Author Topic: Die Legende von Yuki - Episode 2 "Küss mich!"  (Read 990 times)

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Offline Eichhörnchen

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Die Legende von Yuki - Episode 2 "Küss mich!"
« on: June 08, 2014, 05:02:37 am »
Die legende von Yuki - Episode 2 “Küss mich!”



Das Läuten der Glocke sandte seine Klänge über das weite Areal der Siedlung hinweg. Lachend und feixend rannten unaufhörlich Kinder aus dem Gebäude, fielen ihren wartenden Müttern in die Arme oder machten sich in kleinen Gruppen auf den Weg. Tim wartete, bis seine Klasse das Schulhaus verlassen hatte und schlich sich mit gesenktem Haupt davon. Hinter ihm verstummte das melodische Geräusch. Onkel Bron verglich ihre Situation gern mit der Zeit der ersten Siedler, als sie die neue Welt entdeckten und nichts anderes waren sie nun. Pioniere, dazu auserwählt, sich eine weitere Welt untertan zu machen und für ihr Überleben zu kämpfen. Sein Onkel. Die Erinnerung an den Streit am Morgen formte ein seltsames Gefühl in seiner Magengegend. Er hatte noch nie erlebt, dass Bron so wütend gewesen war und selbst seine Tante, sonst immer geneigt für ihn Partei zu ergreifen, hatte nur tadelnd den Kopf geschüttelt. Die Sache mit den Fässern hatte ihm niemand abgekauft. Doch noch mehr hatte es Bron verärgert, dass er sich ohne Erlaubnis Zutritt zum Schuppen verschafft hatte. Den trübsinnigen Gedanken freien Lauf lassend, wurde er erst viel zu spät auf das Gelächter und die Rufe hinter sich aufmerksam.
Verwundert wandte Tim sich um und blickte in strahlend blaue Augen, die ihn lustig ansahen. Lynda. Ein Meer aus goldblonden Haaren umfloss ihr Gesicht und setzte sich über die schmalen Schultern fort. Deutlich jünger als Tim, entwickelte sie bereits ernsthafte Gefühle für Jungs und es war offensichtlich, dass sie sich in ihn verguckt hatte, wie ihm ihr breites Grinsen eindrucksvoll bewies.
Das Mädchen war überall beliebt und selbst sein Onkel nannte sie einen kleinen Sonnenschein, was ganz beachtlich war, da Bron sich sonst nie zu solch einer Äußerung hinreißen ließ.
“Was ist los mit dir, Tim? Du bist heute so komisch. Ich dachte schon, dass du mich ignorierst.”
“Nichts. Alles in Ordnung. Ich muss nur rasch nach Hause.”
“Kommst du mich nachher besuchen? Meine Mutter hat Apfelstrudel gebacken. Den magst du doch so gerne. Bist du sicher, dass alles mit dir in Ordnung ist?”
“Ich habe Hausarrest bekommen.”
“Du hast was? Ist jetzt nicht dein Ernst oder?”
Ihr Kichern trieb ihm die Schamesröte auf die Wangen.
“Na wenn das so ist, dann wüsste ich vielleicht etwas, um dich wieder aufzumuntern.”
Tim verschlug es fast den Atem, als er ihren frechen Blick bemerkte.
“Was hast du vor?”
“Küss mich!”
Die Überraschung über ihre Offerte musste sich wohl in seinem Gesicht spiegeln.
“Mach schon. Sag nur nicht, dass es dich stört, weil ich zuerst gefragt habe. Ich sehe dir an, dass du es auch willst.”
“Ja … also … hier?”
“Warum nicht? Wir sind doch völlig allein.”
Tim sah sich um. Das Mädchen hatte die Wahrheit gesagt. Inzwischen waren alle Leute verschwunden, nur weit abseits konnte er noch Bewegungen auf den Feldern erkennen. Lynda packte ihn und presste ihre Lippen auf seine, bevor er reagieren konnte. Tim empfand es als eigenartig, aber nicht unangenehm. Viel zu kurz währte der Moment für seinen Geschmack.
Auch das Mädchen schien die neue Erfahrung zu verunsichern. Ihre Stimme wurde von ununterbrochenem Gekicher begleitet.
“Ein komisches Gefühl. Ich weiß gar nicht, was daran so besonders sein soll.“
Erneut spitzte sie die Lippen und senkte ihre Augenlieder voller Erwartung.
“Ich soll dich noch mal küssen?”
Heftiges Nicken.
“Aber … ich dachte, es hat dir nicht gefallen.”
Ihre Augen öffneten sich einen spaltbreit und blickten Tim schelmisch an.
“Das habe ich nicht gesagt. Vielleicht haben wir etwas falsch gemacht. Nimm mich in deine Arme.”
“Ich soll was?”
“Mich umarmen, du Holzkopf! Das machen die Erwachsenen immer. Weißt du denn gar nichts?”
Zögerlich legte Tim seine Arme um sie.
“Noch enger! Du must mich an dich pressen. Ja, so ist es gut.”
Tim folgte ihrer unübersehbaren Aufforderung und versuchte sie erneut zu küssen. Im gleichen Moment, als sich ihre Lippen berührten spürte er ihre Zunge. Die Überraschung darüber währte nur den Bruchteil einer Sekunde. Instinktiv öffnete er seinen Mund. Lynda drückte sich an ihn, so dass er ihre kleinen Brüste durch sein Shirt fühlen konnte. Aufgeregt erwiderte er ihre Liebkosungen, nun deutlich heftiger, bis sie sich lachend von ihm löste.
“Schon viel besser! Das können wir öfter machen.”
Bevor er sich versah, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen weiteren Kuss auf den Mund.
“Du darfst mich besuchen, wann immer du möchtest. Ich warte auf dich.”
Unsicher wie er sich verhalten sollte, grinste Tim sie an.
“Ich muss jetzt wirklich los. Mein Onkel schäumt bestimmt schon vor Wut.
“Dann beeil dich. Ich möchte nicht dass du meinetwegen Ärger bekommst.”
Tim verbiss sich die Erwiderung, dass er auch ohne ihr Zutun schon genug am Hals hatte. Doch irgendwie bedrückte es ihn nicht mehr wie noch am Morgen. Ihre Blicke, die sanfte Stimme und ihre wundervollen Berührungen, all das hatte ihn verzaubert. Seufzend setzte er sich in Bewegung.
Lynda winkte ihm noch einmal nach und rannte in entgegen gesetzter Richtung davon. Je näher er dem kleinen Farmhaus kam, in dem er mit seiner Verwandtschaft wohnte, umso zögerlicher wurden seine Schritte.

