Author Topic: Eine Herzensangelegenheit ( Romanze )  (Read 530 times)

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Offline Eichhörnchen

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Eine Herzensangelegenheit ( Romanze )
« on: June 20, 2018, 02:12:27 am »
Eine Herzensangelegenheit


Feen gibt es nicht. Das denkt sich auch Rick, bis er auf einer seiner Exkursionen durch das Bostoner Nachtleben auf das junge Mädchen Aeliah trifft. Aeliah lebt in einer verlassenen Fabrik, zurückgezogen vor neugierigen Blicken und findet schnell Gefallen an Rick. Eine Zeit verläuft ihre Beziehung wie ein Traum, bis Rick die falschen Leute kennen lernt und sich dramatisch zu verändern beginnt. Er wird Aeliah so fremd, wie sie es nie für möglich gehalten hätte. Doch wen eine Fee in ihr Herz geschlossen hat, den gibt sie nie wieder her. Aeliah beschließt, um Rick zu kämpfen und findet sich bald darauf in einer Hölle aus Drogen und Gewalt wieder, aus der es keinen Ausweg gibt.


Tag 1 Summerset Street 23:30 Uhr

Es war schon spät, als Rick in die schmale Strasse trat, die von der 55 ten Avenue in die ärmeren Gegenden Bostons führte. Sein Gang war schleppend, was daran lag, dass er wieder viel zu viel getrunken hatte. In Gedanken hörte er schon das Geschrei, wenn er sein Zuhause erreichte. Sein Vater hatte nur wenig Verständnis für Ricks Eskapaden. Für ihn zählten einzig Leistung und Disziplin im Leben. Manchmal kam es Rick so vor, als ob sein Vater beim Sprechen einen Besenstiel im Arsch stecken hatte, besonders wenn er ihm wieder eine seiner berüchtigten Standpauken hielt. Doch traute Rick sich nie, das offen auszusprechen. Bei der Vorstellung daran zog ungewollt ein Lächeln über das Gesicht des jungen Mannes. Rick hatte einen Moment nicht auf den Weg geachtet und die schummrige Straßenbeleuchtung tat ihr übriges. Er strauchelte über einen losen Pflasterstein und hatte Mühe sich auf den Beinen zu halten. Begleitet von einem deftigen Fluch kickte Rick den Stein über die Strasse und schaute ihm nach, bis er auf der anderen Seite zum liegen kam. Aufgewühlt und zugleich benommen sah er sich um. Sein Blick streifte die Fenster der alten Traktorenfabrik entlang, die ihn wie leere Augenhöhlen entgegenstarrten. Er wollte sich schon gelangweilt abwenden, als eine Bewegung etwas oberhalb der Mauer seine Aufmerksamkeit erregte. Wie angewurzelt blieb er stehen und rieb sich über die geröteten Augen. Rick starrte auf die dunkle Öffnung, doch da war nichts. Kopfschüttelnd schloss er die Augen, was leichte Übelkeit in ihm hervorrief. Er hatte wirklich zuviel getrunken. Langsam öffnete er wieder die Lieder und betrachtete erneut den leeren Fenstersims. Verflucht sollte der Wein sein, aber er war sich sicher, dort eben noch ein junges Mädchen sitzen gesehen zu haben. Aus der Ferne ertönte der Klang einer Turmuhr und verkündete, dass es auf Mitternacht zuging. Rick setzte sich wieder in Bewegung. Zuhause erwarteten ihn schon genug Scherereien, da brauchte er nicht noch seinen Wahnvorstellungen nachzugehen. In einer halben Stunde, so hoffte Rick, würde er das elterliche Haus erreichen und erst einmal seinen Rausch ausschlafen. Er schlurfte weiter die Strasse entlang und würdigte das Gebäude keines Blickes mehr.

Aeliah blickte verträumt in die sternenklare Nacht hinaus. Um sie herum war alles ruhig, nur gelegentlich klang das Hupen eines Wagens von der Avenue heran, welche das Stadtviertel teilte. Das junge Mädchen ließ ihre Beine über den breiten Fenstersims baumeln. Die meisten Scheiben der alten Fabrik waren schon lange heraus gefallen, oder durch Unwetter zerstört worden. Niemand kümmerte sich mehr um das Leerstehende Gebäude, was dem Mädchen gerade recht kam. Etwas auf der Straße ließ sie aufschrecken. Lautlos wanderte ein Schatten über den Bürgersteig unter ihr. Vorsichtig kauerte sie sich in das Dunkel der breiten Fensterbank und beobachte weiter. Der Mann oder war es ein Junge… Aeliah konnte es nicht so genau erkennen, bewegte sich irgendwie seltsam voran. Plötzlich stolperte die Gestalt fluchend. Das Geräusch von einem Gegenstand, der über die Straße kullerte, drang zu ihr herauf. Jedes verräterische Geräusch vermeidend, wollte sie sich vom Sims zurück in den Schutz der Finsternis gleiten lassen. In diesem Moment richtete der Mann seine Blicke unerwartet auf das Fenster. Aeliah wagte kaum zu atmen und spürte, wie sich feine Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten. Hatte er sie gesehen und kam nun um nachzuschauen? Sie sah sich um und suchte fieberhaft nach der besten Versteckmöglichkeit. Wer wusste schon, was er vorhatte. Vielleicht war es ein Perverser, der über sie herfallen und dann ermordeten würde. Ihre losbrechende Fantasie begann ihr die schlimmsten Szenarien zu zeigen. Aeliah holte tief Luft und zwang sich dazu, nicht weiter in Panik zu verfallen. Sie schalt sich selbst eine Närrin. Was musste sie auch auf dem Fenstersims sitzen. Andererseits war die Strasse meist verlassen und dem atemberaubenden Anblick der Sterne in dieser Nacht hatte sie einfach nicht widerstehen können. Gerade als sie mit der Entscheidung rang, sich im Werkzeugschrank zu verbergen, hörte sie wieder Schritte auf der Strasse, die sich entfernten. Aeliah nahm all ihren Mut zusammen und lugte vorsichtig nach draußen. In einiger Entfernung sah sie nur noch den Rücken der Gestalt, die sich torkelnd davon bewegte.
“Noch mal Glück gehabt du törichtes Ding“, flüsterte sie erleichtert. Aeliah warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das leuchtende Band der Sterne über ihr, dann rutschte sie wieder zurück in die Sicherheit der Fabrikmauern. Für heute war ihr jegliche Lust, weiter auf dem Fenstervorsprung zu sitzen, vergangen. Müde schlich sie zu ihrem einfachen Schlaflager im hinteren Bereich der Halle und kuschelte sich unter ihre Decken. Eine Weile schwirrten ihre ruhelosen Gedanken noch um das Erlebte und sie nahm sich fest vor, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Im nächsten Moment übermannte das Mädchen die Erschöpfung und ließ sie in einen tiefen Schlaf fallen.

Rick fingerte ungeschickt mit dem Schlüssel am Schloss der Haustür herum, als sie schon aufgerissen wurde. Mit einem Gesicht, wie eine ausgehungerte Bulldocke blickte ihn sein Vater an. Gerade wollte er seine auf dem Heimweg zurecht gelegte Erklärung abspulen, da traf ihn schon die erste Ohrfeige. “Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich nicht immer herumtreiben? In deinem Alter habe ich mein Studium ernst genommen, sonst wäre nie etwas aus mir geworden.”
“Bitte Vater, erspare mir… .” Der nächste Schlag traf ihn auf der Nase und ließ ihn benommen zurücktaumeln. Im Hintergrund sah er seine Mutter auftauchen.
“Karl, oh mein Gott sieh doch: Der Junge ist schon wieder betrunken.”
“Unser Junge meinst du wohl, oder möchtest du mir weismachen, dass du daran unbeteiligt warst?” Genauso schnell wie sie erschienen war, zog sich Ann unter der Zurechtweisung wieder zurück. Rick kannte sie nicht anders. Mit einer bis zur Perfektion getriebenen Leidenschaft schaffte sie es, allen Problemen des täglichen Lebens aus dem Weg zu gehen. Vermutlich würde sie sich morgen wieder eine Stunde auf Dr. Jeffersons Couch gönnen, um ihre schweren Depressionen zu rechtfertigen und vielleicht auch noch ein kleines Extra. Es war ein offenes Geheimnis, dass seine Mutter den Psychiater vögelte und sein Vater der einzige Mensch in der Stadt, der es nicht bemerkte. Rick nutzte die Gelegenheit, an Karl vorbei zu hechten, bevor dieser ihm eine weitere Lektion erteilen konnte. Ohne sich umzusehen nahm er die Stufen nach oben und ließ hinter sich die Tür seines Zimmers ins Schloss krachen. Er hatte sie gerade verriegelt, als es schon von außen dagegen hämmerte.
“Mach sofort auf du Drecksack und stell dich wie ein Mann! Wir beide sind noch nicht fertig miteinander!” Er zog sich auf sein Bett zurück und ließ die Schimpfkanonade über sich ergehen. Sein benebelter Geist half ihm dabei, alles leichter wegzustecken. Irgendwann herrschte plötzlich Ruhe und Rick vernahm, wie jemand die Treppe hinunter schritt. Dankbar seufzte er auf, entledigte sich seiner restlichen Klamotten und rollte sich unter die Decke. Der Nachttischwecker zeigte an, dass es weit nach 1 Uhr war. Es ließ ihn gleichgültig. Würde er halt morgen etwas später zur Uni gehen. Was machte das schon? Das erste Semester hatte gerade begonnen und er noch genug Zeit. Erschöpft schloss er die Augen, während im Haus alles totenstill wurde. Einen Moment dachte er noch an die Gestalt am Fenster der alten Fabrik, dann versank er in tiefen Schlaf.


