich, aber nicht mehr zu ändern. Wenden wir uns nun erfreulicheren Sachen zu.” Graham erhob sich und blickte seinem Kommandanten selbstsicher in die  Augen. “Wir haben die Aufklärungsdaten unserer Suchtrupps erhalten Sir. Bisher ist immer noch keine Aktivität der Ureinwohner zu erkennen. Sieht so aus, als seien sie mit unserem Erscheinen von der Bildfläche verschwunden.” “Das ist reines Wunschdenken mein Lieber”, erwiderte Kommandant Riley in fast väterlich anmutenden Tonfall. “Sollen wir einen Erkundungstrupp zur Absturzstelle schicken, Sir?” Riley fingerte am Halfter seines Waffengurts herum. “Vermutlich werden wir dort nichts von Interesse vorfinden. Allerdings, um die Mannschaft auf Trab zu halten… .” Er winkte seinen Adjutanten heran. Clark, stellen sie ein Team zusammen. Der Funker wird ihnen die benötigten Koordinaten geben. “Sehr wohl Kommandant. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Sampsons derzeit nicht einsatzbereit sind. Techniker Dowell wollte sie einer genauen Prüfung unterziehen.” Riley zog eine Augenbraue nach oben. “Warum wurde ich darüber nicht informiert? Na egal. Bereiten Sie alles Notwendige vor und sagen sie den Piloten, dass sie starten sollen, sobald die Wartung abgeschlossen ist.” Sein treuer Helfer salutierte und flitzte aus dem Unterstand, um die Befehle auszuführen, nachdem ihm der Funker ein paar gekritzelte Notizen gereicht hatte. “Informieren Sie mich umgehend, sobald weitere Nachrichten von unseren Aufklärungseinheiten vorliegen.” Die beiden Funker sprangen auf und grüßten flüchtig, als der Kommandant davon stapfte. Nachdenklich ließ sich Sergeant Graham wieder auf seinen Sitz gleiten. “Was hältst du von der ganzen Sache?” Sein Freund machte eine abschätzende Handbewegung. “Nun, es kann uns doch herzlich egal sein, ob und was sie dort finden. Hauptsache, wir müssen nicht in den Urwald raus.” Graham gab ihm insgeheim recht und setzte ein Grinsen auf. Schweigend begaben sich beide wieder an die Überwachung der eingehenden Funksprüche.

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Fawn starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das mächtige Gebilde aus glänzenden Metall vor ihnen. “Was ist das ma Brian?” “Ein Raumschiff Fawn. Oder besser gesagt, das, was von ihm noch übrig geblieben ist.” Das Gebilde erstreckte sich so weit nach oben, das Brian gezwungen war den Kopf in den Nacken zu legen. Auf der Erde hätte er es schon von weiten sehen können. Hier verhinderten die gewaltigen Baumriesen des Urwalds jegliche Entdeckung. Überall stiegen feine Rauchfäden auf und zeugten von der ungeheuren Hitze, die hier noch vor kurzem gewirkt haben musste. Das Feuer hatte wahrscheinlich tagelang gewütet und in dem zahlreich vorhandenen Holz der Stämme immer neue Nahrung gefunden. Ein Glutofen, inmitten dessen das Wrack gelegen hatte. Fawn nahm ihren Bogen und legte einen Pfeil auf die Sehne. “Das brauchst du nicht Fawn. Hier droht uns keine Gefahr mehr. Wenn noch jemand in dem Wrack war, dann ist er beim Aufprall gestorben.” Er suchte nach einer Öffnung oder etwas das wie ein Schott aussah, allerdings vergebens. Brian rief sich alles in Erinnerung, was er über den Aufbau des ISV beigebracht bekommen hatte. Bei dem ihnen vorliegenden Teil musste es sich um die Brücke mit den darunter befindlichen Kälteschlafkammern handeln. Diese Bereiche waren aufgrund ihrer empfindlichen Fracht besonders stark gepanzert gewesen. Selbst jetzt nach dem Absturz zeigte das Material nur wenige Beschädigungen oder Veränderungen, wenn man von der Hitze absah, die das Metall ausstrahlte. Vorsichtig näherte sich Fawn dem glänzenden Gebilde und streckte eine Hand danach aus. “Fawn nicht!” Brian versuchte noch, sie zurück zu reißen, doch zu spät. Im nächsten Moment schrie die kleine Jägerin vor Schmerz auf und ließ ihren Bogen fallen. Mit einem kläglichen Gesichtsausdruck starrte Fawn auf ihre schmerzenden Finger. “Das wollte ich dir noch sagen. Fass nichts an Fawn. Der Rumpf ist noch nicht ausgekühlt.” Brian hob ihren Bogen auf und half dem Mädchen, ihn über die Schulter zu hängen. Mittlerweile lief ihm der Schweiß in Strömen herunter. Etwas früher und sie hätten sich dem Raumschiff nicht nähern können. Immer noch knackte es verdächtig zwischen den verbrannten Stämmen. “War es das, was du gesucht hast ma Brian?” Ihre Ohren zuckten verdächtig und missmutig betrachtete sie die schmerzende Handfläche. “In gewisser Hinsicht, Fawn. Auf jeden Fall wissen wir nun, was die Jäger getötet hat. Wir haben wirklich großes Glück gehabt.” “Wie meinst du das ma Brian?” Er deutete die gewaltige Schneise hinter ihnen zurück. “Fällt dir nichts auf? Das ist beinahe exakt die Richtung, in der unser Lager liegt. Wären die Trümmer etwas früher runtergekommen, hätten sie mit Sicherheit den Kelutral getroffen.” Fawn keuchte entsetzt auf. “Eywa hat ihre Hand über uns gehalten.” “Das hat sie wohl Fawn”, erwiderte er seufzend. Brian ließ seine Blicke herumschweifen. “Jetzt haben sie ihre letzte Hoffnung verloren, jemals wieder zur Erde zurückkehren zu können. Das wird alles nur noch unberechenbarer machen.“ “Von was redest du Brian?“ “Na von den Soldaten in der Basis. Entweder werden sie versuchen, zu verhandeln oder uns angreifen.“ Seine Blicke taxierten das riesige Wrack. “Es hat keinen Sinn, weiter nach einem Eingang zu suchen. Vermutlich ist die Temperatur darin immer noch gefährlich hoch. Schade nur, dass nirgends ein Hinweis auf den Namen des Raumschiffs zu finden ist.” “Wir kehren zurück zu unseren Brüdern und Schwestern?” Fawn legte den Kopf leicht schief und versuchte, seine Gedanken zu ergründen. Statt etwas zu erwidern, nickte der Söldner nur und begab sich wieder auf die Schneise mit den Ausmaßen einer Rollbahn. Brian wollte das verbrannte Gebiet so schnell wie möglich hinter sich lassen. An eine Rast oder die Vorstellung, die Nacht in dem Gelände zu verbringen, wagte er nicht zu denken. Zu groß war die Gefahr, dass die zahlreichen schwelenden Feuer wieder ausbrechen und sie in arge Bedrängnis bringen konnten. Fawn packte ihn unerwartet von hinten und kicherte. “Ich bin gerne mit dir hier draußen ma Brian. Es erfüllt mich immer mit Freude. Das sollten wir viel öfter machen.” Er rückte grinsend seine Maske zurecht. “Also an mir soll es nicht liegen Fawn.” Die kleine Jägerin flitzte über das Trümmerfeld auf die entfernte Wand des Dschungels zu und erwiderte lachend. “Dann komm mit und lass uns nachsehen, ob wir nicht noch einen Thanator finden können.” Brian stockte der Atem und er blieb ruckartig stehen. “Das ist nicht witzig Fawn.” Sie hatte ebenfalls angehalten und präsentierte ihm grinsend ihre strahlenden Zähne. “Hast du Angst? Das brauchst du nicht. Ich passe gut auf dich auf ma Brian.” Ein erneutes Kichern, dann war sie schon wieder unterwegs. Brian war sprachlos. Das Na’vi Mädchen zeigte eine völlig neue Seite von sich. Seufzend warf er einen Blick zurück auf die rauchenden Trümmer, dann folgte er der Jägerin, die schon weit voraus lief.

