Author Topic: Samhain - Nur für eine Nacht  (Read 783 times)

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Offline Eichhörnchen

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Samhain - Nur für eine Nacht
« on: November 04, 2015, 01:39:22 pm »
Samhain - Nur für eine Nacht.


Etwas verspätet. Allerdings haben mein Mädel, Tochter, Arbeit, Haus, Garten usw. ( In dieser Reihenfolge. Ein Mann muss Prioritäten setzen! ), der Fertigstellung erfolgreich entgegengestanden.


Elaine möchte mit ihrem Freund Halloween feiern, doch ein heftiger Sturm macht ihren Plan zunichte. Als wäre das nicht schon ärgerlich genug, erscheint ein ungebetener Gast und Elaine erlebt eine Nacht, die sie nie wieder in ihrem Leben vergessen wird.

Elaine schaute aus ihrem Apartment auf die 65. Straße. Strömender Regen prasselte auf das asphaltierte Pflaster. Immer wieder fuhr ein Windstoß dazwischen, ließ Bäume wippen, Laternen wanken und sprenkelte die große Scheibe mit Tröpfchen. Bis auf eine einsame Kerze auf dem Tisch hatte sie jedes Licht gelöscht, um besser nach draußen sehen zu können.
“Was für ein Sauwetter und das ausgerechnet an Halloween. Dabei wollte ich doch mit Bill ausgehen.”
In ihrer Enttäuschung beschloss die junge Frau, einen Kaffee auf zusetzten und schlurfte auf die intrigierte Küchenzeile zu. Gerade im Begriff eine Tasse zu nehmen, ließ ohrenbetäubendes Krachen sie erschrocken innehalten. Es dauerte einen Moment, bis sich ihre Nerven so weit beruhigt hatten, dass sie einen klaren Gedanken fassen konnte.
“Nur ein Blitz, du dummes Ding. Er muss hier irgendwo in der Nähe eingeschlagen sein.” Poltern! Augenblicklich wurde sie aus ihrer Lethargie gerissen. Elaine blieb stehen und lauschte aufgeregt in das Dunkel hinein. Im Hintergrund formte sich der Flur zu einem finsteren Schacht, dessen Ende in völliger Schwärze lag und sie zu verschlingen drohte. Zumindest spiegelte ihre aufgeschreckte Fantasie es ihr vor.
“Hallo, ist da jemand?”
Ihre eigene Stimme kam ihr so unsagbar fremd und dünn vor.
Stille breitete sich vor ihr aus, einzig unterbrochen von ihren heftigen Atemzügen und dem rasenden Herzschlag, den sie zu hören vermeinte. Gerade, als sie dachte, dass die Nerven ihr nur einen Streich gespielt hatten, erklang ein erneutes Krachen. Blut hämmerte in ihrem Kopf und wie ein Dieb begann sich Panik in ihr Herz zu schleichen. Es gab keinen Zweifel. Irgendjemand musste in ihr Schlafzimmer eingebrochen sein!
“Wer ist da?”
Keine Antwort. Stattdessen öffnete sich knarrend eine Tür im Gang. Unfähig vor Angst sich zu rühren, starrte sie gebannt in die Dunkelheit. Renn! Lauf hinaus, bevor es zu spät ist! Die Erkenntnis hämmerte in ihrem Schädel. Elaine sah gehetzt zur Wohnungstür, die ihr wie eine Verheißung erschien, dann wieder zurück in den Flur.
Abgeschlossen. Sie hatte die verdammte Tür verschlossen und  … ja richtig … .
Der Schlüssel! Wo war er hingekommen? Fahrig griffen ihre Finger in die Hosentasche, konnten aber nichts ertasten. Erneut flutete Panik über sie hinweg. “Meine Handtasche! Er muss darin sein! Ruhig, denk nach. Wo habe ich das olle Ding hingelegt?” Gehetzt wanderten ihre Blicke über die Einrichtung. Das Schlafzimmer. Sie war rein gekommen und in den kleinen Raum gegangen, wo sie die Tasche achtlos auf das Bett geworfen hatte.
“Ich muss jemanden anrufen.” Sie dachte an ihren Freund, den sie in der Gegend wähnte und von dem sie sich Hilfe erhoffte.
Ohne zögern packte sie den Hörer. Im gleichen Moment wurde ihr klar, dass etwas nicht stimmte. Das Telefon war tot. Ein Pfeifen, das immer wieder unterbrochen wurde. Vermutlich hatte der Sturm die Leitung beschädigt. Sie dachte an ihr Handy, doch die Ernüchterung folgte sofort. Es befand sich ebenfalls in ihrer Handtasche.
“Ganz toll. Was mache ich nun? So ein Mist!”
Immer noch stand die Tür einen Spaltbreit geöffnet. Das Gefühl von Pudding in ihren Knien verstärkte sich. Zitternd setzte sie einen Schritt vor den anderen und näherte sich vorsichtig. Noch einen Meter dann war es geschafft. Hinter der Tür blieb weiterhin alles ruhig und Elaine drückte leicht mit der Schulter dagegen. Kein Widerstand, statt dessen der Schatten einer Gestalt, welcher sich vor dem Halbdunkel undeutlich abhob.
“Wo bin ich hier?”, erklang es vor ihr.
Elaine zögerte keinen Augenblick und stürzte sich auf den Eindringling. Unter lauten Aufschreien gingen beide zu Boden. Nach einem äußerst kurzen Kampf hockte Elaine atemlos auf dem Wesen und hielt seine Handgelenke fest umklammert.
“Wer bist du und was machst du hier? Los, sag etwas, sonst wirst du mich kennen lernen!”
Zu ihrer Verwunderung machte das Geschöpf unter ihr keine weiteren Anstalten, sich zu wehren oder aus der Umklammerung zu befreien.