Tag 2 Vor dem Campus

Rick betrachtete den Eingang zum Uni Gebäude. Er fühlte sich wie gerädert und die Vorstellung, den halben Tag in Vorlesungen zu verbringen, konnte seine Stimmung auch nicht entscheidend verbessern.
“Hey Rick, alte Socke. Du siehst echt scheiße aus. War wohl wieder eine lange Nacht oder?” Rick starrte völlig überrascht in das grinsende Gesicht von Tom, seinem Tischnachbarn.
“Na ja ehrlich gesagt war es mein Vater… .”
“Uuhh dein Vater. Also wirklich Rick, ich hätte gar nicht gedacht, dass ihr beiden euch so nahe steht.” Ein Hieb traf ihn am Kopf.
“Echt Tom, du bist so abartig. Weiß gar nicht warum ich dich zum Freund habe.”
Tom fuhr überlegen lächelnd durch seine brünetten Haare, in welche die Mädchen so gerne ihre Finger steckten, um mit seinen Locken zu spielen.
“Wärst du eine Frau würde ich sagen, weil ich so unwiderstehlich aussehe und der geilste Hengst auf dem Campus bin. Vermutlich bin ich einfach viel zu nett zu dir. Du hast mich gar nicht verdient, Rick.”
Er setzte gerade eine übertrieben wirkende Miene auf, als ein Kichern hinter ihnen erklang. Sandy, eine ihrer Klassenkameradinnen, stellte sich in formvollendeter Pose vor Tom auf, wobei sie ihr Shirt straffte, damit ihre knospenden Brüste besser zur Geltung kamen. Rick schenkte sie nur einen flüchtigen nichts sagenden Blick.
“Hast du nach der Uni schon etwas vor, Tom? Meine Eltern sind heute Nachmittag nicht zu Hause.” Sie leckte sich erwartungsvoll über die Lippen und ließ Tom nicht aus den Augen.
Sein Freund tat so, als müsse er ernsthaft überlegen, dabei fand Rick, dass ihm die Geilheit ins Gesicht geschrieben stand. “Heute Nachmittag sagst du? Eigentlich müsste ich lernen, aber für dich mache ich gerne mal eine Ausnahme”, erwiderte er gönnerhaft.
“Das ist lieb von dir”, lachte Sandy hell auf und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Während sie ins Gebäude rannte sah Tom ihr interessiert nach. “Meine Güte was für ein beachtlicher Hintern. Siehst du Rick, so macht man das. Mein Charme auf Frauen lässt sich nicht leugnen.”
“Du bist einfach nur eingebildet.”
Rick blickte unschlüssig zwischen Tom und dem Eingang des Schulgebäudes hin und her.
“Was ist, kommst du nicht mit? Wir müssen langsam rein, bevor sie eine Vermissten-Anzeige aufgeben.” Er rollte belustigt mit den Augen.
In Rick sträubte sich alles, dem Ratschlag seines Freundes zu folgen und das Gebäude zu betreten. Dabei konnte er noch nicht einmal genau sagen, warum dem so war.
“Sag mal Tom, ist dir bekannt, ob sich noch jemand in der alten Fabrik aufhält? Ein Nachtwächter oder vielleicht irgendwelche Jugendlichen, die das Gelände besetzt haben.”
Sein Freund blickte nervös zum Eingang, wo eben das letzte Läuten der Schulglocke verklang.
“Du meinst das Traktorenwerk? Das ist doch schon seit Jahren verlassen. Was machst du dort überhaupt? Liegt gar nicht auf deinem Weg, oder musstet ihr Umziehen?”
Tom lächelte hämisch.
“Ich brauchte eine Abkürzung. War gestern eine lange Nacht und ich habe den Bogen wohl etwas überspannt.” Rick machte einen gequälten Gesichtsausdruck.
“Schon klar, Rick. Trotzdem, du solltest dich da nicht allein aufhalten. Ist nicht gerade die beste Gegend. Wer weiß schon, was dort vielleicht für Typen rumlungern. Du könntest schneller in Schwierigkeiten geraten, als dir lieb ist.” Er legte ihm einen Arm auf die Schulter. “Nun komm schon, Rick. Lass uns reingehen, bevor wir Ärger bekommen.”
“Nein! Sag einfach, dass mir schlecht ist, irgendwas halt. Ich kann heute nicht in die Uni.”
Rick riss sich los und stürzte, ohne sich nochmals umzusehen, die Strasse hinunter. Hinter ihm erklang der überraschte Ausruf seines Freundes.
“Was bist du für ein Spinner, Rick! So wirst du nie durch das Semester kommen.” Er achtete nicht weiter darauf und verschwand alsbald zwischen den hoch aufragenden Straßenschluchten Bostons.

Rick blieb vor den Mauern der halb verfallenen Fabrik stehen und sog tief die angenehm frische Nachtluft in seine Lungen. Den halben Tag hatte er sich erneut ins Bett gehauen gehabt, um die Nachwirkungen seiner Kneipentour zu vertreiben. Die Kühle wirkte belebend und half ihm, klarer über Verschiedenes nachzudenken. Seine Eltern waren auf irgendeinen dieser zahlreichen Empfänge, von dem sein Dad hinterher behauptete, dass sie einen zu Tode langweilten. Auf diesen Partys lief Ann immer zu ihrer persönlichen Bestform auf und entwickelte Multitasking Fähigkeiten, zumindest was ihr Gehirn betraf. Während einer von Karls Geschäftspartnern sie im Hinterzimmer um den Verstand vögelte, versuchte sie gleichzeitig, selbigen durch die literweise Zufuhr von Wodka hinwegzuspülen.
Rick kam es gerade recht und die Gunst der Stunde nutzend, hatte er trotz wiederholten Verbots das Haus verlassen, um das Traktorenwerk erneut aufzusuchen. Aufmerksam wanderten seine Blicke über die leeren Öffnungen der einstigen Fenster, in der Hoffnung etwas zu entdecken. Ein leichter Nieselregen setzte ein und überzog alles mit glänzender Nässe. Fröstelnd zog Rick den Kragen seines Mantels enger.
“Was mache ich hier eigentlich?” Nervös blickte er sich um, ob ihn jemand beobachtete, doch zu seiner Beruhigung war die Strasse wie schon in der Nacht zuvor menschenleer. Rick holte tief Luft und nahm all seinen Mut zusammen.
“Hallo. Ist da jemand?” Er verharrte regungslos und lauschte zu dem Fenster hinüber, auf dessen Vorsprung er meinte, am Vorabend eine Gestalt gesehen zu haben. Nichts rührte sich dort. Rick bückte sich und hob einen kleinen Stein vor dem Zaun auf, der sich um das Gelände zog. Er schätzte die Entfernung ab und warf. Lautlos verschwand das Geschoss in der Dunkelheit. Ein triumphierendes Gefühl überkam ihn. Er hatte schon mit dem ersten Wurf getroffen. Neugierig richtete Rick sich auf und versuchte es erneut mit Rufen. “Hallo, ich weiß, dass jemand da drinnen ist.” Rick ließ seine Blicke konzentriert über die obere Fensterreihe wandern. Plötzlich entdeckte er einen Schatten etwas weiter rechts der Stelle, wohin er den Stein geworfen hatte. Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. “Bitte zeig dich. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich tu dir auch bestimmt nichts.”