Noch während vor ihm das Haus in Sicht kam, überschlugen sich die Ereignisse und wischten alle seine Probleme fort. Krachend flog die hölzerne Tür auf und seine Tante stürzte heraus, beide Hände um ihren Hals gekrampft. Tim blieb vor Entsetzen gelähmt stehen. Unfähig sich zu rühren, war er dazu verdammt zuzuschauen, wie sie zusammenbrach. Mitten zwischen die Blumenbeete, denen immer ihre ganze Leidenschaft gegolten hatte. Farmer kamen, alarmiert durch den Lärm herangeeilt, um Hilfe zu leisten. Er wollte zu ihr, versuchte voranzukommen, doch die Beine gehorchten nicht mehr. Ein Gefühl, als habe sich sein Fleisch in Pudding verwandelt. Viel zu langsam kam ihm jeder Schritt vor, bis er endlich den zuckenden Körper erreichte. Weitaufgerissene glasige Augen starrten ihn an und sandten einen stummen Hilfeschrei aus, während sie röchelnd vor ihm lag.
“Aus dem Weg Junge. Siehst du nicht, dass du störst? Geh ins Haus, das ist nichts für dich. Du kannst ihr jetzt nicht helfen.”  
Benommen versuchte er einige der umgefallenen Töpfe wieder aufzurichten, doch sein Ungeschick dabei machte alles nur noch schlimmer. Seufzend folgte Tim schließlich dem Rat sich in Haus zu begeben. In der Ferne klang ein Grollen auf, das sich immer mehr zu den Geräuschen eines anfliegenden Kampfhubschraubers manifestierte. Die kleinen Scheiben des Farmhauses erbebten in ihren Rahmen, als sich die gewaltige Maschine hinabsenkte und direkt auf dem Weg landete. Aus einer anderen Richtung sah er Bron heranstürzen. Einer der Farmer musste ihn wohl informiert haben. Tim wollte einem Instinkt nachgeben und ins Freie stürzen, doch der kräftige Mann winkte herrisch ab. Nur undeutlich vernahm er die Stimme seines Onkels durch den Lärm der Rotoren hindurch.
“Bleib im Haus! Wir reden später!” Zumindest schienen das seine Lippen sagen zu wollen, denn Tim verstand mittlerweile kein Wort mehr. Mit einem Aufbrüllen der Motoren erhob sich die Maschine in die Lüfte und verschwand so rasch wie sie aufgetaucht war.