“Tu mir nichts! Ich bin ganz allein! Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten.”
Die flehende Stimme irritierte sie. Elaine erhob sich und riss ihre Kontrahentin auf die Beine.
“Du möchtest mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass du allein hier eingebrochen bist. Wo sind deine Freunde? Warten sie schon irgendwo, um über mich herzufallen? Rede endlich, oder ich prügel es aus dir heraus!”
“Nein, natürlich nicht. Wovon redest du nur? Ich werde dir nichts tun und bin auch nicht eingebrochen. Samhain hat mich hierher gebracht.”
Elaine biss sich vor Nervosität auf die Lippen, bis es schmerzte. Du kannst mir viel erzählen, dachte sie bei sich. Ihr Blick fiel auf die Balkontür. Auch hier lief das Wasser in langen Bahnen die Scheibe hinunter. Hatte das Mädchen sich so Zugang verschafft? Es war leichtsinnig gewesen ausgerechnet in dieser Gegend eine Wohnung im Parterre zu nehmen, aber beim Anblick des kleinen gepflegten Gartens hatte sie einfach nicht widerstehen können und alle Warnungen in den Wind geschlagen. Kurzerhand fasste sie einen Entschluss.
“Komm mit, aber versuche keine Dummheiten, sonst kannst du etwas erleben! Du gehst vor und lass deine Hände so, dass ich sie sehen kann, verstanden?”
Das fremde Mädchen nickte flüchtig und begann damit. voran zuschreiten. Langsam ließen sie den dunklen Flur hinter sich, wobei Elaine hunderte Gedanken durch den Kopf schossen. Als sie in den Wohnbereich traten, war der Sturm draußen noch schlimmer geworden, wie das stete Prasseln des Regens an der Scheibe nur allzu deutlich zeigte.
Der Regen! Schlagartig wurde ihr bewusst, was sie die ganze Zeit übersehen hatte. Die Haare des Mädchens, ihre Kleidung, alles wies nicht die geringste Spur von Feuchtigkeit auf, dabei hätte sie total durchnässt sein müssen. Die seltsame Formulierung kam ihr in den Sinn.
Samhain hat mich hierher gebracht.
Konnte etwas Wahres daran sein? Elaine deutete auf eine bequeme Sitzecke, welche sich nahtlos an die Glasfront anschloss.
“Setz dich da hin und dann erzählst du mir, warum du hier bist.”
Sie wartete angespannt, bis die Fremde auf der Couch platz genommen hatte und während das Mädchen sich neugierig umsah, bewegte sie sich unbemerkt zum Schreibtisch, auf dem allerlei Zeugs wild verstreut lag.
“Na also, da haben wir es schon.”
Ihre Augen blitzen triumphierend auf, als sie nach der Paketschnur griff.
“Was machst du da?”, erklang die weiche Stimme.
Statt einer Antwort packte Elaine die Handgelenke des ungebetenen Gastes und begann sie zu verschnüren.
“Warum antwortest du nicht? Ist das ein Spiel? Es gefällt mir schon jetzt nicht.”
“Du bist genauso einfältig wie dreist. Nach was sieht es denn aus? Ich fessle dich, damit du nichts mehr anstellen kannst.” Sie überprüfte nervös ihre Arbeit, doch alles war so fest wie erwartet. Ohne Hilfe würde sich das Mädchen nicht davon befreien können. So und nun sag mir, was du in meinem Schlafzimmer zu suchen hattest.
 “Nun heute ist eine ganz besondere Nacht. Wir nennen sie Samhain. Die Sphären überlagern sich und ihre Grenzen verwischen, so dass Wesen daraus in diese Welt wechseln können. Umgekehrt ist das natürlich auch möglich.”
“Du denkst doch nicht allen Ernstes, dass ich dir das abkaufe? Für wie bescheuert hältst du mich? Bist du auf Drogen?”
“Was ist das? Ich verstehe nicht, wovon du sprichst. Bitte, du musst mir glauben. Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr. Ich hatte in dem dunklen Raum wahnsinnige Angst.”
“Du hattest Angst? Was bist du nur für eine Einbrecherin. Irgendetwas stimmt hier nicht. Vielleicht ist es besser, wenn ich Hilfe hole.”
“Nein, bitte, tue das nicht! Lass mich einfach gehen.” Die Augenwinkel des Wesens füllten sich mit Tränen, während es verzweifelt versuchte, die Fesseln abzustreifen.
“Also schön. Ich sage niemanden etwas. Beruhige dich wieder.” Elaine fühlte, dass sie etwas vergessen hatte. Eine Kleinigkeit, die ihr schon die ganze Zeit aufgefallen war.
“Ach und noch etwas.“ Das Mädchen blickte sie ängstlich an.
“Zieh endlich das dämliche Kostüm aus!”
“Das ist kein Kostüm.”
“Ach nein? Was ist es denn dann?”
“Ich bin eine Fee. Ein Naturgeist, wenn du so möchtest.”
Elaine starrte das Wesen durchdringend an.
“Sicher und ich bin die die Tochter von Elvis. Wie heißt du überhaupt?”
“Ich bin Daria und du? Verrätst du mir auch deinen Namen?”
“Elaine”, sagte sie, ohne nachzudenken, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, auf keine Frage des Mädchens zu antworten.
“Das ist ein hübscher Name.”
“Was? Sei still, ich muss nachdenken.” Immer noch zitterten ihre Knie, doch zu ihrer Unsicherheit gesellte sich ein neues Gefühl, das mit jeder verstreichenden Sekunde an Stärke gewann. Grenzenlose Neugier.
“Hast du etwas zu trinken für mich? Ich habe schrecklichen Durst.”