******

Auf den Rückweg hatte Fawn wieder die Führung übernommen und sich auf die Suche nach geeigneten Schlafplätzen für die Nächte gemacht. Infolge dessen blieb ihre Nachtruhe weitestgehend ungestört und derart ausgeruht kamen sie dem Kelutral rasch näher.
Zu ihrer Überraschung hielt keiner sie auf, als sie sich anschickten, das Lager zu betreten. “Wo sind die Wachen Fawn?” “Ich weiß es nicht ma Brian. Komm schnell, vielleicht haben sie uns noch nicht bemerkt.” Fawn packte lachend seinen Arm und zog ihn mit. Jeden Moment erwartete Brian, dass einer der Krieger aus dem Gebüsch aufspringen und sie ergreifen würde, doch völlig unbehelligt erreichten sie die große Feuerstelle. Ein paar Frauen waren dabei, das Feuer zu schüren, andere begannen, Schüsseln abzustellen. “Sieht so aus, als seien wir gerade rechtzeitig gekommen, sagte Brian genießerisch.” Fawn deutete auf den Kelutral. “Warte hier ma Brian. Ich gehe meiner sa’nu bescheid sagen, dass wir wohlbehalten zurück sind. Sie macht sich bestimmt schon große Sorgen.” Ohne seine Antwort abzuwarten, spurtete die kleine Jägerin zwischen den andern Ureinwohnern hindurch. Irgendwo hier musste ihre sa’nok sein, schließlich bereiteten die Frauen alles für das Essen vor. Etwas abseits fand sie Eyaye. Ihre Mutter half einigen jungen Mädchen mit ihrem festlichen Schmuck. Was Federverzierungen anging, war Eyaye ungeschlagen. Ihr eigenes Haarkleid betonte sie stets durch besonders leuchtende und bunte Federn. “Ma sa’nok. Oel ngati kameie”, sagte Fawn respektvoll und führte ihre Hand dabei zur Stirn. Eyaye grüßte nur knapp und widmete sich dann wieder den wartenden Mädchen. “Du hast Glück ma itesyp. Heute Abend gibt es einen besonderen Anlass zum Feiern.” Fawn sah verwundert auf die herausgeputzten Mädchen. “Wovon sprichst du ma sa’nok? Ist Laye wieder genesen?” Eyaye unterbrach ihre Arbeit und es war ihr anzusehen, wie wenig angetan sie davon war. “Kehe ma itesyp. Ihr Schicksal liegt weiterhin in Eywas Hand, auch wenn Anìhe kleine Fortschritte erzielt hat. Ich werde dir sagen, was es ist. Auraya hat ihre Prüfung bestanden und ihren Ikran erwählt. Ist das nicht großartig? Würdest du dich nicht immer mit deinem Himmelsmenschen herumtreiben, wüsstest du darüber Bescheid.” Fawn hatte das Gefühl einen besonders harten Schlag erhalten zu haben. Ausgerechnet Auraya… und nun sollte es ihr zu Ehren auch noch ein Fest geben. Fawn zwang sich ein Lächeln ab, obwohl sie das Verlangen hatte sich zu übergeben. “Das ist eine gute Nachricht Mutter. Ich werde sie sofort Brian überbringen.” Eyaye hörte ihr schon nicht mehr zu und war wieder dabei, eine Feder in den Zopf eines der Na’vi Mädchen zu flechten. Mit klopfenden Herzen stapfte Fawn zur großen Feuerstelle zurück. Sie sehnte sich nach etwas Ruhe. Ihr stand nicht der Sinn nach feiern, schon gar nicht mit Auraya. Der Versammlungsplatz kam wieder in Sicht. Fawn wollte sich gerade neben Brian hocken, als ein Schatten auf sie fiel. Große gelbe Augen blinzelten spöttisch auf sie herab. “Was findest du an dem Tawtute? Er ist so… winzig.” Auraya kicherte hell auf. “Warum suchst du dir nicht einen richtigen Krieger?” Brian sah abwechselnd in die Gesichter der beiden Na‘vi Mädchen und entschied, dass es besser war, sich aus der anbahnenden Konfrontation herauszuhalten. “Ich habe Brian erwählt. Mehr braucht dich nicht zu interessieren”, sagte Fawn trotzig. Auraya beugte sich noch weiter hinab und ließ ihre Blicke neugierig über Brian schweifen.
“Verstehe. Unsere Krieger sind wohl nicht gut genug für dich. Aber vielleicht liegt es daran, dass du so kleingewachsen bist. Er passt zu dir. Dennoch… ich könnte ihm bestimmt so einiges beibringen.” Fawn fauchte entsetzt auf. “Ich habe ihm alles gezeigt, was er wissen muss. Bilde dir nicht soviel darauf ein, weil du die Prüfung bestanden hast.” Auraya verzog keine Miene und lächelte Brian weiterhin an. Sie dachte gar nicht daran, sich so schnell geschlagen zu geben und setzte nochmals nach.
“Vielleicht sollten wir uns in einem Wettkampf messen. Nur wir beide und unsere Ikrans. Eywa wird uns leiten und darüber entscheiden, wer der bessere ist. Gewinne ich, darf ich den Tawtute unterrichten.” Fawn riss überrascht die Augen auf und ihr verzierter Schwanz wischte aufgeregt hinter ihr herum. “Warum sollte ich das wollen? Ich habe mich vor Eywa mit Brian vereint. Nichts wird daran jemals etwas ändern.”
Auraya richtete sich wieder auf und legte eine Hand auf ihre Schulter. Bei der Berührung zuckte die kleine Jägerin ungewollt zusammen.
“Du bist nicht mit ihm vereint. Nach den Gesetzen unseres Stammes seid ihr gar nichts. Sieh das endlich ein!” Aurayas Worte trafen sie wie Stiche mit einem Dolch und die kleine Jägerin wusste vor Fassungslosigkeit nicht, was sie darauf erwidern sollte. Stattdessen stieg blanke Wut in ihr auf. “Du brauchst nichts zu sagen. Ich sehe an deinem Gesicht, dass ich recht habe.”
Fawn stieß sie so heftig vor die Brust, dass das Mädchen zurück geschleudert wurde und unsanft auf dem Rücken landete. Bevor sich Auraya aufrichten konnte, warf sich Fawn auf sie und packte sie hart an ihren Ohren. “Fass Brian nur ein einziges mal an und du wirst mich kennen lernen!” Wenn das Na’vi Mädchen von dem Wutausbruch beeindruckt war, so zeigte sie es nicht. “Dein Herz ist voller Furcht”, sagte Auraya schnippisch. “Ich habe vor überhaupt nichts Angst!” Fawn schrie nun hemmungslos und zeigte Auraya fauchend ihre Reißzähne. “Dann beweise es und nimm meine Herausforderung an.” Eyaye trat aus dem Kreis der Umstehenden, der sich um die beiden Mädchen gebildet hatte hervor. Mit spielerischer Leichtigkeit packte sie ihre tobende Tochter und zog sie von Auraya herunter. “Du benimmst dich wie ein Kind. Ist es das, was ich dich gelehrt habe?” Fawn blickte betroffen in die sie strafend musternden Augen ihrer sa’nok. Auraya rappelte sich wieder auf, wobei sie trotz der Auseinandersetzung eine Anmut an den Tag legte, die ihresgleichen suchte.
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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #3 on: December 02, 2012, 07:40:50 am »
Mit spöttischen Blicken bedachte sie die kleine Jägerin. Eyaye ließ Fawn aus ihrem Griff und stellte sich vor dem Mädchen auf. “Dein Bruder ist einer der besten Krieger des olo’eyktan. Glaubst du, dass dein Verhalten seinem Ansehen hilft? Du solltest dir besser ein Vorbild an ihm nehmen.” Fawn hielt es nicht mehr aus. “Vorbild! Hah! Das tut sie doch längst. Sie ist ebenso eingebildet wie… ,” Eyaye schaffte es grade noch ihre fauchende Tochter zu schnappen, bevor diese sich erneut auf ihre Widersacherin stürzen konnte. “Fnu, ma Evi!” In der Stimme Eyayes lag nun echte Verärgerung. Fawn wand sich verzweifelt im Griff ihrer sa’nok, doch es half nichts. Eyaye hielt sie sicher fest und es erstaunte sie über welche Kraft die reife Na’vi immer noch verfügte. “Rutxe ma Eyaye, lass mich los. Ich werde folgsam sein.” Fawns Widerstand erschlaffte, nur ihre angelegten Ohren zeigten wie es wirklich in ihr aussah. Eyaye flüsterte ihr unbemerkt von den anderen zu. “Na das hoffe ich doch für dich.” Im nächsten Augenblick war die kleine Jägerin frei und richtete sich vor Auraya auf, die alles lächelnd beobachtet hatte. “Ich bin bereit, mich mit dir zu messen.” “Jetzt gleich?” Aurayas Blick war eine einzige Herausforderung. Fawn dachte an Ikelu, die Wachen und den Befehl des Anführers und warf einen flüchtigen Blick auf Eyaye und die anderen Anwesenden. Doch zu ihrer Verwunderung schien keiner Einwände hervorbringen zu wollen. Irgendetwas musste während ihrer Abwesenheit vorgefallen sein. Ihre sa’nok hatte vermutlich recht. Sie sollte nicht so oft mit Brian das Lager verlassen. Andererseits war es gut, ihn ständig an ihrer Seite zu wissen und unter diesen Umständen besonders. So deutete sie schließlich nur ein leichtes Nicken an. “Ich muss nur mein Ikran-Geschirr holen.” Die Na’vi ließ sich auf ihrem strammen Hinterteil neben Brian nieder und machte eine Geste der Zustimmung. “Gut Fawn. Ich werde hier auf dich warten und deinem Tawtute Gesellschaft leisten. Also lass dir nicht zu lange Zeit.” Die Spitze saß. Fawn zuckte zusammen und biss sich auf die Lippen, lief aber weiter. Sie wollte Auraya nicht die Genugtuung geben, zu sehen wie sehr ihr die Bemerkung fast körperliche Schmerzen verursachte. Ihre Wut beschleunigte jede ihrer Bewegungen und spornte sie zu Höchstleistungen an. Schon kurz darauf hatte sie ihre Ausrüstung gepackt und war bereit, dem Na’vi Mädchen gegenüber zutreten.