Die Ungewissheit und Warterei waren zermürbend. Immer wieder verstohlen wirkende Blicke auf die Uhr, als vermochte sie ihm Antwort zu geben.
“Das ist doch alles Mist.” Wie es ihm im Unterricht immer wieder gelehrt worden war, holte er die Maske heraus und befestigte sie an seinem Gürtel. Mittlerweile hatten die Techniker eine deutlich verbesserte Version entwickelt, die nichts mehr mit den ersten Ausführungen gemein hatte. Warme Luft empfing ihn, als er das vollklimatisierte Haus verließ. Einen Moment wechselte sein Blick unschlüssig zwischen den nahen Farmhäusern, von denen eines das Zuhause der Greyburns darstellte und dem Zaun. Warum mussten Entscheidungen immer so schwer sein. Letztendlich gab sein Wunsch, weiteren Ärger aus dem Weg zu gehen den Ausschlag. Lynda war niedlich und die Vorstellung, sie erneut zu küssen, sandte seltsame Empfindungen durch seinen Körper. Doch die Aussicht, sich mit ihren Eltern herumschlagen zu müssen, wenn sie merkten, dass er ihr nachstellte, ließen Tim davon Abstand nehmen. Wie viel verlockender erschien ihm da, sich wieder mit dem Ureinwohner-Mädchen zu treffen. So wandte Tim unbewusst seine Schritte zur Abgrenzung des Lagers und als es ihm auffiel, wo er sich befand, zauberte die Erkenntnis ein Lächeln auf sein Gesicht. Rasch, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, entfernte er die provisorische Abdeckung und schlüpfte unter dem Zaun hindurch.