Aeliah zuckte zusammen, als wieder Schritte auf dem Straßenpflaster erklangen. Diesmal war sie auf der Hut und ließ sich rechtzeitig in den Schutz der Dunkelheit gleiten. Die Schritte verharrten unterhalb ihres Fensters. Sie spürte ihr Herz immer heftiger schlagen und kauerte sich völlig verängstigt zusammen. War es wieder dieselbe Gestalt wie gestern Abend? Warum war er stehen geblieben, obwohl sie sich versteckte? Kam er vielleicht in die Fabrik um nachzusehen?  Unzählige Fragen peinigten das junge Mädchen. Fragen, auf die sie einfach keine Antwort wusste. Im nächsten Moment hörte sie eine Stimme rufen und kurz darauf flog ein Stein über ihr durch die Öffnung und fiel im Hintergrund zu Boden. Aeliah spürte einen Stich in ihrer Brust und biss sich fest auf die Lippen um nicht laut aufzuschreien. Hatte er sie entdeckt? Sie zwang sich dazu, ruhig zu atmen. Die Stimme hatte männlich, fast noch jung geklungen und wie sie für sich selbst befand, nicht unangenehm. Vielleicht war es derselbe Mann, welcher gestern Abend ihre Betrachtungen der Sterne so abrupt beendet hatte. Wieder erklang die Stimme. Aeliah schlich sich im Schutze der Fensterbänke ein Stück die Hallenwand entlang und versuchte, aus einer anderen Position vorsichtig auf die Strasse zu spähen. Dort stand er wieder. Sie erkannte ihn sofort. Der selbe Junge wie schon die letzte Nacht. Insgeheim bewunderte sie seine Ausdauer. Aeliah ließ in Sekundenschnelle alle möglichen Optionen durch ihren Kopf ziehen und bewertete sie. Doch so sehr sie es drehte und wendete, es half alles nichts. Wenn sie in Erfahrung bringen wollte, was der Junge beabsichtigte, würde sie sich ihm zeigen müssen. Immerhin war er nicht einfach des Nachts eingedrungen und hatte sie überwältigt, obwohl sie zu keiner Gegenwehr fähig gewesen wäre. Sie wollte auch nicht so recht daran glauben, dass er böse war. Das erleichterte ihr die Entscheidung ungemein. Langsam kam sie aus ihrer Deckung hervor und kletterte auf den breiten Fenstersims. Im selben Moment, in dem sie sich auf den Vorsprung hockte, nahm er von ihrer Gegenwart Notiz. “Hey, da ist ja wirklich jemand. Beinahe hatte ich schon gedacht, mir alles nur eingebildet zu haben. Ich bin Rick. Verrätst du mir auch deinen Namen?”
Aeliah sah auf ihn herab und versuchte einzuschätzen, wie alt er war. Sie kam zu dem Schluss, dass er nicht viel älter als sie selbst sein konnte. “Aeliah. Ich heiße Aeliah.” Sie betrachtete ihn aufgeregt. “Aeliah… das klingt hübsch. Hättest du etwas dagegen, wenn ich zu dir reinkomme?” Verstohlen schaute sie sich um, ob sie noch jemanden auf der Strasse entdecken konnte, der vielleicht im Hintergrund lauerte. Doch ihre aufkommende Sorge erstickte im Keim. Gähnend leer erstreckte sich das Pflaster vor ihr. Kein Fahrzeug oder irgendetwas, hinter dem sich eine weitere Person verstecken konnte.
“Okay komm rein, aber versuche keine Dummheiten, ich bin bewaffnet.” Das war eine glatte Lüge, doch Aeliah hoffte, dass es den Jungen von übereilten Reaktionen abhielt. Nervös rutschte sie von der Fensterbank und schritt mit weichen Knien zum Aufgang der kleinen Treppe, die aus dem Eingangsbereich in ihre Räumlichkeiten führte. Einen Moment später hörte sie jemanden durch die Halle unter ihr schreiten, dann spürte sie, wie das Geländer in ihren Händen erzitterte. Gleich darauf tauchte ein Kopf am Rande der Treppe auf. Rick betrat den Absatz und stand im nächsten Moment in einer kleineren Ausgabe der Halle, durch die er ein Stockwerk tiefer gekommen war. Neugierig blickte er dem wartenden Mädchen in die Augen. Aeliah war jung, sogar deutlich jünger als er erwartet hatte. Im Hintergrund sah er ein Schlaflager und ein paar persönliche Dinge des Mädchens, die sie im Raum verteilt hatte, wohl um ihn wohnlicher zu gestalten.
“Lebst du hier?”
Im gleichen Moment kam ihm die Frage unglaublich bescheuert vor. Selbstverständlich wohnte sie in der Fabrik. Die Decken in der Ecke und ihre wenigen Habseligkeiten bewiesen es ihm in eindringlicher Weise.
“Wusste gar nicht, dass das alte Traktorenwerk überhaupt noch bewohnbar ist. Bist du völlig allein?”
Aeliah musste beinahe über seine Naivität lachen. Sie machte eine Geste mit der Hand. “Wie du siehst. Ich komme ganz gut zurecht. Wohnst du in der Nähe?”
“Ich? Nein zum Glück …”, er verbiss sich den Rest und verfluchte seine vorschnellen Antworten. Es lag nahe, dass sie sich nichts Besseres leisten konnte. Rick nannte ihr den Namen des Viertels, in dem sich sein Elternhaus befand. Aeliah konnte damit nichts anfangen, antwortete jedoch um sich ihre Unwissenheit nicht anmerken zu lassen.
“Das ist aber ein ganz schöner Umweg. Was suchst du dann in dieser Gegend?”
“Ich wollte herausfinden, ob hier drinnen jemand ist”, sagte Rick spontan.
Aeliah schüttelte den Kopf. “Nein, das meine ich nicht. Warum bist du überhaupt hierher gekommen?”
Rick überlegte, wie er es ihr am besten erklären sollte.
“Ich hatte letzte Nacht eine kleine Sause gemacht und dabei wohl etwas übertrieben.”
“Du hast was?”
Aeliah konnte sich unter dem Begriff Sause nichts vorstellen und sah ihn fragend an.
“Deine Augen … sie sind völlig grün. So etwas habe ich noch nie gesehen.” 
“Lenk nicht ab.” Das Mädchen behielt ihn fest in ihrem Blick und merkte, wie er unsicher wurde.
“Entschuldigung. Ich meine, ich hatte mich in einer Bar vollaufen lassen. Weil es schon spät war und um Zeit zu sparen, habe ich die Abkürzung durch dieses Viertel genommen.”
Aeliah hätte sich am liebsten die Hand vor den Kopf geschlagen. Zufall. Es war bloßer Zufall gewesen, dass der Junge hier entlanggekommen und sie entdeckt hatte.
“Das erklärt zumindest, warum du so komisch gelaufen bist.” Rick errötete und starrte verlegen auf seine Füße.
“Du hast mich dabei beobachtet? Aber es stimmt schon. Ich war völlig betrunken.”
Aeliah machte ein paar Schritte zur Fensterbank und nahm wieder darauf Platz.
“Warst du heute Abend auch wieder trinken?”
Rick hob abwehrend die Hände. “Ich? Nein.. Oh nein. Ich wollte nur nachsehen, ob hier jemand ist.”
Aeliah warf ihm einen freundlichen Blick zu, um ihm nicht die restliche Selbstachtung zu nehmen.
“Also gut, es ist schon spät. Ich denke, es ist besser, wenn du nun nach Hause gehst.”
Das Blut schoss ihm in den Kopf. Rick faszinierte das fremde Mädchen und er wollte mehr von ihr erfahren. Er hatte das eigenartige Gefühl, jemand presse seinen Hals zusammen, als er die alles entscheidende Frage formulierte.
“Darf ich dich morgen wieder besuchen?”
Für Aeliah kam seine Bitte nicht unerwartet. Sie hatte zugelassen, dass er sie sah und es sprach nichts dagegen, auch noch einen Schritt weiter zu gehen. “Also gut, aber unter einer Bedingung Rick … das ist doch dein Name?”
Rick nickte übereifrig. “Ich verspreche dir alles, was du … .”
Sie unterbrach ihn sofort.
“Warte Rick. Versprich nie etwas, das du nicht halten kannst. Das ist mein Ernst. Du darfst niemandem erzählen, dass ich hier wohne. Ist das okay für dich?”
Rick schritt zu ihr heran und ergriff ihre Hand.
“Kein Wort wird über meine Lippen kommen.”
Aeliah war überrascht über seine Reaktion, ließ aber zu, dass er ihre Hand weiter in der seinen hielt.
Wie ein Hund, der sein Herrchen um einen Knochen anbettelt dachte sie, als sie in sein Gesicht blickte. Doch ihr stand nicht der Sinn nach lachen, vielmehr ergriff eine tiefe Erleichterung Besitz von ihr. Er würde sie nicht verraten, das hatte sie in seinen Augen erkannt. Sanft aber bestimmt löste sie ihre Hand aus seinem Griff.
“Nun must du wirklich gehen, Rick.”
Bedauernd ließ er sie los und verabschiedete sich.
“Morgen dann also?”
“Wenn du möchtest. Ich werde auf dich warten.”
Aeliah geleitete ihn zum Aufgang und verharrte dort, bis er das Gebäude verlassen hatte. Kurz darauf vernahm sie seine Schritte auf der Strasse. Das Mädchen schwang sich auf ihren bevorzugten Platz auf dem breiten Vorsprung und sah seufzend zum hellen Mond über ihr empor.
“Was tue ich hier eigentlich?”
Der Junge verunsicherte sie und noch konnte sie nicht einschätzen, was er beabsichtigte. Aeliah beschloss, den Dingen ihren Lauf zu lassen und abzuwarten, wie sich alles weiter entwickelte.



Wird fortgesetzt ... .


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« Last Edit: June 24, 2018, 09:44:07 am by Eichhörnchen »
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Re: Eine Herzensangelegenheit ( Romanze )
« Reply #1 on: July 08, 2018, 04:37:50 am »
Tag 3 Die alte Traktorenfabrik


Rick hatte es kaum erwarten können, bis die Uni beendet war und er sich auf den Weg zum Traktorenwerk machen konnte. Seine Gedanken kehrten zu gestern Abend zurück. Seine Eltern waren wie gewohnt erst spät heimgekehrt und hatten nichts von seinem nächtlichen Ausflug bemerkt. Vom kurzen aber heftigen Geschrei ihres Streites aus dem Schlaf gerissen, hatte er dem Schlagabtausch eine Weile gelauscht, bis ihm die Augen wieder zufielen. Rick verdrängte die Erinnerung daran und freute sich darauf, das junge Mädchen wieder zu sehen. Sein Herz klopfte ihm im Hals, als er die schmale Stiege empor stürmte. Aeliah hatte Wort gehalten und ihn wirklich erwartet. Schon als er in die Strasse einbog und an den Fensterreihen vorbeihastete, hatte sie ihm freundlich zu gewunken. Nun saßen sie nebeneinander auf der Fensterbank und sahen auf das Pflaster hinab. Hin und wieder warf Rick dem Mädchen einen flüchtigen Blick zu, traute sich aber nicht, die Initiative zu ergreifen. Aeliah spürte instinktiv seine Unsicherheit und nach einer Weile wurde es ihr zu bunt und sie beschloss, ihm zu helfen.
“Möchtest du mich nicht etwas fragen, Rick?”
Ihre Worte rissen ihn aus seiner Lethargie. Rick wandte sich ihr zu und erschrak. Ihr prüfender Blick schien bis in sein Innerstes sehen zu wollen.
“Du hast wundervolle grüne Augen. Sind die wirklich echt?”
Er dachte mehr an gefärbte Kontaktlinsen. Immerhin kannte er es von der Uni, dass den meisten Mädchen jegliches Hilfsmittel recht war, um aus der Masse hervorzustechen. Umso mehr schockierte ihn ihre Aussage.
“Ja Rick, sie sind echt. Ich bin eine Fee. Wir haben alle grüne Augen.”
Einen Moment lauschte Rick in sich hinein um das gehörte zu verarbeiten. Er fühlte sich, als habe er gerade ein paar besonders harte Ohrfeigen bekommen. Eine Fee. War ja zu erwarten, dass sie nicht ganz dicht sein konnte, wenn sie hier allein in einer Fabrik lebte. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals und veranlasste ihn heftig zu schlucken. Warum hatte er auch nur immer solches Pech in Bezug auf Mädchen. Dabei sah sie eigentlich ganz niedlich aus. Schade, dass sie wohl verrückt war.
“Ich … ich muss jetzt gehen”, stammelte er.
Ihre Augen weiteten sich unmerklich, bei seinen Worten. “Warum? Du bist doch gerade erst gekommen. Wenn du möchtest, darfst du mich anfassen. Ich beiße dich nicht Rick.” Sie schenkte ihm ein zauberhaftes Lächeln, in der Hoffnung ihn umzustimmen. Als er keine Anstalten machte, ihrer Aufforderung nachzukommen, rückte das Mädchen beherzt an ihn heran. Rick zögerte. Er wusste nicht, was er von ihr halten sollte. Schließlich nahm er seinen Mut zusammen. Vorsichtig begann er mit einer Hand über ihr dichtes Haar zu streicheln, das in langen Strähnen herunterfiel und an ihrem Hinterkopf mit einer Schleife verziert wurde. Aeliah durchfluteten merkwürdige Empfindungen, doch sie ließ ihn gewähren. Rick streifte weiter durch ihre herrlich weiche Mähne. Verspielt packte er ein paar Strähnen und legte dabei ihr Ohr frei. Im selben Moment entfuhr ein ächzender Laut seiner Kehle und zutiefst erschrocken ließ er ihre Haare los.
“Was hast du denn Rick? Ist irgendetwas mit mir?”
“Deine Ohren! Sie sind so anders!” Rick griff danach und versuchte, ihre Maskerade zu beenden. Ein lauter Schmerzensschrei entfuhr dem jungen Mädchen und gleich darauf erhielt er eine schallende Ohrfeige.
“Sag mal, spinnst du? Ich habe dir doch gesagt, dass ich eine Fee bin!” Erschrocken legte Rick eine Hand auf seine Wange. “Aber das ist … das kann … ich meine … .”
“Du hast gedacht, dass ich dich veralbere? Ich spiele zwar gerne Streiche, aber das ist mein Ernst, Rick. Versuch das nie wieder!” Aeliah verschränkte die Arme vor der Brust und machte einen Schmollmund. In Rick tobte ein Gefühlschaos ungeahnten Ausmaßes. Ein Teil in ihm drängte, die Beine in die Hand nehmen und vor ihr davon zu laufen. Aber da war noch etwas anderes. Aeliah übte eine Faszination auf ihn aus, der er sich nur schwerlich entziehen konnte und wenn er ehrlich zu sich selbst war, es auch gar nicht wollte.
“Ich kann spüren, was in dir vorgeht Rick, aber du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich tue dir nichts, das must du mir glauben.” Einem Impuls folgend, ergriff sie seine Hand und spürte, wie sie zitterte. Sanft strich sie mit ihren Fingern über seinen Handrücken, sagte aber nichts weiter, um ihm Zeit zu geben sich zu sammeln. Doch anders als erwartet, erhob sich Rick unter ihren erstaunten Blicken und streifte seine Jacke über. “Was hast du vor Rick?”
“Ich muss los. Lernen und all die Sachen. Morgen steht wieder eine Vorlesung an und ich sollte mich besser darauf vorbereiten.” Er schnitt eine Grimasse, um zu zeigen, was er davon wirklich hielt.
Aeliah nickte verstehend, doch irgendwie war jede Unbeschwertheit plötzlich von dem jungen Mädchen abgefallen. “Kommst du mich morgen wieder besuchen, Rick? Ich würde mich darüber freuen. Bitte.”
“Sicher mache ich das. Gleich nach der Schule. Ich muss jetzt nur etwas nachdenken.”
Für einen Moment herrschte Schweigen, während sie sich gegenseitig in die Augen sahen und versuchten zu ergründen, was in dem jeweils anderen vorging. Aeliah war innerlich erschüttert. Sein spontaner Aufbruch verhieß ihr nichts gutes und wohlmöglich würde er trotz seiner Versicherung nie wieder zurück kommen. Dabei sehnte sie sich so sehr danach, mit jemanden reden zu können.
“Also dann, pass auf dich auf, Aeliah. Bis Morgen.”
Rick wartete ihre Antwort nicht ab und rannte aus dem alten Gebäude hinaus. Er hörte auch nicht auf mit rennen, als das Fabrikgelände schon lange hinter ihm lag.