Auraya stolzierte vom Versammlungsplatz und gab sich nicht die geringste Mühe, ihr Vorhaben zu verbergen. Fawn verstand ihr Verhalten nicht und war darüber so schockiert, dass sie nur fauchend vor sich her flüsterte. “So ein kleines Miststück.” Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel als sie an den Ausdruck dachte, den sie von Brian kopiert hatte. Sie würde es Auraya schon zeigen. Einen Moment sah sie sich zögernd um, ob sie beobachtet wurden, doch keiner ihrer Brüder und Schwestern schien von den beiden Mädchen Notiz zu nehmen. “Fürchtest du dich jetzt schon? Nun komm endlich oder soll ich gegen mich alleine antreten?” In Aurayas Stimme lag so viel Verachtung, dass es Fawn die Zornesröte ins Gesicht trieb. Nur schwer schaffte sie es, die Beherrschung zu wahren. “Ich denke nur daran was passiert, wenn wir erwischt werden.” Sie begannen mit dem Aufstieg, wobei ihre Kontrahentin ungefragt die Führung übernahm. Über ihr erklang die verwunderte Antwort Aurayas. “Hat es dir dein smukan denn nicht erzählt? Der olo‘eyktan sagt, dass wir das Lager wieder verlassen dürfen.” Fawn verbarg ihr Erstaunen ob des eben gehörten. Sie nahm sich vor, nach ihrer Rückkehr ein ernstes Wort mit Iley zu sprechen.“ Nachdenklich kletterte Fawn der jungen Na’vi hinterher, bis in den obersten Bereich, wo die Ikrane sich aufhielten. Zum ersten mal überkam sie ein Gefühl davon, mit welcher Art Gegnerin sie es hier zu tun hatte. Das Mädchen legte eine Geschicklichkeit an den Tag, die sie nie von dem schlanken Geschöpf vermutet hätte. Fawn ließ sich schnaufend auf den Ast rollen, der ohne Schwierigkeiten mehreren Na’vi nebeneinander Platz geboten hätte. “Schon außer Atem? Wir können eine Pause einlegen bevor wir los fliegen, wenn du willst. Mein smukan hatte recht. Der Umgang mit dem Himmelsmenschen verweichlicht dich.” Der unverholene vorgetragene Spott traf Fawn wie ein Schlag ins Gesicht. Ohne zögern stieß sie die Lockrufe aus und wartete darauf, dass ihr Ikran durch das Blätterdach brechen würde. Neben ihr ahmte die junge Na’vi voller Leidenschaft die Rufe  nach und verharrte ebenfalls erwartungsvoll. Stille… dann ein Rascheln im Blätterdach, das von Minute zu Minute weiter anschwoll, bis der Kopf eines gewaltigen Bergikrans auftauchte. “Faeli”. Fawn flüsterte den Namen voller Hingabe. Der Anblick ihres Begleiters versetzte sie immer wieder in Begeisterung. Sie schwang sich gekonnt auf den breiten Rücken des Tieres und griff nach ihrem Zopf um sich mit ihm zu verbinden. Im gleichen Moment erschien dicht neben Faeli ein weiterer Ikran. War Fawns Ikran mit seiner wie türkis leuchtenden Farbgebung schon schön anzusehen, so schillerten die Flügel Aurayas Begleiters in allen Farben des Regenbogenspektrums. Die junge Na’vi ließ ihre Blicke abschätzend über Faeli gleiten. “Dein Ikran ist… hübsch. Er passt zu dir. So völlig unscheinbar.” Fawn legte ihre Ohren an und biss sich vor Verzweiflung auf die Lippe.
Es kostete sie alle Überwindung, Auraya nicht von ihrem Ikran zu zerren. Am liebsten hätte sie ihr eine Lektion erteilt, die sie nicht so schnell vergessen würde. “Ich werde führen”, sagte Auraya selbstbewusst. Im nächsten Moment stieß sie sich mit ihrem Begleiter ab und unter wilden Flügelschlag gewannen beide rasch an Höhe. Fawn zögerte nicht länger und schnalzte in Faelis Ohr. “Flieg Faeli. Zeig, wozu du fähig bist.” Unter einem freudigen Aufkreischen erhob sich ihr Begleiter und jagte dem anderen Ikran hinterher.

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Ein Knattern erklang, dann begannen sich mehrere Rotorpaare im Einklang zu drehen. Der Lärm der Motoren war unbeschreiblich und veranlasste Kommandant Riley, sich die schmerzgepeinigten Ohren zuzuhalten. Sein Adjutant gab den Piloten ein Zeichen und eilte aus dem Bereich der rotierenden Blätter, die wie Sensen durch die Luft schnitten. Gemächlich erhoben sich die beiden Scorpions und beschrieben einen aufsteigenden Halbkreis über der instand gesetzten Piste, bevor sie im Blau des Himmels verschwanden. Clark machte eine vorbildliche Ehrenbezeugung. “Die Maschinen sind auf dem Weg, Sir. Nun müssen wir warten.” “Gute Arbeit Clark. Sie sehen mich äußerst zufrieden. Ich sage ihnen mal etwas. Noch ein paar Wochen, dann haben wir genug Geräte repariert um in die Offensive gehen zu können.” Clark sah dem Kommandanten pikiert ins Gesicht. “In die Offensive? Gegen wen, Oberst Riley? Unsere Aufklärer haben kein Lager der Na’vi entdecken können. Riley winkte genervt ab. “Glauben sie mir, Clark. Diese verdammten Ureinwohner sind da draußen, ich spüre es. Wir müssen sie finden. Machen Sie Meldung, sobald die Piloten zurück sind.” Riley machte sich nicht die Mühe, den Gruß seines Adjutanten zu erwidern und stapfte in Richtung Kommandostand.

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Der Wind peitschte Fawn ins Gesicht und nur unter größter Anstrengung schaffte sie es, ihm Widerstand zu leisten. Gedanklich gab sie ihrem treuen Begleiter ständig neue Befehle und folgsam reagierte das gewaltige Tier augenblicklich. Fawn bildete mit Faeli eine Einheit. Sie spürte instinktiv, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Unter ihr zog Auraya auf ihrem Ikran dahin. Sie trieb das Tier zu Höchstleistungen an und bei ihrem Anblick zog ein Lächeln über das Gesicht der kleinen Jägerin. Lange konnte Auraya dieses mörderische Tempo nicht durchhalten. Ihr fehlte einfach die Erfahrung im Umgang mit ihrem geflügelten Begleiter. Eine Schlucht tauchte unter ihnen auf und schlängelte sich wie ein tiefer Schnitt durch die ansonsten waldbedeckte Landschaft. Das Mädchen ließ den Ikran in einen Sturzflug übergehen und lenkte ihn sicher durch die schmalen Felswände hindurch. Fawn blieb nichts anderes übrig als ihr zu folgen, wollte sie nicht den Anschluss verlieren. Faeli schrie auf, dann fiel er wie ein Stein in die Tiefe. Unter ihr wurde das Glitzern eines schmalen Flusses sichtbar, der sich am Grunde der Schlucht befand. Konzentriert ließ Fawn den Ikran in einen Gleitflug übergehen und jagte Auraya hinterher. Am Ende des Einschnitts angelangt, ließ ihre Kontrahentin das Tier wieder an Höhe gewinnen und schoss wie ein Pfeil dem wolkenlosen Himmel entgegen. Seitwärts fiel ein Wasserfall unter donnern über die Klippe. Auraya lachte befreit auf, als sie im Vorbeiflug Wasserspritzer ins Gesicht trafen. Neugierig warf sie einen Blick zurück und biss sich fast auf die Lippen. Fawn war immer noch hinter ihr und weder sie noch ihr Ikran zeigten Anzeichen von Ermüdung. Enttäuscht ließ sie ihren Begleiter wenden und raste erneut der Schlucht entgegen.

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Die Scorpions überquerten gerade ein dichtes Waldstück, als der Funker aufgeregt schrie. “Objekte auf 2 Uhr. Kommen schnell näher.” “Entfernung?” Nervös versuchte der Pilot in der angegebenen Richtung etwas zu entdecken. “Ungefähr 400 Meter Sir.” Der Staffelführer deutete auf einen Einschnitt vor ihnen. “Da vorne die Schlucht. Schnell machen sie schon.” Routiniert folgte die zweite Maschine dem veränderten Kurs des voraus fliegenden Scorpions. Dicht an den Steilwänden hielten die Hubschrauber ihre Position und legten sich auf die Lauer. Auf dem Radar wanderten die beiden Signale fast zur Mitte, dann vollführten sie einen Richtungswechsel. Der Staffelführer presste seine Nase gegen die Seitenscheibe um Sichtkontakt aufzunehmen. “Was verdammt… .” Zwei gewaltige Schatten huschten weiter vor ihnen über den Rand der Schlucht tauchten ein und entfernten sich mit rasender Geschwindigkeit. “Halten sie diese Position. Wir warten hier.” Der Funker nickte flüchtig und gab den Befehl an die andere Maschine weiter. Inzwischen starrte der Anführer nervös in die Schlucht. Es war eine fliegerische Leistung und ein ebenso riskantes Unterfangen, die Hubschrauber so eng an der Felswand zu halten. Starke Fallwinde rasten durch den Canyon und konnten die empfindlichen Maschinen jederzeit erfassen und ins Trudeln bringen. Es wäre nicht das erste mal gewesen, dass ein Hubschrauber ein jähes Ende gefunden hätte. Gerade wollte er es sich gemütlich machen, als ein Aufschrei vom Radarposten kam. “Sie kommen zurück Sir!” Sind sie entdeckt worden? Der Staffelführer gab Befehl, die Waffen scharfzumachen und aufzusteigen. Wie zwei Pfeile schossen die Maschinen aus der Schlucht hervor und nahmen Kurs auf die heranrasenden Ikrane.