Wütende Schreie hallten über das Dickicht hinweg.
“Lass ihn sofort herunter!” Unbeherrscht trommelte Yuki mit ihren Fäusten gegen seine Brust, doch Txar zeigte sich unbeeindruckt davon. Mehr noch. Sie hatte das Gefühl, hilflos gegen eine Wand aus gewachsenen Stein zu schlagen.
“Du hast mir gar nichts zu befehlen, Kindchen! Wage es nicht noch einmal, so mit einem Krieger zu reden, bevor du deine Prüfung abgelegt hast.”
Yuki senkte erschrocken ihren Blick und überlegte fieberhaft, wie sie Tim aus seiner misslichen Lage befreien konnte. Sie hatte den Jungen sofort bemerkt, als er sich von den Feldern näherte und war ihm freudig entgegen geeilt. Doch kurz bevor sie ihn erreichte, war wie aus dem Nichts dieser Koloss von Kämpfer aufgetaucht. Gerade als ihre Verzweiflung begann die Oberhand zu gewinnen, bekam sie unerwartete Hilfe.
“Habe ich dir auch nichts zu sagen, großer Krieger?” Ein Fauchen unterstrich die Worte der Frau, die hinter ihr erschienen war.
Yeena! Yukis Herz raste vor Freude.
“Ich befehle dir, den Jungen sofort loszulassen, oder verlangt es dich nach einem Zweikampf?” Behutsam zog sie ihren Dolch hervor. Die unmissverständliche Drohung verfehlte nicht ihre Wirkung, doch noch immer hielt der Krieger Tim gepackt.
“Er ist ein Spion. Ich werde ihn zum Lager bringen.”
“Kehe, das musst du nicht! Ich kenne ihn. Es ist nur ein Kind der Himmelsmenschen. Er lehrt uns Geschichten.” Ein abfälliges Grunzen antwortete ihr während sich der Griff um Tim löste. Mit einem dumpfen Geräusch kam er auf dem Boden auf und brachte sich gleich hinter den Mädchen in Sicherheit.
“Du und deine Schwester sollten mehr Interesse an den Gebräuchen unseres Stammes haben. Dieser Tawtute wird eure Köpfe nur mit wertlosem Zeug füllen.”
“Darüber hast du nicht zu entscheiden und nun geh, bevor ich wütend werde!”
“Ich werde der Schamanin darüber berichten.”
“Tu was du nicht lassen kannst, aber bedenke, dass sich unsere Stammesanführerin bald mit den Himmelsmenschen treffen will, um mehr über die seltsame Art ihrer Bodennutzung zu erfahren. Wie würde sie es wohl aufnehmen, wenn einer unserer Kämpfer im Vorfeld Unfrieden stiftet?”
Der Krieger warf einen verächtlichen Blick in die Runde, wobei sein Blick ungewohnt lange auf Yeena haften blieb. Nach einigem Zögern, folgte die erlösende Geste zur Stirn, bevor er sich zurückzog.
“Das ist gerade noch mal gut gegangen“, seufzte Yuki erleichtert auf. “Ich gebe dir meinen Dank, dass du Tim verteidigt hast.”
“Vorsicht, kleine Schwester! Hast du den Ausdruck in seinen Augen bemerkt? Ich fürchte, wir haben uns einen Feind geschaffen.”
Tim hatte seinen Schrecken überwunden und brachte das Kunststück fertig wieder zu artikulieren, nachdem ihm zuvor die Stimme weggeblieben war.
“Was meinte er damit zur Anführerin gehen? Sind eure Schamanin und der Älteste des Stammes ein und dieselbe Person?”
Yuki warf ihrer Schwester einen fragenden Blick zu, doch Yeena zuckte nur die Schultern.
“Also gut, da meine tsmuke keine Einwände hat, werde ich versuchen, es dir zu erklären.“
Tim lauschte neugierig ihren Worten, während er sich immer wieder umsah, ob der Krieger vielleicht mit Verstärkung zurückkehren würde. Yeena musste ähnlich denken, denn auch sie beobachtete angestrengt das Dickicht.
“Unser Anführer wurde in einer Auseinandersetzung mit einem anderen Stamm verletzt und erlag auf der Flucht seinen Verletzungen. Die Schamanin übernahm seine Rolle, was sich vielleicht seltsam anhört aber für uns nicht ungewöhnlich ist. Beide sind sich in ihrem Rang nahezu ebenbürtig und haben die Aufgabe, jeder auf ihre Weise für das Wohlergehen des Stammes zu sorgen. Nun trägt sie die alleinige Verantwortung.”
“Ich verstehe”, sagte Tim schnell, als das Mädchen ihn neugierig anblickte, ob er alles begriffen hatte. “Darum will sie sich wohl auch mit unserem Oberhaupt treffen.”
“Ja Tim, aber es wäre besser, wenn du es nicht überall herumerzählst. Noch ist es eine stille Übereinkunft. Wir müssen erst lernen aneinander zu verstehen und zu vertrauen. Keine leichte Aufgabe, aber mit Hilfe der großen Mutter wird unsere Schamanin alles zum Guten wenden.”
Ihre Schwester unterbrach sie unerwartet.
“Ich denke du schuldest mir eine Geschichte, kleiner Himmelsmensch.” Yeena setzte sich und deutete damit unmissverständlich an, dass ihre Worte keine Bitte darstellten. “Sie hat recht, Tim. Erzähle ihr eine. Deswegen bist du doch auch zu mir gekommen oder etwa nicht?”
Tim sah unsicher zu den Mädchen auf. So direkt war er noch nie dazu aufgefordert worden. Ein Ast knackte verräterisch, als er sich auf dem weichen Untergrund niederließ. Gebannt hingen die leuchtenden Augen seiner beiden Zuhörerinnen an ihm. Er starrte zu Boden, leckte sich mehrmals über die trockenen Lippen und dachte angestrengt nach, bevor er sich die passenden Worte zurechtgelegt hatte.
“Also schön. Ich hatte dir gestern Nacht eine Erzählung über große Ehrfurcht gebietende Wesen versprochen.”
Yukis glaubte, sich zu erinnern.
“Titanen?”
“Ja, ganz richtig.” Tim senkte seine Stimme und begann zu erzählen.