Elaine war so verblüfft, dass sie nur nicken konnte und deutete dabei auf die offene Küchenzeile. “Komm mit mir. Du kannst an dem Wasserhahn dort trinken.”
“Sehe ich aus wie ein Pferd, das du zur Tränke führen must? Außerdem bevorzuge ich etwas mit Zucker darin.”
Elaine atmete tief aus. “Selbstverständlich … wie dumm von mir.”
Eine abgestellte Flasche wanderte in ihre Hände, wobei sie Darias fragenden Blick bemerkte.
“Das ist Sekt, aber er ist viel zu stark und steigt einem schnell in den Kopf. Warte, hier muss noch irgendwo etwas Limonade sein.” Für einen Moment musste Elaine das Mädchen außer Acht lassen und als sie endlich fand, wonach sie suchte, geschah es. Daria hielt die Sektflasche mit den Spitzen ihren kleinen Finger umschlossen, schüttelte sie heftig und zog an dem Verschluss herum.
“Wie geht das auf? Vielleicht wenn ich es noch mehr schüttele.”
“Nein nicht!” Elaine wollte ihr die Flasche aus der Hand reißen, da löste sich der Korken und schoss haarscharf an ihr vorbei. Im gleichen Augenblick traf sie der schäumend klebrige Inhalt mitten ins Gesicht. Prustend holte sie Luft, während Darias Kichern durch den Raum hallte.
“Na, Super. Sieh dir mein Kostüm an. Du hast es völlig ruiniert.”
Ihre Hand fuhr an den Kopf und zuckte zurück. Die Innenfläche troff von der klebrigen Flüssigkeit.
“Meine Haare! Auch das noch und ich wollte ausgehen. Das kann doch alles einfach nicht wahr sein.”
Daria war mit einem Mal sehr still geworden und blickte sie betrübt an.
“Entschuldige. Das wollte ich nicht.”
“Vergiss es einfach. Hier … das kannst du trinken. Ich werde mich derweil waschen gehen.” Elaine begab sich ohne zögern ins Bad, wo sie die Dusche anstellte. Gerade als sie dabei war, sich ihrer Sachen zu entledigen, erklangen tapsende Schritte.

“Ein richtiger Wasserfall”, hörte sie das seltsame Wesen hinter sich begeistert ausrufen. “Da komme ich mit drunter. Das wird bestimmt lustig!”
Elaine zögerte keinen Augenblick. Das fehlte noch, dass dieses Mädchen mit ihr zusammen duschte. Bestimmend griff ihre Hand nach der Kabinentür, da sprang Daria vor. Die Verkleidung erzitterte, gefolgt von einem Schmerzensschrei, als das Wesen dagegen prallte.
“Du bleibst draußen! Ich werde alleine duschen. Außerdem ist es hier drin viel zu eng für uns beide. Setzt dich irgendwohin und versuche nichts anzustellen.”
Elaine wartete, bis der Schatten vor der Dusche verschwand, dann drehte sie das Wasser auf. Erleichtert bewegte sie sich unter den dampfenden Strahlen bis ihre Haare, klatschnass auf den Schultern klebten.
“Ich bin gleich fertig, dann kümmere ich mich um dich”, rief sie prustend, nicht sicher, ob Daria sie überhaupt hörte. Die Dusche wirkte beruhigend auf ihre flatternden Nerven. Zusehends kehrte ihre Entschlossenheit wieder zurück. Eine letzte Drehung unter den Wasserstrahlen, bevor sie die Kabine verließ.

“Komm her. Ich denke, ich kann dir die Fesseln wieder abnehmen. Aber versuch keine Dummheiten.” Das Mädchen streckte ihr die Hände entgegen.
“Warte, das dauert nun einen Moment.” Elaine fummelte an den Schnüren herum. “Verdammt sind die fest geworden. Ich bekomme sie nicht auf. Wir werden eine Schere oder noch besser ein Messer brauchen.”
Elaine öffnete ein Besteckfach und zog verschiedene Messer hervor, bis sie etwas Passendes gefunden hatte.
“Hier, damit sollte es funktionieren.” Sie bemerkte, wie Darias Augen sich angstvoll weiteten. “Keine Sorge, ich bin schon vorsichtig. Du darfst dich nur nicht bewegen.” Nach ein paar Versuchen war es geschafft.
Daria rieb sich die geröteten Handgelenke. “Du hättest mich nicht fesseln müssen. Ich bin nicht böse. Warum bist du nur so misstrauisch?”
“Was hattest du erwartet? Das war zu meiner eigenen Sicherheit. Du hättest bestimmt das Gleiche getan.” Elaine warf die Reste der Schnur auf den Schreibtisch und deutete auf den Eingang.
“Komm mit. Wir beide machen einen kleinen Ausflug.”
“Warum? Ich würde viel lieber hier mit dir bleiben. Außerdem habe ich furchtbaren Hunger.”
“Na das passt doch. Ich habe nichts im Haus, also werden wir uns etwas kaufen.” Bevor Daria eine Erwiderung entgegnen konnte, wurde sie gepackt und nach draußen befördert. Im Schein der wankenden Straßenlaternen erwartete sie die nächste Überraschung.
“So etwas habe ich noch nie gesehen!”
Verwundert blickte Elaine in Darias weit aufgerissene Augen, die in ihrer Aufregung nun noch größer wirkten.
“Soll das heißen, dass du kein Auto kennst? Du veralberst mich doch.”
“Nein meine Mutter erzählte mir, dass sie mal in einer Kutsche gefahren ist. Aber das war lange vor meiner Geburt in ihrer Jugend.”
“Moment mal. Kutschen fahren bei uns seit über hundert Jahren nicht mehr. Wie alt bist du wirklich?”
“181 Jahre, wenn du es genau wissen möchtest. Zumindest eurer Zeitrechnung nach.”