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Kurz vor Erreichen des Wasserfalls verlangsamte Auraya, so dass es Fawn gelang, an ihre Seite zu kommen. Das Na’vi Mädchen besaß durchaus Talent, wie die kleine Jägerin sich eingestehen musste. “Du fliegst gut. Aber nun werde ich dir etwas zeigen”, rief ihr Fawn entgegen. Sie hatte genug davon, hinter Auraya herzu fliegen. “Wenn du es schaffst, mir zu folgen und mich zu überholen, gebe ich mich geschlagen.” Auraya machte eine Geste als Zeichen der Zustimmung. Die kleine Jägerin flüsterte in das Ohr ihres Ikrans und ließ ihn dann steil über die Klippe fallen. Fawn lachte auf, als das Wasser die Flügel ihres Ikrans streifte und Spritzer davon ihren Körper trafen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit kam der beginnende Flusslauf näher. Der Wind fegte ihr entgegen und nur ihrer Geschicklichkeit verdankte sie es, nicht von ihrem Begleiter heruntergerissen zu werden. In der Mitte der Schlucht zog Fawn wieder nach oben und riskierte einen Blick zurück. Auraya blieb etwas hinter ihr auf selber Höhe. Fawn konnte nicht einschätzen, wie erschöpft sie war, aber allein die Tatsache, dass das Na’vi Mädchen zurücklag, erfüllte sie mit Freude. Sie wand sich wieder nach vorne und hatte das im gleichen Moment das Gefühl, gegen einen Stamm geflogen zu sein. Laut kreischend bäumte der Ikran sich auf. Seine Krallen fuhren mit einem kreischenden Geräusch über das glänzende Metall vor ihr, dann hatte sie der Schatten passiert und Faeli torkelte dem Abgrund entgegen. Fawn schrie und versuchte alles, um den Ikran zu beruhigen. Neben ihr rauschte der nächste Hubschrauber vorbei und der Sog riss sie fast von ihrem Begleiter. Im letzten Augenblick schaffte sie es, sich an ihrem Fluggeschirr festzuhalten, während ihre Beine über dem Abgrund baumelten. Faeli, aufgeschreckt durch den Zusammenprall, vollführte geradezu haarsträubende Flugmanöver. Unbewusst wanderte er damit aus der Zielerfassung, die den verrückten Kursänderungen nicht folgen konnte. Die Scorpions wandten sich zeitgleich dem nächsten Ziel zu, das verlockend und unbeweglich wie ein Stein vor ihnen flog. Auraya realisierte, was mit Fawn geschah, reagierte aber nicht. Vor Angst über das unerwartete Auftauchen der seltsamen glänzenden Vögel, ließ sie ihren Ikran weiter durch die Schlucht gleiten, direkt auf die heranrasenden Hubschrauber zu. Der Staffelkommandant gab den Befehl zum Angriff. Filigranen Fingern gleich, rasten die Leuchtspurgeschosse Auraya entgegen und verfehlten sie nur knapp. Im voraus fliegenden Scorpion tobte der Kommandant. “Sie Idiot haben eine Fahrkarte geschossen. Zielen Sie gefälligst genauer oder sie werden die nächsten Wochen Latrinen säubern.” Der Bordschütze stieß einen deftigen Fluch aus und korrigierte die Zieleinstellungen. Die nächste Salve verließ das ratternde Geschütz, während der Scorpion den vorbeirauschenden Ikran passierte. “Halt voll drauf …”, rief der Funker begeistert. Niemand achtete in der angespannten Situation auf die kleine Warnanzeige, welche einen Fehler in der Treibstoffzufuhr vermeldete. Im gleichen Moment änderte die Na’vi überraschend den Kurs. Auraya war wie gelähmt und mit der Situation völlig überfordert. Verzweifelt sah sie Fawn hinterher, wie sie versuchte, ihren Begleiter wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die ersten Geschosse sausten pfeifend an ihr vorbei. Auraya löste sich aus ihrer Starre und ließ den Ikran in die Tiefe stürzen. Instinktiv kauerte sie sich auf dem Tier zusammen, presst sich so flach es ging an seinen Körper, um keine Angriffsfläche mehr zu bieten. Ein brennender Stich zuckte ihr durch Arm und Schulter. Mit schmerzverzerrten Gesicht starrte Auraya den Leuchtspurbahnen der Geschosse nach, die dicht über sie hinweg zogen, bis sie in der Ferne verschwanden. Ihr nächster Blick galt ihrem Arm. Blut lief daran hinab und dasselbe ekelhaft warme Gefühl spürte sie an ihrem Rücken. Sie lenkte den Ikran über den Rand der Schlucht. Bevor sie noch zwischen den imposanten Stämmen eintauchen konnte, um Schutz zu finden, sah sie Fawn an sich vorbeiziehen, geradewegs auf die seltsamen Vögel zu. Im nächsten Moment streifte der Ikran die Baumkronen und brach sich mit seinem Gewicht den Weg hindurch. Aurayas Sinne waren benebelt und sie spürte schon nicht mehr, als ihr Begleiter aufschlug und sie von seinem Rücken gerissen wurde.

Fawn schaffte es unter größter Kraftanstrengung wieder Halt zu finden. Ein Blick zurück zeigte ihr, dass die Na’vi in großen Schwierigkeiten steckte. Beherrscht lenkte sie Faeli den Hubschraubern entgegen und nahm ihren Bogen vom Rücken. Auraya kam ihr entgegen und sie sah, wie das Mädchen getroffen wurde. Fawn fletschte die Zähne, als der Ikran unter ihr durch das Blätterdach brach und mit seiner Last verschwand. Inzwischen waren die Maschinen so nahe gekommen, dass sie die Tawtute darin sehen konnte. Fauchend ließ sie einen Pfeil von der Sehne. Auf diese Entfernung war es unmöglich noch daneben zu zielen. Das Kanzelglas splitterte und im nächsten Augenblick zog der metallische Vogel schräg an ihr vorbei. Fawn riss Faeli herum und tauchte unter der anderen Maschine hinweg. Erneut legte sie einen Swizaw auf, während ihr Begleiter einen kunstvollen Wendekreis beschrieb.

Im Innern des ersten Hubschraubers versuchte der Pilot verzweifelt, seinen gefallenen Kameraden von den Bordinstrumenten zu zerren. Seine Gurte behinderten ihn und er schrie den Funker an. “Los, hilf mir endlich, den Drecksack wegzuziehen!” In panischer Eile versuchten beide, den Soldat aus seinen Gurten zu lösen, doch zu spät. Der außer Kontrolle geratene Hubschrauber scherte unerwartet aus und zog steil nach unten weg. Fluchend stürzte der Funker gegen die zerstörte Frontscheibe, aus der kostbare Atemluft entwich. Rasend schnell kam die Wand der Schlucht näher. Ein Feuerball blitzte auf und überstrahlte das einfallende Sonnenlicht des Dreigestirns. Im zweiten Scorpion regten sich alle Augen entsetzt auf die Felswand, an der die rauchenden Trümmer der anderen Maschine in die Tiefe stürzten. Jetzt wurde der Pilot auch auf die hektisch blinkende Warnlampe aufmerksam. “Sir, wir haben ein Problem hier.” Der Staffelführer winkte verärgert ab. “Das sehe ich selbst, Sie Trottel. Nehmen Sie Kurs zur Basis. Wir ziehen uns zurück.” Erneut meldete sich die nun fast panisch anmutende Stimme des Piloten. “Nein Sir, wir haben ein Leck irgendwo in der Treibstoffzufuhr.” Der Staffelführer sah sich um und bemerkte nun den stechenden Geruch in der Kabine. “Schaffen wir es noch zurück?” “Nein Sir, unter gar keinen Umständen. Die Tanks sind fast leer.” “Verdammt bringen sie uns irgendwo runter, bevor die Kiste abstürzt.” Der Anführer verlor angesichts der Gefahr langsam die Nerven. Im nächsten Augenblick wurden seine schlimmsten Befürchtungen Realität.

Fawn näherte sich der zweiten Maschine von hinten. Gerade hatte sie die Sehne ihres Bogens gespannt, als sie den Rauch bemerkte, der erst fein, dann immer dichter werdend aus den Düsen hervorquoll. Sie ließ den Ikran Abstand halten, während sie weiter die Himmelsmenschen beobachtete. Der Scorpion scherte aus und geriet ins Trudeln, doch nur für einen Augenblick. Dann hatte ihn der erfahrene Pilot wieder unter Kontrolle gebracht. Plötzlich schossen Flammen aus dem Qualm hervor und diesmal sackte der Hubschrauber steil ab und raste dem nahen Urwald entgegen. Fawn verfolgte seinen Flug, bis er auf der anderen Seite der Schlucht niederging und verschwand. Nach einiger Zeit stieg dichter schwarzer Rauch über der Stelle auf. Die kleine Jägerin interessierte es schon nicht mehr und eilig ließ sie den Ikran in der Nähe Aurayas zu Boden gehen.
Sie fand das Mädchen wimmernd im dichten Moos vor. Fawn vermied es, ihrem Ikran in die Augen zu sehen und konzentrierte sich ausschließlich auf die junge Na’vi. “Kannst du aufstehen? Hier kann ich dir nicht helfen.” Auraya betrachtete ihren blutverschmierten Arm und versuchte sich zu erheben. Ein Schrei erklang. “Mein Rücken. Er brennt so. Die Himmelsmenschen haben seltsame Pfeile.” Fawn unterdrückte das Verlangen, Auraya wegen ihrer törichten Bemerkung auf den Kopf zu hauen. “Komm mit mir. Ich werde dich stützen. Bis zum Lager ist es ein ganzes Stück, aber vor Einbruch der Nacht sollten wir es schaffen.” Auraya erhob sich und fauchte. “Das ist alles deine Schuld.” Fawn ignorierte ihre Äußerung, trat neben sie und half ihr sich abzustützen. Einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, das Mädchen einfach mit ihrem Ikran zurück zu bringen, verwarf den Plan aber sofort wieder. Faeli würde niemanden außer ihr auf seinem Rücken akzeptieren. Seufzend packte sie Auraya und begab sich mit ihr auf den beschwerlichen Heimweg. Hinter ihnen erhoben sich die Ikrane laut kreischend im die Lüfte und flogen dem Kelutral entgegen.