“Vier Titanen, stellvertretend für die Elemente von Feuer, Wasser, Erde und Luft. Am Anfang, als die Welt noch jung, wild und rau war, herrschten sie über das Land und alles was darauf lebte. Sie bildeten die Grundfesten, auf denen das Gefüge unserer Welt ruhte. Alle Völker lebten mit ihnen im Einklang, bis die Menschen auf der Bildfläche erschienen. Von ihrer Erfindungsgabe und dem unbändigen Willen nach Expansion überrascht, beratschlagten die Titanen, wie sie auf das neue Machtverhältnis reagieren sollten, doch sie konnten zu keiner Einigung kommen. Einer von ihnen, Baltar Herrscher der Flammen, hinterging sie. Er verbündete sich mit den Drachen und verlieh ihnen die Gabe des Feuers. Eine mächtige und ebenso schreckliche Waffe. Doch er hatte nicht mit der Listigkeit und Falschheit der Drachen gerechnet. Der Größte von ihnen, Artemis, tötete den Titan und nahm seine Kräfte in sich auf. Nacheinander versklavten sie so in mörderischen Schlachten die anderen Völker. Wer sich ihnen widersetzte, wurde vernichtet. Nur die Menschen hielten ihnen stand. Gänzlich unerwartet schloss König Gunthar einen Pakt mit Artemis, um sich gegen die restlichen Titanen zu verbünden. Die geballte Macht, welche sie in ihren Grundfesten erschütterte, verunsicherte die Titanen und so trafen sie Fehlentscheidungen, die schließlich zu ihrem Untergang führten. Doch noch immer loderte die Gabe des Feuers in den Drachen. Sobald der letzte Titan niedergerungen war, wandten sich die ehemaligen Verbündeten erneut gegeneinander. Gunthars Adepten indessen hatten dieses Ereignis vorausgesehen und heimlich neue schreckliche Waffen ersonnen. Gewaltige Stein und Speerschleudern fegten die Drachen bei ihrem Ansturm auf die Hauptstadt vom Himmel und schon bald war das Land mit ihren toten Körpern übersät. Der Letzte und Größte von ihnen schlug verletzt im Vorhof des Palastes auf. Doch noch war sein Kampfeswille nicht gebrochen. Er richtete schreckliche Verwüstungen innerhalb der Mauern an, bevor es dem König und seiner Leibwache gelang, ihn zu erschlagen. Mit Artemis Tod wurden die Menschen zu den unangefochtenen Herrschern ihrer Welt.”