Nachdenklich setzte sich Aeliah auf ihr Schlaflager und schickte sich an ihre Haare zu ordnen. Es wollte ihr nicht so recht gelingen und als sie versuchte, die Schleife zu richten, begannen ihre Hände zu zittern. Der Junge ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Mehr noch, sie hatte auf einmal Furcht, dass er nie wieder kommen würde und sie wusste noch nicht einmal, wo er genau wohnte. Aeliah trottete zur Fensterfront und hockte sich auf den Sims.
Seit sie in der Fabrik lebte, hatte sie mit keinem Lebewesen gesprochen. Die Einsamkeit war manchmal unerträglich für das junge Mädchen und die Vorstellung, bis an das Ende ihres Lebens in dieser Welt gefangen zu sein, hatte sie fast um den Verstand gebracht. Oft war sie in Schweiß gebadet aus einem furchtbaren Alptraum aufgewacht, nur um festzustellen, dass die Realität, in der sie sich nun befand, noch viel schrecklicher war.
Eine Träne lief ihre Wange hinunter und als Aeliah sie wegwischte, war es als würde ein Damm brechen. Hemmungslos begann sie zu weinen. “Ich bin so allein.” Ihre Stimme wurde von der Tränenflut erstickt und ging in ein heftiges Schluchzen über.

Rick erledigte seine Aufgaben als befände er sich in Trance und mehrmals musste er Ergebnisse korrigieren und durch andere ersetzten. Später beim gemeinschaftlichen Abendessen starrte er seinen Teller an, als wüsste er nicht, was man nun von ihm erwartete.
“Rick Schätzchen, was ist mit dir? Du siehst so blass aus. Fühlst du dich nicht wohl?”
“Keine Sorge, Mom, es ist alles in Ordnung. Ich habe nur keinen Appetit.”
Sein Vater blickte ihn wütend an und ließ seine Faust krachend auf die Tischplatte niedergehen. Ann und Rick zuckten erschrocken zusammen.
“Er sollte nicht soviel saufen. Das hat er von dir, Ann.”
Sie fauchte Karl an, wobei ihre Fahne über den Tisch wehte und Rick den Atem anhalten ließ.
“Sprich nicht so vor dem Jungen über mich. Du bist einfach nur widerlich Karl.”
“Ach und du? Du bist doch höchstens das Abziehbild einer fürsorglichen Mutter.”
Rick überkam das Verlangen, sich einfach die Ohren zuzuhalten. Er schaute Ann an und zum ersten mal hatte er eine Ahnung davon, was sie dazu bewog, gelegentlich ein Einzelgespräch mit einer Flasche Wodka der Gegenwart seines Vaters vorzuziehen.
Rick schlich sich heimlich davon und überließ seine Eltern ihrer Lieblingsbeschäftigung. Vermutlich würden sie gar nicht bemerken, dass er in sein Zimmer gegangen war. Noch lange nachdem es ruhig im Haus geworden war lag er auf seinem Bett und starrte zur Decke. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu dem Mädchen zurück und er empfand es mit einemmal als völlig falsch, sie allein gelassen zu haben. Eine Fee, konnte das wirklich sein? Ihre Augen und Ohren waren so anders, als er es jemals gesehen hatte. War das der Grund, warum sie sich in der Fabrik versteckte? Wer war sie und wo kam sie her? Unzählige Fragen, auf die es vorerst keine Antwort gab. Wieder sah er ihr hübsches Gesicht vor sich. Rick wollte nicht so recht glauben, dass sie vielleicht böse war. Wenn er sich doch bloß mehr Zeit genommen hätte. Er hatte ihr noch nicht mal zugehört, sie insgeheim gleich verurteilt, ohne ihr auch nur den Hauch einer Chance zu geben, ihm ihre Lage zu erklären. Wütend ballte er seine Hand zur Faust und hieb sich gegen die Stirn. “Du verdammter Idiot. Wenn du es nun versaut hast, ist es ganz allein deine eigene Schuld Rick.” Die Selbstvorwürfe trugen auch nicht dazu bei, sich besser zu fühlen und so fand Rick in dieser Nacht nur schwer in den Schlaf.


Tag 4 Geständnisse

Immer wieder wanderten seine Blicke zur Uhr herüber, doch die Zeit bis Schulschluss wollte einfach nicht vergehen. Schlimmer noch, Rick hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Zeiger eingefroren wären. Irgendwie gelang es ihm nicht, sich während des Unterrichts auf das Wesentliche zu konzentrieren. Als persönlichen Höhepunkt des heutigen Tages hatte Rick es geschafft, sich einen Eintrag wegen mangelnder Aufmerksamkeit während des Vortrages von Mr. Humphrey einzuhandeln. Mit einer gewissen Gleichgültigkeit hatte er die Verwarnung entgegen genommen. Nur das spöttische Gesicht Toms hatte ihn verärgert. Alle seine Gedanken drehten sich um Aeliah und er sehnte die Stunde herbei, in der er sie wieder sehen durfte. Endlich erklang der erlösende Gong und Rick hechtete schneller als jemals zuvor aus dem Gebäude. Seine Beine schienen ein Eigenleben zu entwickeln.
“Rick, warte doch mal!” Hinter sich hörte er die Stimme seines Tischnachbarn und blieb widerwillig stehen, obwohl alles in ihm zum verlassenen Traktorenwerk drängte.
“Was ist denn heute los mit dir? So kenne ich dich gar nicht. Warum hast du es so eilig?” Rick überlegte einen Moment, ob er überhaupt etwas preisgeben sollte.
“Ich bin verabredet, Tom. Mit einem Mädchen. Ihr Name ist Aeliah.” Rick strahlte über das ganze Gesicht und versuchte, jede Regung seines überraschten Freundes in sich aufzunehmen.
“Wirklich? Das hätte ich dir gar nicht zugetraut. Geht sie hier zur Schule? Was macht sie so? Los Rick, du must mir alles erzählen.”
Rick hatte Mühe, sich aus dem festen Griff zu befreien, als Tom ihn packte und ganz dicht an sich heranzog. “Nein, sie geht nicht mehr zur Schule. Sie ist eine F.. .”
Im letzten Augenblick biss er sich auf die Zunge. Beinahe hätte er Aeliahs Geheimnis verraten.
“Sie ist was? Sprich bitte nicht in Rätseln mit mir Rick.”
Ihm kam ein rettender Einfall, seinen Fehler wieder hinzubiegen. “Sie ist freischaffend. Eine Künstlerin, Tom.” Es befriedigte ihn ungemein, seinen Freund endlich einmal sprachlos zu sehen.
Tom holte tief Luft und zog verwundert die Augenbrauen hoch.
“Eine Künstlerin? Dann ist sie wohl schon älter. Na so etwas abgefahrenes passt zu dir, Rick. Stellst du mich ihr mal vor? Ich kann es kaum erwarten, sie kennen zu lernen.”
Das plötzliche Interesse seines Freundes kam ihm gar nicht recht und schroffer als beabsichtigt erwiderte Rick.
“Daraus wird wohl nichts. Sie ist etwas eigenartig was den Umgang mit Menschen angeht.”
Enttäuschung zeichnete sich auf Toms Gesicht ab.
“Ich verstehe. Du hast Angst, sie einem so tollen Kerl wie mir zu zeigen, damit ich sie dir nicht ausspannen kann.”
“Du bist unmöglich Tom.”
“Na und wenn schon. Eigenartig ist sie also. Dann passt sie ja hervorragend zu dir und deiner Familie.”
“Wie meinst du das jetzt wieder Tom?”
“Ach ich dachte gerade an deinen Vater und was ihn dazu bewogen hat, dich auf einer Uni anzumelden, wenn er es sich gar nicht leisten kann.”
Rick sah ihn an, als habe ihn der Schlag getroffen. “Woher willst du das wissen? Meine Eltern sind äußerst wohlhabend, genau wie deine Tom.”
Sein Freund schüttelte den Kopf.
“Die Spatzen pfeifen es doch schon von den Dächern, dass dein Dad pleite ist. Lies mal den Wirtschaftsteil Rick. Er hat sich mächtig verspekuliert. Hat er denn gar nichts zu dir gesagt?”
Rick überkam mit einem mal ein beunruhigendes Gefühl. Der Streit seiner Eltern kam ihm wieder in Erinnerung, doch er hatte dem keine nennenswerte Beachtung geschenkt. Sie stritten sich so oft um die unsinnigsten Dinge. “Aber noch bin ich auf dieser Uni und ich werde mein bestes geben.“
Tom zeigte eine verächtliche Miene. “Du sagst es, Rick. Du bist noch an der Uni. Bleibt nur die Frage wie lange, wenn dein Vater nicht mehr bezahlen kann.” Er legte ihm in einer generösen Geste die Hand auf die Schulter.
“Na mach dir nichts draus Kumpel. Die staatlichen Schulen sollen ja gar nicht so schlecht sein und vor allem umsonst. Ich bin sicher, du wirst später ein hervorragender Busfahrer oder so etwas.” Toms Mundwinkel zuckten verdächtig, dann fing er schallend an mit lachen.
“Du bist so ein Arsch, Tom! Ich hab jetzt echt keine Zeit mehr für dein dummes Gerede.” Rick wandte sich von ihm ab. Er wollte jetzt nur noch das junge Mädchen wieder sehen.
“Es tut mir leid, Rick. Ich kann dich doch ganz gut leiden.” Rick ignorierte die Ausrufe seines Freundes und rannte los, so schnell ihn seine Beine trugen.