******

Auraya trat in Begleitung von Anìhe an den Lagerplatz heran. Ihre Verletzungen waren mit einer dicken Paste eingestrichen um die Wundheilung zu fördern. Fawn hatte sie sicher zurück geleitet und der Schamanin überantwortet. Doch Auraya zeigte keine Spur von Dankbarkeit, ganz im Gegenteil.
Ihre Hand deutete auf die kleine Jägerin und ihre Stimme war ein einziger Vorwurf. “Sie hat mich dazu getrieben. Fawn forderte mich auf es ihr zu beweisen.”
Fawn verschlug es die Sprache. Zu ihrem Leidwesen stimmte es, was Auraya sagte, auch wenn sie es eigentlich völlig anders gemeint hatte. Aber darauf kam es jetzt nicht mehr an. Die entsetzten Blicke der um sie Versammelten sprachen eine deutliche Sprache, voller Ablehnung und Unverständnis. Am meisten machte ihr der enttäuschte Ausdruck ihrer sa’nok zu schaffen und traf die kleine Jägerin mitten ins Herz. “Ist das wahr Tochter?” Eyayes Stimme war eiskalt und ließ jede Herzlichkeit vermissen, die einer Mutter ihrem Kind gegenüber eigen sein sollte. Fawn senkte ihre Blick und quetschte ein bekümmertes “srane” zwischen ihren Zähnen hervor. “Du wirst heute nicht am gemeinschaftlichen Essen teilnehmen.” Eyaye sprach völlig emotionslos. “Mutter bitte… das ist nicht fair. Der Wettstreit war Aurayas… .” “Still! Ich will nichts mehr davon hören!” Eyaye wandte sich grußlos ab als Zeichen, dass sie die Unterhaltung für beendet betrachtete. Nacheinander wandten sich auch die anderen Na’vi ab und ließen die kleine Jägerin unter den triumphierenden Blicken Aurayas stehen. Mit gesenkten Kopf und angelegten Ohren schlich sich Fawn davon. Sie wollte jetzt nur noch ihre Ruhe und sehnte sich danach mit Brian zu kuscheln. Hinter ihr verklang das Gekicher des Na’vi Mädchens.

******

Die Abenddämmerung breitete sich in beeindruckenden Rottönen zwischen den Wipfeln der gewaltigen Bäume aus. Andächtig blickte der Söldner nach oben und seufzte beim Anblick der ersten Sterne, die in der klaren Luft sichtbar wurden. Fawn hatte den Kopf auf seine Schulter gelegt und die Augen nur einen spaltbreit geöffnet. Seit dem Streit mit ihrer sa’nu hatte sie noch kein einziges Wort gesprochen, doch Brian konnte sich lebhaft vorstellen, was jetzt in ihrem hübschen Kopf vor sich ging. Erneut fiel sein Blick auf die immer deutlicher hervortretenden Sterne über ihnen. Sie riefen Erinnerungen in ihm wach, die er schon längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. Brian dachte an das Planetenmodell, das seinen Schreibtisch auf der Erde geschmückt hatte. Gerne hätte er damals einen anderen Weg eingeschlagen, doch die widrigen Verhältnisse, in denen er aufwuchs, hatten das gekonnt zu verhindern gewusst. Wie lange lag das jetzt alles zurück. Seine vertraute Welt lag so weit weg und es war wenn nicht völlig unmöglich, so doch sehr unwahrscheinlich, dass er sie jemals wieder sehen würde. Seine Gedanken wanderten weiter zu seinem Freund Jenkins, der sich nun irgendwo in den Weiten des Alls befand. Brian vermisste die Späße des Gefreiten, seine anzüglichen Bemerkungen und ihre teils ausufernden Diskussionen. Nun befand er sich auf dem Rückweg zur Erde. Sein Blick fiel wie beiläufig auf das Chronometer an seinem Handgelenk. Das Jahr neigte sich seinem Ende entgegen. Er sah Pater Cunningham vor sich, wie er alles für die festliche Messe in seiner kleinen Kapelle am Rande Detroits vorbereitete. Wie viele Jahre hatte er als Junge daran teilgenommen, bis ihn die Gang und sein Beruf das Interesse daran verlieren ließen. “Brian! Was ist mir dir?” Fawn schob sich in sein Gesichtsfeld und blickte ihn todernst an.
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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #4 on: December 02, 2012, 07:42:18 am »
“Träumst du ma Brian? Ich habe dich schon ein paar mal angesprochen.” Erschrocken starrte er in ihre strahlend gelben Augen. Mit Einsetzten der Dunkelheit traten auch ihre biolumizenten Markierungen hervor. Doch was ihn sonst immer erregte und den Atem raubte, beachtete er heute kaum. Zu sehr beschäftigten ihn seine Erinnerungen, die stärker als er es jemals seit seiner Ankunft auf Pandora erlebt hatte, auf ihn einprasselten. Nachdenklich geworden, fing er an, ihre Ohren zu streicheln.
Er beneidete Fawn und im gleichen Moment schämte er sich dafür. Doch die Gedanken ließen sich einfach nicht verdrängen. Fawn besaß, was er sich immer ersehnt aber nicht bekommen hatte: Eine Familie, in der sie wenn man von gewissen Umständen der letzten Zeit absah, behütet aufgewachsen war. Brian verzog sein Gesicht bei der Vorstellung. Behütet klang hier mitten im Urwald auf gewisse Weise seltsam und doch war er sicher, dass seine neuen Brüder und Schwestern glücklicher und unbeschwerter lebten, als es Brian auf der Erde je für möglich gehalten hätte. “Ich spüre das etwas nicht mit dir stimmt. Möchtest du nicht sagen, was dich bedrückt?” Sie lehnte den Kopf wieder gegen ihn und richtete dabei ihren Blick zum Blätterdach, als Brian nicht gleich antwortete. “Sind die Sterne nicht wunderschön ma Brian? Ob Eywa heute Nacht auf uns herablächelt?” Brian verzog nur die Mundwinkel. Auf der Erde gibt es ein Sprichwort, das sagt, dass die Sterne nicht lügen. Ihr habt also viel gemeinsam Fawn. Die kleine Jägerin kicherte auf. “Einer dieser Sterne ist mein Heimatplanet Fawn.” “Welcher ist es ma Brian? Kannst du ihn mir zeigen?” Brian schluckte. Er hatte keine Ahnung von den Konstellationen, doch das Na’vi Mädchen erwartete eine Antwort von ihm. “Siehst du dort den hellen Fleck Fawn?” Die Jägerin erhob sich und starrte auf die Stelle wohin sein verlängerter Arm zeigte. “Gleich daneben, der kleine Punkt etwas unterhalb muss es sein.” “Tantxan ma Brian. Was du alles weißt.” Fasziniert sah Fawn weiter nach oben und merkte nicht, wie Brian tief Luft holte. “Sagst du mir nun warum du so seltsam bist?” Brian griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich. “Mir fehlt nichts Fawn, mach dir keine Sorgen. Vermutlich habe ich ganz einfach nur Heimweh. Das vergeht wieder, so wie ein böser Traum am Morgen verschwunden ist.” Große gelbe Augen blickten ihn fragend an. “Was ist Heimweh ma Brian?”
Er seufzte auf und überlegte angestrengt, wie er es der kleinen Jägerin erklären könnte. “Auf der Erde muss es bald Weihnachten sein. Zumindest zeigt es mir der Chronometer.” Fawn blickte auf sein Handgelenk. Sie hatte das Gerät schon gesehen, ihm aber nie Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. “Was bedeutet Weihnachten und wie kann das Ding dir es zeigen?” Brian ließ seine Hand über ihren langen Zopf gleiten. “Es ist ein Fest und der Chronometer zeigt es mir nicht sondern nur, dass es bevorsteht. So wie du an den Sternen erkennst, dass es Nacht ist.” Die Erklärung schien sie zufrieden zu stellen. Fawn kuschelte sich wieder an ihn und schloss die Augen bis auf einen winzigen Spaltbreit. “Du denkst also an dein Lager?” Die Frage kam überraschend. “Es heißt Detroit Fawn und es ist kein Lager, sondern eine Stadt mit vielen Gebäuden.” Sie hielt ihre Augen weiterhin geschlossen. “Mehr Gebäude als in der Basis?” “Ja Fawn. Du müsstest es selbst sehen. Die unzähligen Lichter, welche die Nacht bis weit über die Stadtgrenzen hinaus erhellen.” Brian verschwieg, dass das Viertel, in dem er wohnte heruntergekommen und die Straßenbeleuchtung schon lange von der öffentlichen Stromversorgung abgetrennt war.
“Ihr Himmelsmenschen seid wirklich seltsame Wesen.” “Bereust du es, mich erwählt zu haben?” “Kehe ma Brian. Wie kommst du darauf? Gib nicht soviel auf das Verhalten meiner sa’nok. Sie hat eine völlig andere Auffassung als ich. Trotzdem ist sie dir zu großen Dank verpflichtet. Sie liebt mich wahnsinnig und hat ständig Angst, dass mir etwas zustößt.” Fawn hatte nun ihre Augen geöffnet und bedachte ihn mit einem Blick das Brian ein merkwürdiges Kribbeln befiel. “Ich kann mir diese Stadt, von der du sprichst, nur schwer vorstellen und werde sie niemals sehen. Aber das Fest… glaubst du, ich würde es verstehen, wenn du mir alles erklärst?” Brian nickte und verfluchte insgeheim seine Maske. Am liebsten hätte er sie jetzt hemmungslos geküsst. Fawn schien ähnliche Empfindungen zu haben und leckte sich aufgeregt über ihre Lippen. “Ich würde mich jetzt gerne mit dir vereinen ma Brian. Allerdings ohne dieses Ding.” Damit tippte sie auf das Sichtfenster seiner Schutzmaske. Brian sah sie sprachlos an und wusste nicht, was er erwidern sollte. Einen Moment hielt ihn die kleine Jägerin in ihrem Blick gefangen, dann sah sie sich um und horchte in die Dunkelheit hinaus.