Elaine fühlte sich, als ziehe ihr jemand den Boden unter den Füßen weg und brauchte Sekunden, um sich wieder zu fangen. Ein tiefer Stoßseufzer ertönte durch den Regen.
“Das glaubt mir doch kein Mensch. Nun das ist ein Licoln Continental. Gefällt er dir? Die Kiste hat mehr drauf, als es den Anschein erweckt.”
Daria nickte artig, doch Elaine war sich sicher, dass sie kein Wort von dem verstand was sie ihr erzählte. Sie betätigte den Türöffner und schwang sich auf den Fahrersitz.
“Steig ein. Der Laden ist ein paar Straßen weiter.”

Daria klebte an der Scheibe und streckte ihnen die Zunge raus.
“Ist das deine Schwester im Auto? Hat ja ein irres Kostüm an.”
“Meine was? Nein das ist nicht … ich, meine … ja also … ja …”
“Was denn nun? Ja oder nein?” Der junge Verkäufer grinste sie, belustig an.
“Beachte sie gar nicht, hörst du? Sie benimmt sich unmöglich. Ich versuche gerade zu vergessen, dass sie überhaupt existiert.”
Auflachen. “Ja, das kenne ich nur zu gut. Aber sei nicht zu streng mit ihr. In dem Alter waren wir doch alle so.”
Mit zittrigen Händen griff Elaine nach ihrer Brieftasche.
“Vermutlich hast du Recht. Was bekommst du?”
“Das macht acht Dollar. Die Zuckerstangen gehen aufs Haus.”
Damit legte er lächelnd die Süßwaren in die Tüte.
“Hier ist dein Geld. Ich muss dann auch wieder los. Frohes Halloween.”
“Dir ebenfalls und deiner Schwester.”
“Ja sicher”, murmelte Elaine und hatte es auf einmal furchtbar eilig, zum Wagen zurückzukommen. Das schmatzende Geräusch ihrer Stiefel auf dem nassen Pflaster begleitete jeden ihrer Schritte. Noch im Vorbeihasten sah sie das grinsende Gesicht Darias. Warme Luft, vermischt mit dem Geruch frischer Blüten schlug ihr entgegen, als sie die Wagentür öffnete.
“Was hast du dir dabei gedacht? Du machst alle Leute auf uns aufmerksam!”
“Schrei mich nicht so an! Mir war langweilig und der Junge hat immer zu mir rüber gesehen. Hast du jetzt etwas zu essen für mich?”
Darias erwartungsvoller Blick, brachte sie ungewollt zum Schmunzeln und ließ ihren Zorn wie Schnee in der Sonne schmelzen.
“Hier.”
“Was ist das?”
“Das sind Donuts. Etwas anderes hatten sie nicht mehr.“
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Daria neugierig in die Tüte griff, während der Wagen vom Parkplatz rollte.
“Der Regen wird immer heftiger. Dieses Jahr fällt Halloween wohl buchstäblich ins Wasser.”
Seufzend schaltete Elaine die Scheibenwischer ein.
“Halloween vielleicht, aber Samhain ganz sicher nicht. Das ist die Nacht der Nächte. Sie beginnt jetzt schon, mir immer mehr Spaß zu bereiten.”
“Schön, dass wenigstens einer von uns Freude empfindet. Ich wollte um die Häuser ziehen und später vielleicht noch tanzen gehen.”
“Warum tust du es dann nicht? Ich halte dich bestimmt nicht auf. Tanzen würde mir gefallen.”
“Nein, daraus wird nichts. Schon gar nicht mit dir zusammen.“
Beinahe sanft tippte ihr Fuß auf die Bremse, als das Licht einer Ampel über ihr aufleuchtete. Ihre Augen fixierten das rote Funkeln und schenkten ihm jedwede Aufmerksamkeit, sodass sie den Ausruf beinahe ignorierte.
“Lass mich hier raus! Ich habe noch ein paar Stunden und werde schon jemand anderen finden, der meine Gesellschaft mehr zu schätzen weiß! Wie bekommt man das Mistding auf?”
“Was hast du vor? Nein warte, so war das nicht gemeint!”
Instinktiv packte sie den Arm des Mädchens, bevor es Daria schaffte, die Tür zu öffnen.
“Ich kann dich nicht rauslassen, schon gar nicht in dieser Gegend! Du bleibst bei mir.”
Hinter ihnen erklang eine Hupe. Erst zaghaft, dann immer fordernder.
“Mist! Jetzt habe ich nicht auf die Ampel geachtet. Auch das noch.”
Vor Aufregung rutschte ihr Fuß von der Kupplung und im gleichen Augenblick erklangen stotternde Geräusche.
“Was … nein! Der Motor ist abgewürgt. Das gibt es doch gar nicht. Geht denn heute alles schief?”
Erneut klang das Nerven zermürbende Hupen. Diesmal ohne Unterbrechung. Hektische Versuche, den Wagen wieder zum Anspringen zu bewegen, begleitet von der Kakophonie des anderen Fahrzeugs, verärgerten Elaine mit jeder verstreichenden Sekunde mehr.
“Jetzt reicht es mir!”
Elaine kurbelte die Scheibe herunter, streckte ihren Mittelfinger hoch und hielt ihn deutlich sichtbar nach draußen.
“Was bedeutet das?”, fragte Daria neugierig.
“So tief in meinen Arsch rein!”
“Das klingt nicht sehr nett.”
“Ist es auch nicht gemeint“, erwiderte Elaine.
Mit einem Aufheulen des Motors sprang der Wagen über die Kreuzung, was Daria zu einem begeisterten Ausruf veranlasste. Eine Weile fuhren sie schweigend durch die meist spärlich erleuchteten Vororte. Die Fahrbahn bildete ein glänzendes Band, welches weit vor ihnen vom Dunkel der Nacht verschluckt wurde.