“Dieser Drache ist unserem letzten Schatten sehr ähnlich. Er erscheint in Zeiten großer Not, um uns zu retten“, sagte Yeena nachdenklich.
“Nun Artemis mag dieselbe Kraft besessen haben, doch war er deutlich weniger daran interessiert zu helfen“, berichtigte Tim das Mädchen.
“Habe ich dir nicht gesagt, dass Tim aufregende Geschichten erzählen kann?”
Yuki sah ihre ältere Schwester triumphierend an.
“´Srane, das tut er und sogar fehlerfrei. Ich habe alles verstanden.”
“Ich lerne jeden Tag eure Sprache.” Tims Stimme überschlug sich fast vor Freude.
“Es wäre schön, wenn meine jüngere Schwester auch so eine Begeisterung für ihre Aufgaben entwickeln würde“, erwiderte Yeena mit einem eindeutigen Blick auf Yuki.
“Wir müssen dich nun verlassen, kleiner Himmelsmensch. Ich danke dir für die schöne Geschichte, auch wenn es mir schwer fällt. mir diese seltsamen Wesen vorzustellen, die darin vorkamen.”
Jetzt in der Aufbruchsstimmung überkamen Tim wieder die sorgenvollen Erinnerungen an seine Tante, welche er für eine Weile verdrängt hatte. Vielleicht war Bron mittlerweile heimgekehrt und konnte ihm mehr berichten.
“Ich muss auch gehen. Mein Onkel wartet bestimmt schon auf mich.”
Yuki fuhr durch sein Haar und flüsterte, “Möge eywa dich sicher geleiten, Tim“.
Kurz darauf verschwanden die Mädchen im Unterholz. Einen Moment sog er tief die angenehm kühle Luft ein, bevor er seine Schritte zur nahen Siedlung lenkte.