Aeliah sah überrascht auf, als Rick, wie von Furien gehetzt, die Treppe hoch gestürzt kam, doch gleichzeitig fiel ihr auch ein Stein vom Herzen.
“Hallo Rick. Da hat mich aber jemand vermisst”, meinte sie mit einem schelmischen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Nichts deutete mehr daraufhin, dass sie die ganze Nacht über geweint hatte. Sie zog ihn mit sich zu ihrem Lieblingsplatz auf dem breiten Sims.
“Komm, setz dich neben mich. Wie war es in der Schule?” Ihr Herz raste vor Aufregung und am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen. Tief in ihrem Innern hatte sie es sich zwar sehnlich erhofft, dass er zu ihr zurückkehren würde, aber nicht wirklich damit gerechnet.
Rick war immer noch außer Atem und ihr zauberhafter Anblick tat sein übriges, dass ihm wieder die Sprache wegblieb. Er setzte sich verwundert neben sie. Etwas stimmte nicht. Ihre Begrüßung, die Art wie sie auf ihn zuging. Lag es an seinem Verhalten von gestern? Nach langen Augenblicken des Schweigens rang Rick sich endlich zu einer Frage durch.
“Ist irgendetwas? Du bist so anders als sonst, Aeliah.”
Das Mädchen zuckte bei seinen Worten zusammen. Hatte er bemerkt, wie es um sie stand? Doch das konnte einfach nicht sein. Gleich nach dem Aufstehen hatte sie alles getan, um die Trübe aus ihren verquollenen Augen zu vertreiben und hoffte, dass sie nun den vertrauten grünlichen Glanz zurückbekommen hatten. So sagte sie nur. “Mir geht es gut Rick, ehrlich. Besonders jetzt, wo du wieder bei mir bist.”
Rick seufzte auf. Sie hatte ihn erwartet. Mehr noch, Aeliah sehnte sich nach seiner Gegenwart. Ihre Aussage ließ keine anderen Rückschlüsse zu.
“Ich möchte mich bei dir entschuldigen, dass ich gestern so überstürzt abgehauen bin. Mir ging einfach so viel im Kopf rum.“ Aeliahs Augen bekamen einen spöttischen Ausdruck. “Schon gut. Es war vielleicht auch ein bisschen viel für dich. Immerhin trifft man nicht jeden Tag eine echte Fee.“ Sie kicherte hell auf und strahlte ihn an. Erleichtert holte Rick Luft und ließ die Beine über den Sims baumeln. Eine Weile herrschte Schweigen, wobei er immer wieder voller Bewunderung seine Blicke über Aeliahs Erscheinung wandern ließ. Ihr gesamter Körper faszinierte ihn. Ihre schlanken Beine, der knackige Po und die festen Brüste. Sein Blick traf auf ihre Augen. Das Mädchen beobachtete ihn ebenfalls äußerst interessiert und von einem Augenblick zum nächsten spürte Rick, wie er errötete.
“Was ist Rick? Gefällt dir was du siehst?” Statt einer Antwort nickte er nur, allerdings viel zu schnell. Sie schnalzte mit der Zunge. “Ist schon komisch oder? Für einen Moment hatte ich das Gefühl nackt vor dir zu sitzen.” Ein bedeutungsvoller Blick aus ihren grünen Augen traf ihn und ließ seine Wangen brennen. Rick wusste auf einmal nicht mehr wo er noch hinsehen sollte und er hatte das Gefühl, das Mädchen könne seine geheimsten Gedanken erraten.
“Du brauchst dich nicht für deine Gefühle zu schämen. Ich habe es nicht als abwertend empfunden. Nicht bei dir.” Ihre Worte wirkten beruhigend auf ihn und ließen Rick neuen Mut fassen. Ohne das er es verhindern konnte sprudelte es aus ihm heraus.
“Ich finde dich sehr hübsch Aeliah und es ist mir ganz gleich was du bist.” Ein merkwürdiges Kribbeln befiel ihn. Sollte er es wagen? Immer noch ruhten ihre Blicke auf ihm.
Er beugte sich leicht vor.
“Was soll das werden Rick? Willst du mich küssen? Versuche es und ich beiße dir in die Nase! Wenn du mich haben möchtest, dann wirst du dich schon etwas anstrengen müssen.” Rick war völlig sprachlos. Das hatte noch nie ein Mädchen zu ihm gesagt, noch dazu so ein bezauberndes. Ihre Worte erfüllten ihn mit purer Freude. Sie war seinen Gefühlen gegenüber nicht abgeneigt. Immer heftiger begann sein Herz in der Brust zu schlagen, Glücksgefühle überkamen ihn und fingen an seine Fantasie in bisher nie da gewesener Weise zu beflügeln. Mühsam versuchte Rick seinen heftigen Puls wieder zu beruhigen. “Ich möchte gerne mehr von dir erfahren Aeliah.” Sie sah ihn neugierig an und öffnete einen spaltbreit ihren verführerischen Mund. “Du kannst mich fragen, was immer du möchtest Rick.” Diese Lippen. Er konnte sich kaum von ihrem Anblick lösen. Nur mit Mühe widerstand er der Versuchung sie auf der Stelle zu küssen. Rick überlegte einen Moment. Während der letzten Nacht hatte er sich so viele Fragen zurechtgelegt und nun fand er vor Aufregung keine Worte.
“Wie lange bist du denn schon in unserer Welt?” Es fiel ihm immer noch schwer ihre Geschichte zu glauben, aber die Fakten waren eindeutig und… er konnte sie sehen und anfassen.
“Du bist ganz schön neugierig.“ Aeliah zwang sich zu einem Lächeln. “Ich weiß es nicht Rick. Aber der Mond am Nachthimmel war schon ein Dutzend mal so rund wie ein Ball.” Rick wäre beinahe vor Überraschung aufgesprungen.
“Moment mal. Du meinst Vollmond richtig? Das würde ja bedeuten das du seit einem Jahr hier in der Fabrik lebst.” Er sank innerlich in sich zusammen und sein Respekt vor dem jungen Mädchen stieg ins unermessliche. Vermutlich würde er völlig auf sich allein gestellt, nicht mal eine Nacht in Boston überstehen. Rick kratzte sich nachdenklich am Ohr. Eine Sache gab es die ihn schon die ganze Zeit interessierte und er hoffte das die Frage sie nicht verärgerte.
“Wovon lebst du eigentlich? Du musst doch essen und Kleidung brauchst du auch.” Rick sah sie angestrengt an und versuchte zu ergründen, was hinter ihren strahlend grünen Augen vor sich ging. Aeliah sah schon aufreizend aus, das konnte er nicht verleugnen. Ein schrecklicher Gedanke kam ihm und er versuchte ihn gleich wieder zu verdrängen. Aber schließlich hielt er es einfach nicht mehr aus.
“Bist du eine … ich meine … also machst du es für Geld?” Er sah das überraschte Aufblitzen in ihren Augen und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, doch nun war es zu spät dafür.
“Eigentlich sollte ich dir nun böse sein. Aber irgendwie mag ich dich. Frag mich nur nicht, warum das so ist.” Aeliah strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und schürzte die Lippen.
“Wenn ich dir sage das ich noch nie mit einem Jungen geschlafen habe, würdest du mir dann glauben?”
“Nein… äh ich meine ja. Selbstverständlich würde ich das.”
Ein kichern, dann erklang wieder ihre samtweiche Stimme, die ihn so sehr in ihren Bann zog.
“Du bist niedlich Rick. Ich kann dich wirklich gut leiden. Es muss auch eigenartig auf dich wirken. Du hattest bestimmt nicht damit gerechnet, ein Mädchen hier vorzufinden, sei ehrlich.”
“Nein hatte ich nicht. Vielmehr glaubte ich an ein paar Jugendliche Herumtreiber, vielleicht sogar Kriminelle.”
Aeliah verzog ihr Gesicht und aus ihren Blick sprach Verwunderung. “Trotzdem kommst du nachsehen? Das war aber leichtsinnig von dir. Hier hätte sonst wer lauern können und nicht alle die sich in der Dunkelheit bewegen sind nett. Glaub mir, ich weiß es. Nur weil ich hier allein lebe bedeutet es nicht das ich einfältig oder blöde bin Rick.”
Irgendwie bekam er das untrügliche Gefühl sie vielleicht doch verärgert zu haben. “So meinte ich das nicht. Es tut mir Leid Aeliah. Du hast bestimmt deine Gründe dafür.”
Aeliah sah ihn an und überlegte wie viel sie ihm wirklich sagen durfte. Nichts lag ihr Ferner als ihn erneut zu verschrecken. Insgeheim genoss sie seine Gesellschaft, doch noch hielt etwas sie zurück, es allzu offen zu zeigen.
“Ja die habe ich. Ich möchte wirklich nicht darüber sprechen. Vielleicht später einmal, wenn wir uns besser kennen.” Sie erhob sich und deutete in die Halle hinein. “Wenn du möchtest kann ich uns einen Tee machen. Ich habe verschiedene Früchtesorten hier.”
Ein Gedanke durchzuckte ihn plötzlich. Wie spät war es eigentlich? Ein Blick auf seine Uhr bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Er musste nach Hause. Nicht auszudenken was sein Vater mit ihm anstellte wenn er wieder zu spät zum Abendessen kam. Seine Eltern… richtig, da war noch etwas. Er rief sich wieder die Äußerungen seines Freundes in Erinnerung. Wie viel davon stimmte? War Tom, überhaupt ein richtiger Freund? Mittlerweile kamen Rick da leise Bedenken. Wie auch immer, das Gespräch mit seinen Eltern würde alles andere als prickelnd verlaufen, soviel war mal sicher. Rick blickte das Mädchen ernster als beabsichtig an.
“Was hast du Rick? Soll ich uns nun Tee machen oder nicht? Nur widerwillig riss er sich von ihrem betörenden Anblick los.
“Ich habe noch etwas zu erledigen. Tut mir wirklich Leid aber ich kann nicht länger bei dir bleiben. Nicht heute.” Aeliah nickte wortlos, doch ihre Enttäuschung konnte sie nicht verbergen.
“Ich verstehe Rick. Wenn du reden möchtest, weißt du ja wo du mich findest.” Er spürte das sie sich sein bleiben erhofft hatte und nahm sanft ihre Hand.
“Du brauchst keine Angst zu haben. Ich komme wirklich wieder. Versprochen. Ich liebe dich doch.”
“Nein! Sag das nicht Rick! Nicht jetzt.” Sie riss sich los. “Du kennst mich doch überhaupt nicht! Du denkst das es Liebe ist, in Wirklichkeit aber begehrst du mich nur!”
Rick erschrak über ihren Gefühlsausbruch, dabei hatte er ihr doch nur sagen wollen, wie viel er für sie empfand.
“Es tut mir Leid Aeliah. Ich… .” Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. “Ich gehe dann mal.” Er kam sich mit einemmal wie ein Idiot vor und fühlte, ohne das er es verhindern konnte, wie sich seine Augenwinkel mit Tränen füllten. Ohne einen weiteren Abschied spurtete Rick die Treppe hinunter, aus der Halle hinaus. Draußen empfing ihn ein herbstliches Unwetter und er blieb einen Moment schluchzend stehen um seinen Kragen hochzuschlagen. Nachdenklich richteten sich seine Blicke zum Wolken verhangenen Himmel empor, bevor er sich auf den Heimweg machte. Je länger Rick durch die fast Menschenleeren Strassen schritt, umso mehr gerieten seine Gedanken durcheinander. Alles hatte sich verändert und die ganze Welt begann sich wie ein Kreisel um ihn zu drehen. Ein neues Gefühl kam in ihm auf, ließ ihn leicht und beschwingt werden, verursachte Schmetterlinge in seinem Bauch und verdrängte die Traurigkeit. Rick spürte es ganz deutlich tief in seinem Herzen. Er hatte sich in Aeliah verliebt.
Der prasselnde Regen vermischte sich mit den restlichen Tränen auf seinem Gesicht. Rick kam es gerade recht, konnte so doch niemand der anderen Passanten denen er begegnete, bemerken das er geweint hatte.