“Das ist doch alles Wahnsinn. Ein Traum, aus dem ich es nicht schaffe, zu erwachen.” Unerwartet legte sich eine zierliche Hand auf ihre.
“Danke Elaine.”
“Schon gut, wo solltest du auch sonst hin.“ Neben ihr erklang das Rascheln der Tüte und im nächsten Augenblick flogen Reste eines Donats auf die Armaturen.
“Musst du den Zucker überall verstreuen? Du isst wie ein Ferkel.”
“Jetzt hörst du dich an wie meine Mutter. Ich bin total ausgehungert. So ein Übergang kostet viel Energie und es war mein erster Versuch.”
“Du hast noch Zeit?”
“Die ganze Nacht, Elaine. Was hast du vor?”
“Wir fahren nach Hause. Es sieht nicht danach aus, dass der Sturm nachlässt. Da können wir es uns genauso gut bei mir daheim gemütlich machen. Ich meine, wo du schon mal da bist.”
Elaine druckste herum, doch als sie Darias Lächeln sah, fing sie an mit kichern.
“Was habe ich mir da nur wieder eingehandelt.”

Während der Wagen durch die Nacht rauschte, packte Elaine die Neugierde.
“Macht ihr so etwas öfter? Also gibt es noch andere deiner Art?”
Daria nickte eifrig und griff wieder in die Tüte, wobei ein Schwall Zuckerkrümel sich um sie herum wie eine Wolke verteilte.
“Eine Freundin von mir ist einmal in einem Schafstall gelandet. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was dann passiert ist. Sie hat wirklich … .”
“Sei still! Ich möchte gar nicht wissen, was sie gemacht hat.”
“Warum nicht? Es wird doch noch lustig.”
“Bitte, behalte die Details für dich. Machen wir uns lieber über uns Gedanken.”
“Na endlich. Ich dachte schon, dass du nie danach fragst.”
“Wie meinst du das?” Elaine fielen fast die Augen aus dem Kopf, als Daria anfing, ihr Kleid zu öffnen. “Nein! Was machst du denn? Das geht doch nicht. Wir beide sind Mädchen.”
“Ohne jeden Zweifel. Das gestaltet das Ganze viel aufregender, findest du nicht auch?”
Elaine starrte das Mädchen sprachlos an und schüttelte den Kopf.
“Was hast du denn? Rieche ich etwa?” Daria begann an sich zu schnüffeln und Elaine wusste vor Entsetzen nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. “Gefalle ich dir nicht? Mein Körper kann sich doch sehen lassen.” Elaine erhaschte ungewollt einen Anblick auf Darias Oberkörper. Es stimmte. Alles an ihr war makellos und ein neidisches Gefühl erfasste sie.  Doch da war noch mehr. Elaine versuchte, die Gedanken zu verdrängen, die sich in ihrem Kopf ausbreiteten .
“Trägst du nie etwas darunter?”
“Nicht in dieser Nacht“, meinte Daria schelmisch und begann mit den glänzenden Knöpfen zu spielen. Inzwischen hatte der Wagen das Ende der schmalen Strasse erreicht. Seitlich lag ein Platz der zu einer angrenzenden Bar oder einen Clubhaus gehörte, wie die zahlreichen abgestellten Maschinen davor eindrucksvoll bewiesen. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend fuhr Elaine über die Einfahrt und auf das Gelände, welches die einzige Möglichkeit zum Wenden versprach.
« Last Edit: November 04, 2015, 01:49:05 pm by Eichhörnchen »
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Re: Samhain - Nur für eine Nacht
« Reply #1 on: November 04, 2015, 01:41:56 pm »
Die Reifen knirschten über den Kies, während sich der Wagen langsam an den aufgereihten Maschinen vorbei schob. Ein Türsteher kam in ihr Blickfeld und brachte Elaine ungewollt zum Schwitzen.
“Daria! Der Typ in der Jacke!“
“Was ist mit ihm?“
“Behalte ihn im Auge. Hoffentlich bekommen wir keinen Ärger. Wir dürften gar nicht hier sein. Diese Jungs mögen es gar nicht, wenn man ihren Maschinen zu nahe kommt.”
“Er rührt sich nicht von der Stelle. Wir interessieren ihn wohl nicht. Mal sehen, wie er reagiert wenn ich … .”
“Was? Nein nicht! Bist du übergeschnappt?”
Erschrocken notierte Elaine, wie Daria die ihr bestens vertraute Geste mit ihrer Hand machte. Kichern erklang.
“So, wollen doch mal sehen, was jetzt geschieht.”
Elaine versuchte, etwas im Rückspiegel zu erkennen, während sie gleichzeitig balanceaktartig den Abstand im Auge behalten musste. Ein Lichtspalt erschien in der regenträchtigen Nacht. Der Türsteher musste etwas ins Innere gerufen haben, denn gleich darauf weitete sich der schmale Durchlass und blendende Helligkeit flutete den gesamten Bereich.
“Ich glaube, wir bekommen Gesellschaft.” Elaine bemerkte die Aufregung in der Stimme des Mädchens.
“Wie viele folgen uns, Daria?”
“Ich weiß nicht. So wie es aussieht wohl alle.”
“Na super. Wir müssen uns irgendwo verstecken.” Elaine drückte das Gaspedal hart durch und schlitterte mehr, als dass die Reifen griffen, über den nassen Kies. Steine und Dreck spritzten nach allen Seiten. Ein Geräusch von aufeinander reibenden Metall erklang, während ein Ruck durch die Wagentür an Darias Seite ging. “Was war das? Mist! Wir haben eine der Maschinen erwischt. Hoffentlich erkennen sie in dem Regen das Nummernschild nicht, sonst bin ich fällig.”