“Ich habe deinen Durchschlupf gefunden! Vielleicht möchtest du mir etwas dazu sagen!” Die Art, wie es sein Onkel betonte, verriet seine Enttäuschung und Tim spürte, dass jegliches Leugnen zwecklos gewesen wäre. Er begriff immer noch nicht, was Bron am Zaun gesucht und wie er das Loch entdeckt hatte.
“Ich war außerhalb des Lagers.”
“Das habe ich mir schon gedacht, aber was ich dabei nicht verstehe ist, wofür du Nachts die Leiter gebraucht hast.”
“Ich möchte nicht darüber sprechen, Onkel.” Tim versuchte, sich an ihm vorbei ins Haus zu drängen, doch Bron hielt ihn geistesgegenwärtig fest.
“Nicht so schnell mein Junge. Ich verlange eine Erklärung und du wirst mir gefälligst antworten, sonst kannst du etwas erleben. Reicht es nicht, dass deine Tante sich wegen dir ständig Sorgen machen muss? Du weißt, dass jegliche Aufregung in ihrem Zustand Gift für sie ist. Von deinem Hausarrest ganz zu schweigen.”
“Wie geht es ihr denn? Kann ich sie sehen?”
“Sobald du meine Frage beantwortet hast.”
Tim blickte nervös über seine Schulter zum Haus.
“Das bedeutet, sie ist wieder daheim?”
“Natürlich ist sie das. Der Arzt sah keine Veranlassung, sie unter Aufsicht zu behalten. Sie braucht jetzt nur viel Ruhe. Also, was ist nun?”
Tim befeuchtete sich die Lippen. Es half alles nichts. Früher oder später würde er es ja doch erfahren.
“Ich war bei den Ureinwohnern. Sie haben ein Lager etwas außerhalb unserer Siedlung.”
Bron pfiff durch die Zähne.
“Ein Lager? Erzählst du wieder Unsinn, mein Junge? Warum wurden sie dann vor der Inbesitznahme des Landes nicht aufgespürt? Im Umkreis von mehreren Meilen gibt es nichts als Urwald und wilde Tiere.”
“Sie wurden vertrieben. Zumindest hat es mir das Mädchen so erzählt. Vor einiger Zeit haben sie sich hier angesiedelt. Die direkte Nähe zu uns versprach ihnen wohl Sicherheit. Ich denke sie sind nur ein kleiner Stamm.”
“Das Mädchen? Hat eine Ureinwohnerin etwas mit der Leiter zu tun?”
“Sie hat mich Nachts besucht. Jemand hat ihr dabei geholfen, aber allein konnte sie nicht mehr zurück. Es tut mir leid, Onkel Bron.”
“Ein Urwaldmädchen also. Das erklärt so einiges. Wie lange geht das denn schon so?”
Tim entschloss sich die Flucht nach vorne zu ergreifen.
“Eine Zeitlang. Genau genommen seit dem Fest.”
“Donnerwetter! Das hast du aber sehr gut vor mir und deiner Tante verborgen gehalten. Wann gedachtest du denn uns einzuweihen?”
Tim fühlte, wie im langsam der Boden unter den Füßen entglitt.
“Ich … ich wollte … vielleicht … .”
“Also überhaupt nicht.” Bron holte hörbar Luft. “Ich kann es immer noch nicht so ganz fassen. Dieses Mädchen muss dich ja schwer beeindruckt haben.”
Unerwartet erschien ein mildes Lächeln und sein Onkel hielt die Hände auseinander.
“Auf einer Skala von 1-10 … wie viel bekommt da deine neue Errungenschaft?”
Tim grinste vor Erleichterung frech über das ganze Gesicht.
“Die volle Punktzahl, Onkel Bron!”
“Na dich hat es ja ganz schön erwischt. Weiß sie denn schon von ihrem Glück? Wie heißt sie?”
“Yuki“, erwiderte Tim strahlend.
“Ein hübscher Name.” Bron seufzte auf.
“Was hast du denn auf einmal Onkel? Ist dir nicht gut?”
“Nein, mir fehlt nichts. Es ist nur … ach vergiss es einfach. Vermutlich mache ich mir einfach zu viele Gedanken.”
“Meinst du wegen Yuki?”
“Nein Tim. Ich spreche von Lynda.”
Der Name meißelte sich in Tims Gehirn. Woher wusste sein Onkel davon? War heute der Ich-gestehe-alles-Tag?
“Wer hat dir davon erzählt?”
“Die Farmer auf den Feldern sind geschwätzig und ihre Frauen stehen ihnen in nichts nach. Sieh mal, das ist nur eine kleine Gemeinde. Dinge sprechen sich schnell herum und nur wenig lässt sich verheimlichen, schon gar nicht dauerhaft.”
“Was spricht dagegen beide lieb zu haben?”
Bron verzog die Mundwinkel.
“Nun erst einmal nichts. Weiß Lynda denn von dem Eingeborenen-Mädchen?”
Nervös schüttelte Tim den Kopf.
“Du solltest es ihr sagen. Es ist nicht fair, wenn sie sich deinetwegen wohlmöglich Hoffnungen macht, die sich vielleicht nie erfüllen werden.”
“Nein. Das stimmt so nicht, Onkel Bron. Lynda ist ein tolles Mädchen.”
“Ja das ist sie wohl und außerdem noch sehr jung. Du hast kein Recht, ihre Gefühle zu verletzen, also spiel nicht mit ihr. Weißt du, was sie ist?”
“Ja, Onkel Bron.”
“Gut, aber begreifst du das auch?”
“Ich denke. Sind die Gerüchte wahr?”
“Nun ja man hört so einiges. Frag sie das lieber selbst.”
“Das werde ich, Onkel Bron.”