Wird fortgesetzt ... .

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Re: Eine Herzensangelegenheit ( Romanze )
« Reply #2 on: February 18, 2019, 04:42:30 am »
Aeliah tapste zum Werkzeugschrank, den sie nun als Ablage für ihre wenigen Habseligkeiten nutzte und nahm eine Tasse heraus. Ihre Knie zitterten und gaben ihr das Gefühl, das sie jeden Moment unter ihr nachgeben würden. Warum konnte sie auch nicht einmal ihr loses Mundwerk halten. Der Junge hatte doch nur nett sein wollen. Seine Worte und Blicke waren alles was sie sich schon so lange ersehnte. Aeliah Widerstand der Versuchung ihm einfach hinterher zulaufen. In ihrem innern tobte ein wahrer Sturm. Wenn sie jetzt ihrem Verlangen nachgab, würde sie ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren können und vielleicht etwas mit ihm tun, für das sie noch nicht bereit war. Seufzend entzündete sie den kleinen Campingkocher und begann Wasser in einem Topf zu erhitzen. Ein paar Kräuter folgten, die sie Nachts in der Umgebung gesammelt hatte. Während sie auf die Fertigstellung des Tees wartete, starrte sie traurig die Tasse in ihrer Hand an. “Dann also nur wir beide.”

Rick ließ sich nervös auf der bequemen Sitzecke des Esszimmers nieder. Immer noch kreisten seine Gedanken um Aeliah und es fiel ihm schwer sich nun wieder in das Familiäre Getue, wie er es gelegentlich spöttisch nannte einzufinden.
Zu seiner Verwunderung hatte seine Mutter sich diesen Abend einmal nicht völlig betrunken und stellte einige dampfende Schüsseln vor ihn. Selbst Karl wirkte heute so aufgelockert und setzte sich erwartungsvoll an den Tisch. “Ah wollen doch mal sehen was Ann leckeres für uns gekocht hat.”
Das Lächeln das er dabei an den Tag legte, irritierte Rick und ließ alle Alarmglocken in seinem Kopf schrillen. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Wenn seine Eltern ihm in so trauter Eintracht gegenübertraten, dann bedeutete das für Rick nur eines: massiver Ärger war im Verzug. Ihm stockte der Atem und Panik begann einer unsichtbaren Klaue gleich nach seinem Herz zu greifen. Sein Vater kaute herzhaft und zeigte mit der Gabel auf Rick.
“Wir müssen reden mein Junge. Deine Mutter und ich haben lange über deine derzeitige Situation nachgedacht und sind zu dem Schluss gekommen, das ein Schulwechsel für dich das beste wäre.”
“Ihr habt was? Wieso ein Schulwechsel? Ich mag die Uni.”
In seinem Kopf begann alles zu kreisen. Egal was seine Eltern ihm verkünden wollten, Rick war sich sicher, das es ihm nicht gefallen würde.
“Rick Schätzchen. Wir wissen doch das dich die vielen Prüfungen überfordern und da dachten dein Vater und ich, es wäre vielleicht besser, wenn du eine Staatliche Schule besuchen würdest. Dann hättest du auch wieder mehr Zeit für dich.” Ann sah ihn mit einem so unnatürlich fürsorglichen Blick an, das Rick das Gefühl hatte sich übergeben zu müssen.
“Dann stimmt es also was man mir an der Uni erzählt hat. Ihr seid Pleite!” Ann und Karl wechselten sprachlose Blicke miteinander. Im Grunde war Rick dankbar für ihre Eröffnung. So war er nicht mehr gezwungen das Thema zur Sprache zu bringen.
“Wer sagt denn so etwas?” Sein Vater stocherte plötzlich lustlos auf dem Teller herum.
“Tom sagt das Dad. Sein Vater leitet die… .” “Ich weiß was sein Vater macht! Dieser Emporkömmling.” Karl legte das Besteck ab und fingerte nach seiner Hand und Rick sah wie schwer es ihm fiel die Beherrschung zu wahren. “Sieh mal Rick, es wäre vielleicht nur vorübergehend. In einem halben Jahr kann alles schon wieder ganz anders aussehen. Wir haben auch schon überlegt das Haus zu verkaufen und aus Boston wegzuziehen.” “Das ist nicht euer ernst oder?” Rick zog angewidert die Hand zurück und sprang auf. Er dachte an Aeliah und das er sie dann nie wieder sehen würde. “Ich will die Uni nicht verlassen und ich werde hier nicht weggehen, kapierst du das? Ihr beide seid so… so… unterirdisch. Ich hasse euch!”
“Rick! Wie redest du denn mit uns? Es ist alles nur zu deinem besten.” Ann versuchte ihn aufzuhalten, doch Rick riss sich los und rannte in sein Zimmer. Er verriegelte die Tür und sank dann verzweifelt zu Boden. Das konnte alles einfach nicht wahr sein. Ein real gewordener Alptraum und ihm war die Hauptrolle darin zugeteilt wurden. Von unten drang heftiges Geschrei an seine Ohren, doch diesmal interessierte Rick der Grund ihres Streites noch weniger als sonst. Seine Gedanken kehrten zu dem jungen Mädchen zurück und unbewusst flüsterte er ihren Namen. “Aeliah.”