“Wovor hast du denn solche Angst? Was werden sie machen, wenn sie uns erwischen?”
“Was glaubst du wohl? Besser, wir finden das gar nicht erst heraus.”
Elaine wendete den Kopf, wobei ihr Blick das Mädchen streifte.
“Dabei weiß ich immer noch nicht, warum du überhaupt hier bist.”
“Na um mit dir Liebe zu machen. Was denn sonst?”
Elaine blieb fast die Luft weg und fand nur schwer ihre Sprache wieder.
“Wir beide sollten dringend mal an unserer Kommunikation arbeiten, findest du nicht?”
Das Geräusch des Motors wurde lauter und kündete von der unbändigen Kraft, die ihm innewohnte.
“Was machen unsere Freunde?”
“Sie bleiben zurück. Wir schaffen es.” Darias Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung.
“Na das hoffe ich doch”, sagte Elaine.
“Mein Vater hat ihn mir zu meinem 21. Geburtstag geschenkt. Ich weiß noch genau, was er sagte, als er mir die Schlüssel überreichte.”
“So was denn?”
“Ein schneller Wagen für ein flottes Mädchen.”
“Klingt, als ob du ihn sehr lieb hast. Was macht er denn jetzt?”
“Er ist Tot.”
“Das tut mir leid.”
“Ja, mir auch”, erwiderte Elaine. Ihre Augen sahen auf das im Regen glitzernde Band der Fahrbahn, bis Darias Stimme sie aus ihren trübsinnigen Gedanken riss.
“Wo ist denn deine Mutter? Ist sie auch Tot?”
“Nein.”
“Was nein?”
 “Sie lebt in Chikago.”
“Du redest nicht gern über dich, stimmst?”
Bäume und Lichtmasten passierten zu beiden Seiten ihren Weg. Wie ein Raubtier auf der Jagd nach Beute, raste der Wagen über die einsame Landstraße. Mitten in die Stille hinein meinte Elaine.
“Die Firma, in der mein Dad arbeitete, machte eines Tages pleite. Eine zeitlang hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, aber es reichte hinten und vorne nicht. Meine Eltern begannen sich immer öfter zu streiten, zumeist über Geld. Es war einfach unerträglich. Irgendwann stand ein Typ mit einem Anzug, wie sie ihn wohl nur an der Wall Street tragen vor unserer Tür und einem ebenso teuren Schlitten. Meine Mutter packte ihre Taschen und verkündete, dass sie uns verlassen werde.”
“Warum hat sie dich denn nicht mitgenommen?”
“Oh, ihr Lover sah mich an und sagte, sie solle sich nicht mit Ballast bepacken, wenn sie ein neues Leben beginnt. Ich habe immer noch ihr Lachen in den Ohren. Sie nahm mich in die Arme, gab mir einen Kuss und meinte, jeder müsse irgendwann entscheiden, wo er steht. Ich würde das, wenn ich groß bin verstehen.”
Elaine schluckte. “Verstehen … dieses Miststück … ich meine ich war gerade mal 15 Jahre alt. Ich habe sie nie wieder gesehen.”
“Du hast sie nicht besucht?”
“Nein. Wir hatten ganz andere Sorgen. Meinem Dad ging es zu diesem Zeitpunkt schon nicht gut und in den Jahren darauf wurde er sehr krank. Er hat sich kaputt gearbeitet, um für mich aufkommen zu können. Der Wagen ist alles, was ich von ihm besitze. Manchmal, wenn ich mich einsam fühle, fahre ich hinauf zum Strawberry Point. Das ist ein kleines Plateau in den Hügeln. Du solltest es dir anschauen. Die Aussicht ist gigantisch.”
“Was machst du dort?”
“Ich sitze einfach nur im Wagen, blicke über die Stadt und unterhalte mich mit meinem Dad.”
“Du unterhältst dich mit ihm?”
“Ja, ganz schön verrückt oder?”
“Wie man es nimmt. Auch nicht ungewöhnlicher als mein Erscheinen in deinem Kleiderschrank”, sagte Daria grinsend.
“Touche. Hier im Wagen kann ich ihn spüren und es ist, als wäre er wieder bei mir und hätte mich nie verlassen. Gelegentlich führen wir beide richtige Zwiegespräche.”
“Das verstehe ich“, sagte Daria.
“Ja … das tust du wohl”, meinte Elaine zögernd.
“Ist schon komisch, doch du bist der erste Men … entschuldige … Wesen, dem ich das wirklich abkaufe. Deine Augen verraten es mir.” Elaine warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel, der immer noch die Lichter ihrer Verfolger zeigte.
“Hör mal, wenn wir beide das überstehen, fangen wir noch mal ganz von vorne an. Ich denke, da gibt es einiges, was wir besser machen könnten.”
“Ich habe nicht mehr viel Zeit, Elaine.”
“Das hatte ich vergessen, doch es macht nichts. Für mich hatte noch nie jemand wirklich Zeit.” Daria erwiderte nichts und so konzentrierte sie sich wieder auf die Anzeige.

Unbarmherzig zitterte die Nadel weiter nach rechts … 140 ... 150 ... 160.
“Wie schnell kannst du damit fahren?”
“Schnell genug, dass sich der Sheriff und jeder seiner Männer an uns heften, sobald sie uns bemerken!”
“Sie sind wieder da! Wie machen die das nur?”
“Ihre Maschinen sind ebenfalls getunt, was dachtest du denn. Wir brauchen einen Plan.” Eine weitere Kurve. Mit quietschenden Reifen nahm Elaine sie, ohne auch nur für einen Moment vom Gaspedal zu gehen.
“Halte dich fest. Da vorne kommt wieder eine.”
“Mach das Licht aus, wenn wir rum sind.”