“Komm ma Brian, wir verlassen den Heimatbaum. Noch heute Nacht!” “Was hast du vor Fawn? Sollten wir nicht erst einige Vorkehrungen treffen?” Die kleine Jägerin winkte energisch ab. “Kehe. Wir gehen jetzt. Ich werde für uns jagen, wenn es erforderlich sein sollte. Du kannst Wasser vom Fluss in deiner Feldflache holen. Ich warte hier auf dich.” Brian zuckte nur mit den Schultern. Er vertraute Fawn vollkommen und wenn sie es sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es schwer sie wieder davon abzubringen. Eilig suchte er die Ersatzfeldflasche aus seinen Vorräten und schlenderte zum nahe Ufer hinunter. Das Wasser war eiskalt und Brian schauderte bei der Vorstellung wie Fawn sich täglich in die Fluten stürzte. Die befüllten Behältnisse machte der Söldner an seinem Gürtel fest. Zurück am Lagerplatz stockte ihm der Atem. “Nein Fawn, bitte nicht. Ich will da nicht hoch.” Er starrte fassungslos das ruhig wartende Pa’li an, welches die Jägerin in der Zwischenzeit herbeigeholt hatte. “Sei ohne Sorge. Es ist ganz friedlich und wir kommen damit viel schneller voran. Bei Anbruch der Morgendämmerung können wir schon an der Basis sein.” “Mir bleibt auch nichts erspart.” Brian wartete, bis die Jägerin sich hinauf geschwungen hatte und ließ sich dann beim Aufsteigen helfen. “Du wirst immer schwerer ma Brian”, keuchte sie. “Was du nicht sagst. Wer von uns beiden hat den so ein beachtliches Hinterteil?” Bevor Fawn etwas erwidern konnte, kniff Brian ihr in den Po und ließ sie entsetzt aufquieken. Fawn wandte sich um und sah ihm sprachlos in die Augen. “Was ist denn Fawn? Möchtest du mir etwas sagen?” Er setzte eine Unschuldsmiene auf. Die kleine Jägerin rückte sich zurecht und ließ das Pferd antraben. Nur ein gehauchtes “Tawtute”, konnte Brian noch vernehmen, bevor er sich darauf konzentrieren musste, nicht herunter zufallen. Widerwillig musste er eingestehen, dass Fawn recht hatte. Mit ihrem Pferd kamen sie deutlich schneller voran, obwohl es zwei Reiter zu tragen hatte. Brian vermutete, dass es dem kraftvollen Tier, herzlich egal war. Selbst mit Fawn zusammen brachte er nicht das Gewicht eines ausgewachsenen Kriegers zusammen. Unter trampelnden Hufschlag jagte das Tier mit ihnen durch die Nacht. “Meine sa’nu hat recht, Ich verbringe zuviel Zeit mit dir und vernachlässige meine Aufgaben.”, sagte Fawn plötzlich. Der Söldner gluckste. “Nun was das betrifft, könnte ich noch viel mehr mit dir zusammen sein Fawn.” Das Na’vi Mädchen seufzte nur und lenkte ihr Pa’li sicher durch die Finsternis, einer einsamen Basis im Urwald entgegen.

******
 
In seinen Büro trommelte Kommandant Riley nervös auf der mächtigen Platte seines Schreibtischs herum und wartete auf eine Meldung der ausgeschickten Piloten. Clark spielte Mädchen für alles weil er merkte, wie es um die Laune seines Vorgesetzten bestellt war und servierte ihm eine Tasse Kaffee.
Riley nippte daran, während seine Blicke zum Fenster des Büros schweiften. “Danke Clark, auf sie ist wenigstens Verlass. Immer noch keine Meldung von den Scorpions?” “Ich bedauere außerordentlich Sir, doch es steht zu befürchten… .” Die Tür wurde aufgerissen und ein keuchender Melder stürzte herein. “Wir haben Nachricht von unseren ausgesandten Maschinen Kommandant. Demnach ist einer der Hubschrauber abgeschossen worden, der andere wurde getroffen und versuchte eine Landung. Es folgte noch eine Übertragung der Koordinaten dann riss die Verbindung ab.” Riley konnte gerade noch verhindern, dass ihm vor Überraschung die Tasse aus der Hand fiel. “Verdammt, gibt es auf diesem Mond denn nur schlechte Nachrichten? Stellen Sie fest, wo genau der Absturzort liegt und schicken sie ein Bergungsteam hin.” Clark machte ein Gesicht, als habe ihm der Kommandant eine Zitrone in den Mund gestopft, während der Melder den Raum verließ. “Sir ich gebe zu bedenken, dass die Piloten vielleicht längst tot sind. Selbst wenn sie den Absturz überstanden haben, werden sie wohl kaum auch nur eine Nacht im Urwald überleben.” Rileys Faust donnerte auf die Tischplatte und ließ die Tasse darauf erzittern. “Dann sorgen sie dafür, dass das Team rechtzeitig vor Ort ist. Wir werden sie retten, haben sie das verstanden Clark?” Der Adjutant nickte und machte Anstalten, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Riley bemerkte es. “Ist ihnen heiß Clark? Nun an ihrer Stelle würde ich sicher auch ins Schwitzen kommen, denn sollten sie versagen, müsste ich mich nach einem neuen Adjutanten umsehen. Ich war deutlich?” Clark nickte hastig. “Vollkommen, Kommandant Riley. Ich werde Sie nicht enttäuschen.” Nach einer korrekten Ehrenbezeugung flitzte Clark aus dem Büro um den forschenden Blicken seines Kommandanten zu entkommen.

******

Die Jägerin kontrollierte, ob ihr Reittier sicher angebunden war und nickte dann befriedigt. Unterwegs hatten sie angehalten und ein kleines Tier erlegt. Nun packte Fawn das zerteilte Fleisch und reichte es dem Söldner. “Wir können hinein gehen ma Brian. Hier wird ihm nichts geschehen und es kann auch nicht weglaufen.” Sie hatte einen Platz innerhalb des Schutzzaunes gesucht, der genug Bewuchs bot, damit das Pa’li grasen konnte. Vor den Lagerhallen, die in relativer Nähe zum Lagerrand lagen, waren sie fündig geworden. Nach einem letzten Blick zurück, folgte sie Brian in das Innere der Basis.