Tag 5 Das Cafe

Rick hatte mit Tom nach der Uni noch ein kleines Cafe aufgesucht. Wenn jemand ihm helfen konnte und auf alles eine Antwort wusste so war es Tom. Außerdem waren seine Eltern Reich, was sein Freund auch gerne zur Schau stellte.
“Dann rück mal damit raus, was dich bedrückt Rick. Ich bin schon gespannt.”
Rick nippte nervös an seinem Kaffee. “Was du gestern über meinen Vater gesagt hast… es stimmt.”
Tom sah interessiert einer Bediensteten dabei zu wie sie sich bückte um etwas aufzuheben. “Was für ein Hinterteil”, kam es anerkennend. Die Bedienung drehte sich mit rotem Gesicht zu ihm um und kicherte bevor sie wieder verschwand.
“Tom Bitte. Ich brauche deine Hilfe. Meine Eltern wollen mich von der Uni nehmen. Sogar einen Verkauf des Hauses ziehen sie mittlerweile in betracht.” Tom fuhr sich durch sein volles Haar. “Eine vertrackte Situation, aber ich hatte es dir ja gesagt. Ich nehme an du brauchst Geld?”
Rick nickte flüchtig und hoffte das niemand der anderen Gäste etwas von ihrem Gespräch bemerkte.
“Also schön Rick. Ich hätte da vielleicht etwas für dich. Nicht ganz legal, aber in deiner Situation solltest du auch nicht wählerisch sein.” Er grinste über das ganze Gesicht, als habe er eben einen hervorragenden Witz erzählt.
“Ich mache keine krummen Dinger Tom.”
“Oh bitte Rick. Sei doch nicht gleich so empfindlich. Es ist doch so. Die Jungs in der Chefetage pfeifen sich gerne mal was rein. Es gestaltet ihren Arbeitstag… nun sagen wir interessanter. Verständlicherweise können sie sich das Zeugs nicht selber besorgen und brauchen einen Boten. Hier kommst du ins Spiel.” Rick hatte das Gefühl sein Puls beginne zu rotieren. “Ich soll ihnen Drogen verkaufen? Das kann doch nicht dein ernst sein.” Tom trank genießerisch einen Schluck aus seiner Tasse. “Ach bitte Rick. Drogen sind so ein hässliches Wort. Du sollst es auch nicht verkaufen. Du wärest nur der Bote. Das ist völlig sicher und du könntest genug verdienen um auf der Uni zu bleiben.” Rick begann zu schwitzen, aber er sah keinen anderen Ausweg. Also schön und wie soll das ganze ablaufen?” Tom betrachtete ihn abschätzend. “Ich spreche mit jemanden, der dann mit dir Kontakt aufnimmt. Allerdings wäre eine kleine Bedingung daran geknüpft.” Rick horchte auf. “Was wäre das denn?” “Deine Künstlerin. Ich möchte das du sie mir vorstellst. Du darfst selbstverständlich auch dabei sein, ich bin ja kein Unmensch.” Er lächelte, doch Rick sah die Falschheit in seinen Augen. Seufzend willigte er ein. “Okay ich sage Aeliah Bescheid. Aber ich kann dir nichts versprechen. Sie ist sehr zurückhaltend.” “Ach das macht doch nichts Rick und es muss ja auch nicht sofort sein. Aber vergiss es nicht.” Tom erhob sich und warf ein paar Münzen auf den Tisch. “Ich muss jetzt los. Sandy wartet bestimmt schon auf mich. Wir wollen noch etwas zusammen lernen. Die Rechnung geht auf mich Rick. Also viel Spaß noch.” Er verließ das Cafe und Rick sah ihm nach, wie er in der Menge verschwand. Mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend trank er seine Tasse aus und verließ ebenfalls das Cafe.

“Du kommst spät heute Rick. Beinahe hätte ich schon gedacht, das du mich nicht mehr magst. Also nach der Sache gestern.” Aeliah zwang sich zu einem lächeln, doch schaffte sie es nicht damit die Unsicherheit in ihren Augen zu überspielen. Beherzt ergriff er ihre Hand. “Ich wurde aufgehalten. Ein Freund hatte noch etwas auf dem Herzen. Entschuldige bitte, das ich dich warten ließ.” “Ein Freund? Du machst mich neugierig. Kennt ihr euch schon länger?” Fasziniert sah Rick wieder in ihre grünen Augen. Wie hübsch sie doch ist. Es fiel ihm schwer sich in ihrer Gegenwart zu konzentrieren. “Rick?” Er schüttelte den Kopf. “Ich kenne ihn erst seit der Uni.” “Mache ich dich nervös Rick? Du bist heute irgendwie komisch.” Ihr helles kichern erfüllte den Raum und im nächsten Moment spürte er wie sie ihm einen Kuss auf die Wange hauchte. “Für was war das denn jetzt?” Rick setze ein einfältiges Grinsen auf. Sie schlug ihre Augen nieder und ihre Stimme ähnelte nun mehr einem Flüstern. “Weil ich dich lieb habe Rick. Ich habe dich vermisst.” Rick hätte sie am liebsten in die Arme geschlossen, aber nach ihrer Reaktion am Vortag, traute er sich nicht so recht, zum Teil aus Angst das sie wieder wütend werden würde. Vorsichtig streichelte er weiter ihre Hände und zu seiner Überraschung ließ Aeliah ihn gewähren. “Was wollen wir nun machen Rick?” Er zögerte und wusste in seiner Aufregung nicht was er erwidern sollte. Toms unverschämte Forderung, das Treffen mit ihm und ihre Abmachung wirbelten in seiner Gedankenwelt wild durcheinander. Aeliah einfach bitten seinem Freund gegenüber zutreten, kam nicht in Betracht. Sie würde dem Niemals zustimmen, soweit kannte er das Mädchen und ihre natürliche Zurückhaltung vor anderen Menschen mittlerweile gut genug. Das ganze musste völlig anders aufgezogen werden. Rick blickte sich unsicher um und schaffte es nicht einen klaren Gedanken zu fassen.“Na was ist nun? Du sagst ja gar nichts.” Aeliah sah ihm mit einer Mischung aus Neugierde und Interesse in die Augen. Immer heftiger begann ihr Herz dabei zu schlagen. Irgendetwas in ihr war heute anders als sonst. Sie wollte deutlich mehr von Rick. Schließlich entschied sie sich den Jungen direkt darauf anzusprechen.
“Ich sehe doch das dich etwas bedrückt. Du darfst mich alles fragen Rick. Oder möchtest du etwas ganz anderes?” Er spürte wie sich der Druck ihrer Hände verstärkte. Fast gebannt stand sie vor ihm, als beabsichtige sie jedes Wort von seinen Lippen zu lesen. Rick probierte sich an einem Lächeln, das jedoch völlig misslang und versuchte seine Probleme für eine Weile beiseite zuschieben. Er trat näher an das Mädchen heran, so das sich ihre Nasenspitzen berührten. Aeliah hielt augenblicklich den Atem an. War jetzt der Moment gekommen? Wenn Rick sie nun versuchte zu küssen, würde sie sich nicht dagegen wehren. Kaum merklich senkte sie ihre Augenlieder und öffnete erwartungsvoll den Mund einen spaltbreit, während das Blut in ihren Adern rauschte. Im nächsten Moment hatte sie das Gefühl, jemand schütte ihr einen Eimer Wasser ins Gesicht.
“Es gibt da etwas über das ich mit dir reden möchte Aeliah. Außerdem habe ich einen Vorschlag was wir morgen unternehmen können, natürlich nur wenn du einverstanden bist.”
Aeliah zog enttäuscht ihre Hände zurück. Das war ganz und gar nicht was sie sich erhofft hatte, das Rick sagen oder tun würde. Kälter als beabsichtig erwiderte sie daher.
“Setz dich dorthin Rick. Ich hole uns nur etwas zu trinken.”
Sie deutete auf ein paar verschlissene Kissen, die um einem Stützpfeiler verteilt lagen.
“Was ist mit dir? Du bist auf einmal so abweisend.” Rick sah das sie etwas verstimmt hatte, brachte es aber nicht mit seinem Verhalten in Verbindung. Sie kehrte zurück und stellte ein paar Becher und eine Flasche Wasser auf den Boden, bevor sie sich neben ihn hockte. In ihrem innern brodelte es. “Es ist nichts Rick. Du machst dir zu viele Gedanken. Was ist das für ein Vorschlag von dem du gesprochen hast?”
“Was?” Rick war schon wieder gedanklich abgeschweift. “Ach der Vorschlag. Ich dachte wir könnten morgen in den Park gehen, wenn du Lust hast.”
Sie verharrte mit dem Becher in der Hand.
“Bitte Aeliah. Es würde mir soviel bedeuten.” Aeliah überlegte fieberhaft. Wenn sie jetzt nein sagte, würde sie es sich vielleicht mit Rick verscherzen. Andererseits war sie lieber mit dem Jungen allein in ihrer vertrauten Umgebung. So kalt die Fabrikmauern auf einen Außenstehenden auch wirken mussten, Aeliah gaben sie ein Gefühl von Sicherheit. Seufzend rang sie sich zu einer Antwort durch. “Also gut Rick. Ich bin einverstanden. Aber es wäre mir lieb wenn du mich erst nach Einbruch der Dunkelheit abholen würdest.“
“Wirklich?“ Rick fühlte sich erleichtert, zugleich aber auch etwas betroffen. “Gefällt dir die Idee nicht? Ich spüre doch das etwas nicht stimmt. Dabei möchte ich dich doch nur besser kennen lernen Aeliah.”
“Das täuscht. Ich fühle mich nur grad nicht besonders wohl.” Aeliah hatte das Gefühl sich selbst einen Dolch in ihr Herz zu stoßen, aber sie zwang sich dazu. “Hör mal Rick. Würde es dir etwas ausmachen nun zu gehen? Ich möchte jetzt lieber allein sein.”
“Aber ich dachte wir… .” Rick wusste in seiner Überraschung nicht was er sagen sollte.
“Bitte Rick. Ich bin erschöpft und würde mich gerne hinlegen. Manchmal bekomme ich Schwächeanfälle. Morgen sieht das bestimmt schon wieder ganz anders aus. Du darfst mich alles fragen, wenn wir im Park spazieren gehen.”
In Ricks Augen spiegelte sich nun echte Besorgnis. “Das liegt ganz sicher an der Fabrik. Hier ist alles feucht und dreckig. Bestimmt ernährst du dich auch nicht richtig. Du brauchst Hilfe Aeliah.”
“Rick bitte! Lass mich jetzt allein!” Ihre Stimme nahm einen leicht ärgerlichen Klang an.
“Okay wenn du dir wirklich sicher bist.” “Ja Rick. Mach dir keine Sorgen. Ich habe dich trotzdem Lieb.” Das war nicht gelogen, auch wenn sie im ersten Moment der Versuchung widerstanden hatte Rick eine runterzuhauen. Vielleicht war es einfach zuviel von ihm verlangt sich in die Gefühlswelt einer Fee hinein zu versetzen.  Ein gequältes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. “Ich dich doch auch. Also dann bis morgen.” Einen Moment weiteten sich ihre Augen, dann drehte sie ihm demonstrativ den Rücken zu. “Aeliah.” Keine Reaktion erfolgte. Resigniert trottete Rick mit herabhängenden Schultern die Treppe hinunter nach draußen. Sehnsüchtig warf er einen Blick zurück auf die leeren Fensterreihen, doch nirgends zeigte sich das Mädchen. Innerlich fluchte er über seine eigene Dummheit. Rick fiel es schwer nun zugehen. Er hatte sich von dem Nachmittag deutlich mehr erhofft und verstand nicht warum Aeliah so abweisend reagierte. Insgeheim bereute er es Tom so voreilig seine Zustimmung gegeben zu haben. Aeliahs Freundschaft dafür aufs Spiel zu setzen war es einfach nicht wert. Nach einem letzten Blick auf das Gebäude, begab sich Rick auf seinen langen einsamen Heimweg.