Abends lag Tim in seinem Bett und versuchte Schlaf zu finden, während die Ereignisse des Tages an ihm vorbeizogen. Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen, als er sich davon überzeugt hatte, dass es seiner Tante den Umständen entsprechend gut ging. Eine Überreaktion auf das Serum, wie sie gelegentlich unter den Siedlern vorkam. In wenigen Tagen würde sie wieder auf den Beinen sein.
Eine Sache indessen ging ihm durch den Kopf und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, eine Frage, die er sich schon einmal im Laufe des Tages gestellt hatte.

Warum mussten Entscheidungen immer so verdammt schwer sein … .

Ende

Copyright 2014 Eichhörnchen
« Last Edit: June 09, 2014, 12:27:48 pm by Eichhörnchen »
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Offline Tìtstewan

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Re: Die Legende von Yuki - Episode 2 "Küss mich!"
« Reply #1 on: June 09, 2014, 01:39:34 pm »
Soeben gelesen und für ausgezeichnet befunden! :D

Es liest sich interessant und der Verlauf der Geschichte verspricht spannend zu werden. Der Onkel wirkt etwas ruhig bei dem kleinen Geständnis von Tim, zu ruhig (da liegt wohl ein Plan dahinter :P).
Ich freue mich auf die Fortsetzung! :) Und natürlich gibt es dafür eine Nusslieferung. ;)

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Offline Ricardo

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Re: Die Legende von Yuki - Episode 2 "Küss mich!"
« Reply #2 on: June 09, 2014, 07:26:41 pm »
Die Geschichte hat mir wieder sehr gut gefallen.
Das Konzept stimmt.

Aber eines hat mich dann doch zutiefst schockiert!

Ende

Das ist doch hoffentlich nur für den Abschnitt gemeint.  :'(

Offline Tsu'tey

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Re: Die Legende von Yuki - Episode 2 "Küss mich!"
« Reply #3 on: June 10, 2014, 03:21:08 am »
Kann mich meinen beiden Vorrednern eigentlich nur anschließen, zwar ein für deine Verhältnisse kurzes Kapitel aber dafür hats auch dieses in sich. Sehr schön zu lesen und wieder Na'vi und Pandora so wie es eigentlich sein soll ;)

Ich bleibe in Erinnerung. Ich habe mit Toruk Makto gekämpft. Und wir waren Brüder. Und er war mein letzter Schatten.

Offline Neytiri2000

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Re: Die Legende von Yuki - Episode 2 "Küss mich!"
« Reply #4 on: June 14, 2014, 12:44:59 pm »
Kalkxí ma Eichhörnchen,

eine wirklich gute Fortsetzung der Kurzgeschichte "Die Legende von Yuki"  ;)

wie immer gefällt mir deine Schreibweise, wo man sich vorkommt als würde man dabei stehen.


Bin außerdem sehr über die Reaktion des Onkels begeistert, ich glaub nicht alle Siedler wären so erfreut gewesen.  ;D

Freu mich schon zu lesen wie Tim es schafft die beiden "heißen Teile" unter eine decke zu bekommen  :-[

Fand auch die Kussszene ganz toll, wie beide so verunsichert waren  :D

Ereignisse auf die ich mich in der Fortsetzung freue bzw gespannt bin:

- ( wenn ) wie wird das gespräch mit der Schamanin ?

- (wenn ) wie reagiert seine Tante auf Yuki ?

- was unternimmt Tim ( in der sache Yuki und Lynda ) ?

- werden weitere Protagonisten auftauchen ?

Auf jedenfall bin ich ganz gespannt wie ein Viperwolf auf die Fortsetzungen :) ;) :D

Natürlich gibt es für diese Geschichte deine Ration Nüsse ^^

Lg Neyiri2000
Zitate:

Jake Sully: Ich möchte kein Mitleid, wenn du Fair behandelt werden willst, bist du auf dem Falschen Planeten.

 

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