Brian spazierte zur Kochzeile im Hintergrund der Kantine und warf das Fleisch auf die spiegelblanke Anrichte. “Ich werde uns nachher etwas Schönes braten Fawn. “Das hört sich gut an, ma Brian.” Er schlenderte zurück und hockte sich neben sie. Nachdenklich fiel sein Blick dabei auf das Chronometer an seinem Handgelenk. Auf der Erde war nun Weihnachten.
Fawn spürte, dass in Brian etwas vorging und er dem jetzigen Zeitpunkt eine ganz besondere Bedeutung beimaß. Schon lange hatte sie den Wunsch verdrängt, sich mit ihm zu verbinden. Es gab andere Möglichkeiten, seine Empfindungen zu ergründen und Fawn beherrschte sie mittlerweile alle. Ganz nah brachte sie ihr Gesicht an ihn und drückte ihre weiche Nase an seine. Sie öffnete ihren Mund einen spaltbreit und der sanfte Klang ihrer Stimme begann seine Sinne zu betören. “Ma Brian, nga yawne lu oer.” Ihre Lippen berührten sich erst vorsichtig, dann immer fordernder. Brian machte mit ihr wieder das Zungenspiel, wovon er wusste, dass sie nie genug davon bekam. Die Momente waren einfach zu selten, wo sie so intim beisammen sein konnten. Ihr Schwanz pendelte spielerisch über den Boden als Zeichen völliger Entspannung und höchster Glücksgefühle. Der Söldner fuhr durch ihr dichtes schwarzes Haar und streichelte die spitzen Öhrchen. Es kitzelte sie ein wenig und Fawn musste kichern. Brian ließ sich davon nicht stören und blickte sie nur versonnen an. “An was denkst du ma Brian?” Ihre Augen versuchten jede Regung von ihm einzufangen. Alles in ihr drängte sie, sich mit ihm zu vereinen und es fiel Fawn schwer sich zurückzuhalten. Doch um den Zauber des Augenblicks nicht zu zerstören, wartete sie. “Mir geht soviel im Kopf herum Fawn. Es muss wohl an der Jahreszeit liegen.” Neugierig sah sie den Söldner an. “Welche Jahreszeit denn? Zeige es mir endlich ma Brian, damit ich es verstehen kann.” Ihre Worte verunsicherten ihn. “Was denn Fawn?” Die kleine Jägerin löste sich aus seiner Umarmung und richtete sich zu voller Größe auf. “Das Fest oder Ereignis, von dem du dauernd sprichst. Ich möchte wissen, welche Bedeutung es für dich hat und wie du es zuhause gefeiert hast.” “Der Kelutral ist nun mein Zuhause Fawn. Es waren nur ein paar sentimentale Gedanken.” Fawn ließ es nicht damit bewenden. “Was denkst du, warum ich dich aus dem Lager hierher geführt habe?” Ihre gelben Augen strahlten ihn erwartungsvoll an. “Damit wir ungestört zusammen sein können? Ohne Maske küsst es sich viel besser.” Fawn verzog grinsend das Gesicht. “Srane ma Brian. Aber das meinte ich nicht.” “Hilf mir mal bitte auf die Sprünge Fawn. Ich kann dir nicht folgen.” Brian machte ein zerknirschtes Gesicht. “Du redest in letzter Zeit viel von deinem Zuhause und von dem Fest, dass ihr begangen habt. Ich stelle es mir wunderschön vor. Warum sonst bist du so unkonzentriert und bemerkst mich manchmal nicht?“ Der Söldner schaute sie verblüfft an. Das war es also. Fawn wollte, dass er mit ihr das Weihnachtsfest beging. Brian kratzte sich nachdenklich am Kopf. “Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt möglich ist Fawn. Dazu benötigt man ein paar Dinge. Ich müsste mich erstmal umsehen.” Fawn richtete sich vor ihm auf und machte eine Geste, welche die gesamte Kantine mit einbezog. “Dann tu es ma Brian. Ich werde hier auf dich warten.” Brian seufzte auf. Der Klang ihrer Stimme hatte ihm deutlich werden lassen, dass sie keinen Widerspruch in dieser Sache dulden würde.
Eine Bemerkung des Kantinenpersonals flackerte in seiner Erinnerung wieder auf, dass sie das Fest die nächsten Jahre vermutlich hier begehen würden. Brian betrat das an die Kantine angrenzende Warenlager und begann mit seiner Exkursion. In den langen Regalen standen zahlreiche Kisten, welche allerlei mehr oder weniger sinnvolle Ausrüstungsgegenstände enthielten. In den ersten fand er Ersatzgeschirr, Besteck und alles weitere, was für einen reibungslosen Kantinenbetrieb benötigt wurde. “Na komm schon, wo hast du dich versteckt?” Brian studierte aufmerksam die Regale, bis sein Blick auf einige Kartons stieß, die sich knapp unterhalb der Decke befanden. Neugierig hangelte er sich nach einem kurzen Versuch, ob die metallischen Ablagen sein Gewicht hielten nach oben. Eine Hand als Halt nehmend, griff er mit der anderen nach einer der Verpackungen und zog sie herunter. Mit einem dumpfen Geräusch landete der Karton auf dem Boden, dicht gefolgt von weiteren, bis die Ablage leer war.
Brian stieß einen anerkennenden Pfiff aus, als er die ersten Behältnisse geöffnet hatte. Die Ausrüstungsabteilung hatte sich wahrlich nicht lumpen lassen und alles bereitgestellt, wovon man der Meinung war, dass es den Soldaten ihren langen Aufenthalt auf einer fremden Welt erleichtern würde. Grinsend nahm er die Plastiktanne aus ihrer Verpackung und betrachtete sie prüfend. Brian klemmte sich den Baum unter den Arm und nahm den Schmuck in die andere Hand. So bewaffnet kehrte er zu Fawn zurück. Er ließ den Baum auf den Boden der Kantine gleiten und holte die restlichen Kartons aus der Kammer. In der Zwischenzeit befasste sich die kleine Jägerin mit dem seltsamen Gewächs. Neugierig hob sie den künstlichen Baum auf und betrachtete ihn eingehend von allen Seiten. Es verwunderte sie, wie er in einem Schrank gedeihen konnte. Vorsichtig tauchte sie ihre Nase in das dichte Nadelwerk, aber zu ihrer Verwunderung konnte sie keinen Geruch feststellen. Sie nahm einen Zweig zwischen ihre Lippen und begann darauf herumzukauen. Im nächsten Moment ließ sie es angewidert los.
Fawn spuckte die ausgerissen Stücke des künstlichen Astwerks auf den Boden. “Ayvrrtep… es schmeckt wie eure Teller.” Brian wirbelte herum. “Nicht Fawn, das kann man nicht essen!” “Wozu soll das gut sein ma Brian?” Er nahm ihr die Nachbildung einer Tanne aus der Hand und stellte den Stamm in die vorbereitete Verankerung. “Wir benutzen schon lange keine echten Bäume mehr. Mit der Vernichtung der meisten Wälder, war es auch die einzige Möglichkeit, die uns noch blieb.” Sie schlich um den Baum herum und betrachtete Brians Arbeit eingehend. “Hat er eine symbolische Bedeutung so wie unser Utral Aymokriyä?” Nickend überprüfte der Söldner, ob das Konstrukt einen sicheren Stand hatte, dann richtete er sich zufrieden auf. “Lass dich überraschen Fawn. Ich denke, es wird dir gefallen. Neugierig betrachtete sie Brian dabei, wie er eine schillernde Kugel hervorholte und vorsichtig an einem der Äste festmachte. In kurzer Abfolge kamen weitere hinzu. Brian holte eine Lichterkette hervor und begann sie fachgerecht in Kreisen um den Baum zu ziehen. Schließlich schaltete Brian die interne Stromversorgung der Lichter an und fuhr die stufenlose Beleuchtung der Kantine herunter. Fawns Augen begannen im Wettstreit mit den künstlichen Kerzen zu leuchten, als sie das farbige Lichtermeer vor sich bewunderte. “Ma Brian, es ist wunderschön. Wie hast du es genannt?” “Das ist ein Weihnachtsbaum Fawn. So einen hatten wir jedes Jahr auf der Erde. Meine Mutter hat ihn immer geschmückt und ich habe ihr dabei geholfen.” Brian legte seinen Arm um sie. Das Mädchen löste sich von dem ungewohnten Anblick und sah Brian fest in die Augen. “Du vermisst sie sehr, nicht wahr?” Er wusste nichts darauf zu erwidern und nickte schließlich nur. Ein letzter Blick auf das Lichtermeer dann erhob sich der Söldner. Brian machte sich an einem Herd zu schaffen und begann, das Fleisch zuzubereiten. Schon bald zog ein verlockender Duft durch die Kantine und Fawn leckte sich erwartungsvoll über die Lippen. Etwas später saßen sie beim Essen. Brian seufzte tief zufrieden auf. Ich kann mich nicht mehr bewegen Fawn. Das war wirklich ein Festmahl. “Srane ma Brian. Meine sa’nu hätte es nicht besser hinbekommen. Was machen wir nun?” Brian grinste sie an und stellte einen Ausdruck zur Schau, den sie nicht deuten konnte. “Was?” Er griff in seine Weste und zog eine mit bunten Federn verzierte Kette aus Kordeln hervor. Fawn riss erstaunt ihre Augen auf. Bevor sie etwas sagen konnte, trat Brian an sie heran und legte sie ihr um den schlanken Hals. “Woher hast du… ich meine… wer hat dir dabei geholfen?” Fawn wirkte seit langem wieder irritiert und sprachlos. Brian ließ sie nicht länger im Ungewissen. “Eyaye hat mir mit den Federn geholfen. Ich bat sie, darüber stillschweigen zu bewahren, wenn sie auch nicht verstand, wofür ich sie benötigte. Das ist mein Weihnachtsgeschenk für dich Fawn. Ein weiterer Brauch zu diesem Fest.” Die kleine Jägerin blickte abwechselnd Brian dann wieder den Federschmuck an und ließ ihn durch ihre Finger gleiten. “Es ist wunderschön. Irayo ma Brian.” Bevor er sich versah, packte ihn Fawn und presste ihre Lippen auf seinen Mund. Ein nicht enden wollender Kuss folgte, bis Brian verzweifelt mit den Armen rudernd nach Luft japste. Das Mädchen kicherte auf. “Warte ma Brian. Ich habe auch etwas für dich.” Sie griff an ihren Lendenschurz und zog unter einem der Tücher etwas hervor. Brian holte erstaunt Luft, als er sah, was sie in ihren schlanken Fingern hielt. “Ich habe den Dolch repariert und gesäubert ma Brian. Es wird Zeit, dass du eine richtige Waffe bekommst, wie sie alle Krieger unseres Stammes besitzen. Gefällt er dir?” Brian erkannte die Waffe welche Fawn auf dem Trichterfeld gefunden hatte sofort. Er balancierte sie in der Hand. “Ja Fawn, das ist wirklich ein schönes Stück. Das nächste mal, wenn wir auf einen Thanator treffen, bin ich vorbereitet.” Sie lachte auf. “Besser nicht, ma Brian. Komm her, ich habe noch etwas, das ich dir geben möchte.” Unter seinen erstaunten Blicken legte Fawn die Ketten ab und löste die Verschnürung des Lendenschurzes. Brian tat es ihr nach und schloss sie erwartungsvoll in seine Arme. “Das hätte ich mir auch nie träumen lassen, als ich von der Erde aufbrach Fawn.” Ein Seufzen. “Sei still Trottel und küss mich endlich.” Brian kam der Aufforderung nach und eng umschlungen zog die kleine Jägerin ihn zu Boden. Während der Baum sein farbiges Licht verbreitete, gaben sie sich ganz ihrer Leidenschaft hin.