Aeliah stieß die Luft aus ihren Lungen. Es hatte sie unglaubliche Überwindung gekostet so abweisend zu Rick zu sein. Dabei war sie ihm gar nicht böse. Nur ein wenig enttäuscht. Insgeheim hatte sie gehofft das er wieder versuchen würde sie zu Küssen und sich vorgenommen sich diesmal nicht dabei zu wehren. Das Rick nicht wie erwartet reagierte, hatte ihr einen gewaltigen Schock versetzt und nun brauchte sie einfach etwas Zeit um darüber hinweg zukommen. Sie war sehr empfindlich in dieser Hinsicht, vielleicht mehr als andere Mädchen. Aber sie war auch kein Mensch. Seufzend nahm Aeliah einen Zuckerwürfel und steckte ihn sich in den Mund. Sie liebte Zucker und für ein paar Würfel davon, war sie jederzeit bereit zu sterben. Die Leckerei und ihre Vorstellung wie Rick seine Zunge in ihren Mund schob und sie hemmungslos küsste erregte die Fee so sehr, das sich kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten. Überglücklich blickte sie nach draußen, doch es war noch zu hell um die Sterne oder den Mond in seiner Pracht bewundern zu können. Auch für einen ihrer verwegenen Beutezüge schien noch zuviel Licht, obwohl ihr Magen ein ungehaltenes Knurren von sich gab. Ihre Gedanken begannen sich wieder mit Rick zu befassen. Je länger sie darüber nachdachte umso mehr freute sie sich auf Morgen und nahm sich vor eine Entscheidung zu erzwingen. Alles in ihr drängte danach ihm ihre wahren Gefühle zu offenbaren. Aeliah schnappte sich noch ein Stück Zucker und sank zufrieden kauend auf ihrer Schlafstatt nieder. Die Zeit bis sie Rick am nächsten Tag wieder sehen würde, erschien ihr wie eine kleine Ewigkeit und so schloss sie die Augen und versuchte etwas Ruhe zu finden.


Tag 6 Auseinandersetzung im Park


Rick klappte das Buch zu. Jetzt hatte er schon zum wiederholten mal dieselbe Stelle gelesen, doch nichts davon wollte in seinem Gedächtnis haften bleiben. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu Aeliah ab und machten es ihm unmöglich zu lernen. Erneut wanderte sein Blick zur Uhr. Bald musst er los, um Aeliah abzuholen. Er hatte Tom in der Uni bescheid gesagt, das er sie Abends im Park antreffen konnte. Trotz aller Bedenken wie sein Freund sich vielleicht Verhalten würde, fieberte er doch dem Wiedersehen mit dem hübschen Mädchen entgegen. Rick zog sich an und kontrollierte ob er überall das Licht ausgemacht hatte, bevor er das Haus verließ. Seine Eltern waren wie so oft nicht daheim und Rick war diesmal sogar dankbar dafür. Mit einem sanften klacken fiel hinter ihm die Tür zu. Noch einmal atmete Rick tief durch, dann machte er sich auf den Weg ins Nachbarviertel in dem die Fabrik lag.

Vor ihnen breitete sich das weitläufige Gelände des Parks aus. Aeliah hielt ihr Wort und folgte Rick, wenngleich sie auch äußerst wortkarg blieb. Tom erwartete sie schon am Eingang, etwas das Rick nicht sonderlich überraschte und tat so als sei er zufällig gerade vorbeigekommen. Anfangs hatte er noch befürchtet, das seinem Freund die strahlend grünen Augen des Mädchens auffallen würden, doch Tom hatte nur Interesse an ihrem Körper und zum ersten mal war Rick dankbar für seine Oberflächlichkeit. Die unverfrorenen Blicke welche er dem hübschen Mädchen zuwarf, ärgerten Rick indessen und am liebsten hätte er Tom sofort zur Rede gestellt. Aeliah merkte schnell was er für ein Aufschneider war und während Tom seine zahlreichen Liebschaften zum besten gab, verfinsterte sich ihre Miene immer mehr, bis es aus ihr herausplatzte.
“Wenn du so ein toller Kerl bist, warum hast du dann keine Freundin? Ich wette du bist noch nie von einer richtigen Frau geküsst wurden.”
Tom blickte sie amüsiert an und bemerkte nichts von ihrer Verärgerung. “Ach und du bist also eine richtige Frau? In meinen Augen siehst du eher aus wie ein kleines Mädchen. Nett aber bestimmt nicht überragend.”
Das war zuviel. Aeliah schäumte jetzt innerlich vor Wut und sie sann auf Rache.
“Soll ich es dir beweisen, was ich alles kann?”
Vor Sprachlosigkeit klappte sein Mund auf, bis Tom schon innerlich frohlockend erwiderte.“Na los Hübsche, zeig mal was du drauf hast.”
Aeliah blickte ihn mit einem Augenzwinkern an.
“Bist du dir sicher, dass du das wirklich willst?”
Tom nickte begeistert und presste im gleichen Augenblick seine Lippen auf die ihren. Aeliah öffnete leicht den Mund und sofort drängte seine Zunge hinein. Ihre grünen Augen weiteten sich, dann biss sie beherzt zu.
“Ahhh! Du verdammtes Miststück hast mich gebissen!”
Tom wich vor ihr zurück und hielt sich eine Hand vor den Mund. Deutlich konnte Rick sehen, wie Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll.
“Was ist denn Tom? Hat es dir nicht gefallen?” Aeliah schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln, doch Rick konnte es in ihren Augen gefährlich Funkeln sehen. Tom holte ein Taschentuch hervor und tupfte damit das Blut ab. “Du bist doch gestört! Jemand der allein in einer Fabrik lebt. Vermutlich stehst du sogar unter Drogen.” Rick lauschte nur atemlos dem ausbrechenden Streit der beiden und fühlte sich in diesem Moment so hilflos wie ein Baby. Aeliah kam nun richtig in Fahrt und schrie den Jungen an. “Weißt du, was dein Problem ist Tom? Dass du nichts, aber auch überhaupt nichts verstehst! Weder von uns Mädchen noch von deiner Umwelt. Sieh dir deinen Freund Rick an. Er besitzt etwas, von dem du wahrscheinlich nicht mal im entferntesten weißt, dass es existiert.”
Tom wischte sich wütend über den Mund und betrachtete angewidert das Blut auf seinem Handrücken.
“Ach und was soll das sein?”
“Charakter, Tom! Rick besitzt Charakter. Aber warum erzähle ich dir das eigentlich. Du verstehst ja doch nicht, wovon ich spreche, sonst hättest du auch nicht versucht, mich zu küssen.” Tom sah sich gehetzt nach seinem Kumpel um. “Verdammt Rick, jetzt sag doch auch einmal etwas. Du hast doch selbst gesehen, wie sie mich darum gefragt hat.”
Aeliah machte einen Schritt nach vorn und packte ihn hart an seinem Kragen. “Ach und wenn ich dich gebeten hätte mich zu ficken, hättest du es auch getan? Gleich hier?”
Ihre Stimme war ein einziger Vorwurf und Tom merkte wie sie ihm mit ihren Worten den Boden unter den Füßen wegzog. “Das ist doch etwas völlig anderes. Was regst du dich überhaupt so auf? Es war schließlich nur ein Kuss.” “Weißt du was Tom? Du widerst mich an. Das einzige was mir ehrlich Leid tut ist, das Rick dein Freund ist. Du hast ihn überhaupt nicht verdient.” Aeliah spürte wie heiße Wut in ihr aufstieg und nur mühsam widerstand sie der Versuchung Tom einfach zu schlagen. Tom blickte fassungslos in ihr Gesicht, dann zu seinem Freund. “Wie viel bezahlst du dem Dreckstück, damit sie mit dir schläft?” Bevor Rick antworten konnte fuhr ihm Aeliah in die Parade und flüsterte gefährlich leise. “Bitte geh jetzt Tom. Geh mir aus den Augen und lass dich nie wieder blicken. Ich kann dich nicht mehr ertragen.” Irgendetwas in Tom warnte ihn, das er zu weit ging. Das Mädchen war ihm in jeder Hinsicht überlegen und er konnte hier nur verlieren. “Schon gut. Endspann dich. Bin schon weg.” Tom drehte sich um ohne noch ein Wort mit Rick zu wechseln. Schon bald verschluckte die Nacht das Geräusch seiner sich entfernenden Schritte. Aeliah kam es so vor als erwache sie soeben aus einer tiefen Trance.

“Hey was ist mit dir Rick?” Sie sah wie eine Träne über seine Wange kullerte und wischte sie mit dem Finger weg. “Du liebst mich ja wirklich.” Ihre Stimme klang irgendwie anders als sonst, so wehmütig. Rick nickte nur. “Warum hast du das getan?” Rick fiel es schwer überhaupt zu sprechen und seine eigenen Worte kamen ihm unsagbar fremd vor. “Warum ich Tom geküsst habe? Ich wollte dir zeigen, das er nicht dein Freund ist Rick. Eine Fee spürt so etwas. Du bist viel zu gut um dich mit ihm abzugeben.” Rick blickte sie immer noch betroffen an. “Was machen wir nun?” Aeliah brauchte nicht lange zu überlegen. “Ich kann dich nicht so gehen lassen. Nicht nach diesem Vorfall. Möchtest du heute Nacht bei mir schlafen Rick?” Die Frage verblüffte ihn, doch ohne zu zögern willigte er ein. Aeliah nahm ihn bei der Hand und sofort überkam Rick wieder das Gefühl von Geborgenheit das er in ihrer Nähe empfand. Den Weg aus dem Park bis zur Traktorenfabrik, legten beide schweigend zurück.

Wird fortgesetzt ... .


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« Last Edit: February 18, 2019, 05:03:15 am by Eichhörnchen »
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Offline Ricardo

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Re: Eine Herzensangelegenheit ( Romanze )
« Reply #3 on: February 26, 2019, 05:10:01 pm »
Ich habe mal zu allem die PDFs runtergeladen.
Derzeit höre ich noch ein-zwei Hörbücher fertig, danach kommt deine Geschichte dran.

Offline Ricardo

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Re: Eine Herzensangelegenheit ( Romanze )
« Reply #4 on: March 05, 2019, 01:24:39 pm »
Was ich nun auch getan habe.
Die bisher hochgeladenen Teile sind nicht mehr als eine Einführung, aber sie sind gut geschrieben und ich frage mich, wie es weitergehen wird.

 

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