“Was?”
“Das Licht. So können sie uns nicht mehr sehen.”
“Das kann ich nicht machen. Ich erkenne jetzt schon kaum etwas und ohne die Scheinwerfer fahre ich praktisch blind. Das wäre eine sehr kurze Fahrt.”
“Tue es einfach. Vertrau mir.”
Elaine warf einen flüchtigen Blick in Darias Gesicht. Ihre Augen blickten voller Ernst und … Elaine konnte es kaum glauben … zuversichtlich zu ihr. Ein beherzter Griff und die Scheinwerfer erloschen.
“Das ist doch völlig verrückt.”
Im nächsten Moment blieb ihr fast das Herz stehen.
“Was machst du da? Leg sofort die Gurte wieder an! Wenn ich eine Vollbremsung machen muss, wirst du rausgeschleudert!”
“Ich habe uns die Sache eingebrockt, also hole ich uns auch wieder heraus. Fahr einfach nur weiter und wenn ich es sage, biegst du ab.”
Daria kniete nun auf dem Sitz, das Gesicht dicht gegen die Scheibe gepresst, um besser nach draußen sehen zu können.
“Hier gibt es keine Abzweigung. Die Straße führt direkt zum Highway. Wir werden im Graben oder gegen einen Baum landen.”
“Werden wir nicht. Ich kann im Dunkeln sehen.”
Sie fühlte, wie sich ihr Puls beschleunigte, blickte aber unbeirrt weiter nach vorn.
“Du siehst, was sich um uns herum befindet? Einfach fantastisch.”
“Ja, es ist nicht anders als bei Tageslicht. Vielleicht nicht ganz so bunt”, erklang kichernd die Stimme neben ihr.

Ein Blick in den Rückspiegel. Wie tanzende Kugeln bewegten sich die Lichter ihrer Verfolger. Täuschte sie sich oder blieben sie zurück? Bevor sie sich weiter darüber Gedanken machen konnte, schrie Daria “Jetzt!”
Elaine zögerte keine Sekunde. Der Wagen wurde von unsichtbaren Kräften herumgerissen und schoss über den Rand der Fahrbahn hinaus. Instinktiv hielt sie die Luft an. Wenn Daria sich irrte, war gleich alles vorbei. Sie wollte schreien, ihrer aufgestauten Angst Luft verschaffen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Harte Stöße erschütterten den Innenraum, während sich Elaines Hände um das Lenkrad verkrampften. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, kam der Wagen zum Stehen. Nur mit Mühe bekam Elaine ihre zitternden Hände soweit unter Kontrolle, dass es ihr gelang, den Motor ausschalten.
“Nun heißt es: Warten.”
Darias Augen leuchteten ihr in der Dunkelheit entgegen. Knatternde Geräusche ließen sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Fahrbahn hinter ihnen richten. Im Rückspiegel wurden Lichter erkenntlich.
“Sie haben uns nicht bemerkt.”
“Sei still und sag mir, was passiert.”
Die Lichtkegel der aufgemotzten Maschinen stachen erbarmungslos in die Dunkelheit, veränderten ständig ihre Winkel, bis sie wieder erloschen. Mit ihnen verschwand auch das impertinente Dröhnen, welches bisher ihre Ohren traktiert hatte. Unsicher löste sie ihren Gurt und schwang sich ins Freie. Daria folgte ihr ohne zögern, wie die sich öffnende Beifahrertür bewies, obwohl es immer noch in Strömen regnete. Elaine richtete ihr Gesicht zum Himmel und ließ die erfrischende Nässe auf sich niederprasseln.
“Was machst du da? Sollten wir nicht besser im Wagen bleiben?”
“Ich schaue mich um. Warte einen Augenblick.”
Elaine schritt um das Gefährt herum, wobei sie die Umgebung aufmerksam musterte. Doch nichts rührte sich. Außer den Geräuschen, den Wind und Regen verursachten, drang nichts an ihre Ohren, was Anlass zur Besorgnis gegeben hätte.
“Sie sind weg. Ich glaube es nicht. Daria wir haben es geschafft.”
Elaine griff nach dem Mädchen und drückte es fest an sich, bevor ihr bewusst wurde, zu was sie sich in ihrem Überschwang hatte hinreißen lassen. Daria zeigte ein strahlendes Lächeln.
“Du kannst das gerne weiter machen.” Elaine löste schluckend ihre Umklammerung und deutete auf den Wagen. “Setz dich wieder rein und leg den Gurt an. Wir fahren zurück. Für heute reicht es mir mit jeglicher Art von Abenteuern.”

Kaum dass Elaine die Wohnungstür geöffnet hatte, flitzte Daria an ihr vorbei und blieb vor der Scheibe stehen, welche die gesamte Front des Wohnraumes einnahm.
“Na komm, zieh die nassen Sachen aus. Ich möchte nicht Schuld daran sein, wenn du dich erkältest.”
Kichernd folgte Daria ihrer Aufforderung und begann sich aus den tropfenden Klamotten zu schälen.
“Gib mir deine Sachen. Ich lege sie auf die Heizung, dann trocknen sie schneller.” Schuhe und Elaines dicke Jacke wanderten als Erstes vor den Heizkörper. Fuchtelnd drückte ihr Daria gleich darauf das Kleid in die Hände. Der zarte Stoff irritierte Elaine und ließ sie innehalten.
“Was ist das für ein Material? Fühlt sich an wie Seide, aber die sieht anders aus.”
“Du kennst dich damit aus?”
Elaine nickte. Was für eine Frage. Klamotten waren ihre heimliche Leidenschaft.
“Nun, das ist nicht von dieser Welt.”
“Du sagst das so flapsig, als würde es sich um die Zutaten für eine Sahnetorte handeln. Nicht von dieser Welt, wie das klingt. Wenn mein Freund jetzt hier wäre, würde er uns beide einweisen lassen.”