******

Im Lager der Ureinwohner saß Auraya mit Varyu zusammen. Ihre Finger fuhren nachdenklich über sein ebenmäßiges Antlitz, ohne dass sie ihn direkt war nahm, doch Varyu merkte nichts von dem seltsamen Verhalten seiner Angebeteten. Die unmittelbare Nähe des Na’vi Mädchens machte den Jäger gleichermaßen nervös, wie es ihn auch erregte. Endlich sah er sich am Ziel seiner geheimsten Wünsche angekommen. Ein kleiner Schritt noch dann… ungestüm legte er seine Arme um sie und versuchte Auraya zu küssen. Sie schrie auf und drückte ihn beherzt von sich. “Was machst du da Trottel?” Varyu war über ihre unerwartete Reaktion sichtlich irritiert und stammelte. “Ich dachte… also wolltest du nicht… wir… .” Das Na’vi Mädchen seufzte auf, legte einen Arm um ihn und zog ihn an sich heran, so das sein Kinn auf ihrer Schulter zum ruhen kam. Sanft strich Auraya über seine Haare und flüsterte. “Ich weiß was du willst. Doch ich brauche mehr Zeit.” Sie sah an ihm vorbei auf den sie umgebenden Urwald. Die Worte Fawns kamen ihr wieder ins Gedächtnis, als sie an den Tawtute denken musste. Unbewusst krallte das Mädchen ihre Finger in Varyus Rücken, so dass dieser vor Schmerz aufschrie. Auraya ignorierte es und drückte seinen Kopf fest an sich. Ein Lächeln zog über ihr hübsches Gesicht. “Es ist noch lange nichts entschieden, meine smuke.”

******

Fawn kuschelte sich so dicht es ging an ihn. “Schlaf ruhig ma Brian. Ich werde über dich wachen und beschützen.” Er vernahm ihre Worte und lächelte. Bei jedem anderen hätte es irgendwie falsch geklungen, doch bei ihr wusste Brian, dass er sich darauf verlassen konnte. Er erinnerte sich an das Gespräch, welches sie geführt hatten. Die Sterne lügen nicht, hatte er zu ihr gesagt und das traf zu. Seine muntxate konnte es ebenfalls nicht. Beruhigt schloss er die Augen und schlief ein.

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Offline Ricardo

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #5 on: December 02, 2012, 09:54:21 am »
Klasse!
Endlich wieder was zu lesen!
Danke sehr.

Offline Tìtstewan

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #6 on: December 02, 2012, 10:13:24 am »
Suppeerr!!

Zur PDF transformiert - und wird in laufe der Woche gelesen!

Irayo nìtxan!

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Offline Tsu'tey

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #7 on: December 02, 2012, 10:28:15 am »
Mega gefreut ! Gelesen ! Fantastisch ! Genau das hat mir irgendwie zur Beendigung, meines freien Sonntags gefehlt !

Ich bleibe in Erinnerung. Ich habe mit Toruk Makto gekämpft. Und wir waren Brüder. Und er war mein letzter Schatten.

Offline Jake.S

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #8 on: December 06, 2012, 11:52:50 am »
Hach ja, all die Stunden in denen ich ohne auskommen musste... Sie sind nun ENDLICH vorbei. ;D
Aus mit der Askese....

Nun, was soll ich sagen, alles was ich bisher über deine FFs geschrieben habe trifft auch diesmal wieder zu.
Ich könnte auch einzeln aufzählen was mir gefällt aber dann säße ich morgen noch hier. ::)

Also bleibts beim Tschankedön! 8)
      Naja, einer muss doch auch zur RDA halten, oder nicht?  ::) Und ein Hubschrauber ist nun mal cooler als ein Vogel. :P

Offline Yaknun

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #9 on: December 13, 2012, 12:58:40 pm »
Hallo mein kuschelig weiches Eichhörnchen,
Deine letzten geistigen Ergüsse ließen mir wieder das Herz aufblühen  :D

Ein wenig traurig bin ich, daß ich erst heute dazu kam, mich wirklich in Deine Geschichte zu vertiefen; allerdings vergingen kaum Minuten, da versank ich wirklich so tief, daß meine reale Umwelt nicht mehr existent war  ;) ... sie glich mehr DEM, was ich lesend in mich aufsaugte  :D

Was so "fast nebenbei" herüber kam (die Katastrophe eines Raumschiffes der RDA) war genial eingefügt in das Gesamt-Szenario und die vielen punktuellen Besonderheiten (z.B. der erfolgreiche Kampf gegen einen Hubschrauber durch die bezaubernde Fawn) wieder einmal herrlich verwoben, so daß ein "dabei sein" absolut nicht schwer fiel  :D

Punkt genau auf das bevorstehende Ereignis der Weihnacht war auch die Präsenz dieses Festes selbst im fernen (oder eigentlich hautnahen) Na'vi-Land beschrieben - einfach herrlich, die Reaktion(en) von Fawn erleben zu dürfen  :P

Ich will mich nicht weiter in Einzelheiten "verlieren", sonst würde ich hier echt zum neuen Autor avancieren  ;D ;D ;D - aber kurz und bündig:
IRAYO

« Last Edit: December 16, 2012, 03:00:43 am by Yaknun »
Neytiri:
"Sie leben, Jake, in Eywa"

alt, aber
vernarrt in AVATAR
...


Offline Tìtstewan

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #10 on: December 15, 2012, 07:06:11 pm »
So, alles gelesen. :)

Hmm, ich weiß garnicht wie ich anfangen soll... Beim lesen habe ich mich in der Geschichte so vertieft, dass ich gedacht habe, ich wäre live dabei.
Die Story ist super und gefällt mir! Toll hast du den "Unfall" reingebaut, das macht die Sache noch richtig spanned.
Auch die Erwähnung des Weihnachtens bzw. die Weihnachtsgeschichte ist echt schön.
(Mir kamm da plötzlich der Gedanke, wie ich ein Na'vi Weihnachten erklären kann...)
Ich hatte alle Mühe diesen Text zu schreiben, da mir irgendwie die Worte fehlten. :-X

Ich kann nur sagen:
Irayo nang nang, ma 'eylan!

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Offline Ricardo

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #11 on: December 22, 2012, 09:00:37 am »
Ich bin auch durch mit dem Lesen.
Wie immer hast du Spitzenqualität abgeliefert und man konnte sich in einer anderen Welt verlieren.
Danke dafür.

Fawn und Brian wachsen mir mit jeder Geschichte mehr ans Herz und die anderen Charaktere blühen auch auf.
Wie immer kann man nur hoffen, dass es bald weitergeht. ;)

Offline tsmukan_stephen

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #12 on: January 11, 2013, 06:25:31 am »
Kaltxì, ma tsmuk,

und ein GANZ GANZ GROSSES IRAYO für Dich, ma Eichhörnchen!  :-* :D

Ja, ich danke Dir ehrlich von ganzem Herzen für diese wunderschöne Geschichte,
die Du hier auf wie immer unnachahmliche Weise erzählst.  8)

Es tut richtig gut, mal wieder auf Pandora zu sein!  :) ;) :D ;D

Nachdem ich erst im Krankenhaus und seit Mitte Dezember mit einen ziemlich großen Auftrag
in Höhe von etliche Tausend Euro voll, d.h. mit mehr als 80 Wochenstunden (trotz Weihnachten etc.)
plus meiner Arbeit als Dozent  ausgelastet war,  :-X habe ich mir heute nach dem gestrigen Abschluss der Arbeiten
und der Umsatzsteuer-Anmeldung an das Finanzamt (Ah, ayvrrtep...!)  :-\  ???  diese Geschichte gegönnt.

Und siehe, es war gut (wie immer)!  ;D ;D

Super erzählt, die Bilder kommen von allein, ohne dass man sich dagegen wehren kann (oder will ???).

Die ganze Geschichte wirkt wie immer als Cliffhanger, man oder genauer ICH fiebere schon der Fortsetzung entgegen!

Nüsse für's Eichhörnchen gibt's natürlich auch!  :-* :-* :-*

Eywa ayngahu!

tsmukan_stephen


« Last Edit: January 11, 2013, 01:36:28 pm by tsmukan_stephen »
Unsere Seite zum Treffen in Leipzig: http://www.LearnFromPandora.de

Wir haben die Erde von unseren Eltern nicht geerbt,
sondern wir haben sie von unseren Kindern nur geliehen.
(Uraltes indianisches Sprichwort)

Offline Neytiri2000

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Re: Blut, Schweiß und Tränen - Teil 1 ( Auraya )
« Reply #13 on: February 09, 2013, 06:32:52 am »


Kaltxì ma Eichhörnchen

Nach Tagen bis Wochen des Stresses und Unklarheit habe ich mir gestern "spät" abend  ;D
mir deine Geschichte ran genommen.  :-X

tut mir echt leid das ich erst jetzt mein Kommentar gebe  :'(

Dafür war es aber echt erfrischend wieder eine solch gute Geschichte von dir zu lesen  ;)
ich muss sogar sagen das du dich dabei selbst Übertroffen hast, den ich finde diesen Teil
als einer der Besten  :D

Ich kann den anderen nur zustimmen bei ihren erlebnis mit unserer geliebt "kleinen Jägerin"  :-[

Wie schon oft erwähnt war es echt eine sache für sich.
Ich bin echt erstaunt über deine Fähigkeit so bildhaft zu schreiben und so gut Details wiederzugeben.
Nagut du hast natürlich auch Übung darin  :)

Trotzdem hat sich deine Art zu schreiben nicht zum schlechten geändert, im gegenteil.
Jede neue Geschichte übertrifft die Alten.

Man hofft das du weiterhin so tolle Geschichten schreibst, dir und deiner Familie alles gute
das es auch weiterhin so bleibt  :-*

 
Zitate:

Jake Sully: Ich möchte kein Mitleid, wenn du Fair behandelt werden willst, bist du auf dem Falschen Planeten.

 

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