Ihr Blick blieb auf Darias faszinierendem Körper haften. Feste Brüste und ein aufreizender Po zeichneten sich unter dem dünnen Stoff ab und zogen Elaine in ihren Bann.
“Was hast du?”
 Elaine schüttelte den Kopf und hoffte, dass Daria nichts von ihrer Verlegenheit bemerkte. “Es ist nichts. Mir geht nur so vieles im Kopf herum.”
“Findest du mich hübsch? Na los, sag etwas oder glaubst du, ich hätte deine Blicke nicht bemerkt?”
“Sagen wir mal so, ich würde dich ganz sicher nicht mit meinem Freund alleine lassen“, erwiderte sie ausweichend und bückte sich um sich der völlig aufgeweichten Strümpfe zu entledigen. In dem Moment geschah es.
Ein Geräusch ähnlich zerreisenden Gewebes erklang.
“Was war das? So ein Mist auch das noch. Geht denn heute alles schief?”
Elaine richtete sich blitzschnell auf und wirbelte herum. Schamesröte schoss ihr unangenehm warm in die Wangen.
“Was ist denn? Du benimmst dich so sonderbar”, sagte Daria.
Ihr unschuldiger Blick, den sie dabei zur Schau stellte, wollte nicht so recht zu dem frechen Grinsen passen und Elaine wusste nicht, was sie davon zu halten hatte.
“Würdest du dich bitte umdrehen? Ich glaube, mein Höschen ist gerissen. Ich muss ein Neues aus der Schublade holen.”
“Dein Höschen ist kaputt? Wie kommst du darauf? Hat dich das hier etwa erschreckt?”
Sprachlos sah sie dabei zu, wie Daria ein eingerissenes Blatt Papier hinter ihrem Rücken hervorholte, es zwischen die Finger nahm und den Vorgang wiederholte. Erneut das Geräusch.
“Du kleines Miststück hast mich angeschmiert!”, stammelte Elaine verblüfft und zugleich erleichtert. “Ich habe es wohl verdient, dass du mir einen Streich spielst.”
Das Mädchen nickte eifrig.
“Ja ohne jeden Zweifel, schließlich hast du mir die Nase an der Tür angeschlagen.”
“Was hast du das Papier her?”, stockte Elaine plötzlich und griff neugierig danach. “Von deinem Schreibtisch. Ich habe es geschnappt, als du nicht hingesehen hast. Was ist damit? War es etwas Wichtiges?”
Elaine starrte auf das Überbleibsel und lachte befreit auf.
“Nein, alles in Ordnung. Komm zu mir, Daria.”
Ohne dass sie die Aufforderung wiederholen musste, trat das Wesen an sie heran, bis sie den steten Atem auf ihrem Gesicht fühlte.
“Deine Augen, sie leuchten auf einmal.”
“Ich bin glücklich, Elaine.”
Durch Elaines Bauch, begannen Schmetterlinge zu toben. “Das bin ich auch, Daria.”
Elaine vermochte später nicht zu sagen, was über sie gekommen war, aber in diesem Moment verspürte sie, das unwiderstehliche Verlangen, Daria zu küssen.
“Ich liebe dich, Daria.”
“Ich weiß, ich kann es fühlen. Das ist Samhain, Elaine.”
Jetzt in der behaglichen Wärme fiel alle Anspannung von Elaine ab und sie musste herzhaft gähnen. Auch Daria zeigte Anzeichen von Erschöpfung.
“Wollen wir zusammen noch etwas auf der Couch kuscheln? Ich könnte ein wenig Nähe gebrauchen”, sagte Daria.
“Nein, ich weiß etwas viel Besseres. Komm mit mir.” Elaine führte sie zum Schlafzimmer und deutete auf das geräumige Bett.
“Wenn es das ist, von dem ich denke, dass du es vorhast, könnte es mir gefallen”, erwiderte Daria grinsend und riss sich unter Elaines erwartungsvollen Blicken die restliche Kleidung vom Körper. Rasch folgte sie ihrem Beispiel und lachend und feixend verschwanden beide Mädchen unter der heimelig anmutenden Bettdecke.

Elaine wurde von den ersten Sonnenstrahlen des Tages geweckt. Den Bruchteil einer Sekunde wusste sie nicht, wo sie sich befand, bis die Erinnerung schlagartig zurückkehrte. Daria. Ein Blick zur Seite. Die Betthälfte neben ihr war zerwühlt und verlassen. Genauso leer und einsam wie ihr Herz. Einzig der Geruch von Blüten hing noch in der Luft und tat Kunde davon, dass sie sich nicht alles eingebildet hatte. Nur für diese Nacht erklang die zarte Stimme in ihrem Kopf. Seufzend richtete sie sich auf und tapste unsicher auf den Beinen in den Flur hinaus. Ihr Blick fiel hinüber zur Panoramascheibe. Nichts deutete mehr daraufhin, dass noch vor Stunden ein Sturm über der Stadt getobt hatte. Einen Moment starrte sie benommen hinaus, doch so sehr sie den Sonnenschein auch begrüßte, konnte er nicht die tiefe Trauer in ihrem Innern vertreiben. Gerade, als sie sich abwenden wollte, drang Gesang an ihre Ohren und schreckte sie auf. Unsicher sah sie sich um und lauschte den sanften Lauten. Nun bemerkte sie auch das Geräusch fließenden Wassers. Es gab keinen Zweifel mehr. Die melodische Stimme hatte ihren Ursprung im Bad und Elaine spürte, wie ihr Blut heftiger durch die Adern rauschte. Unter unregelmäßigen Atemstößen tippte sie gegen die angelehnte Tür zum Badezimmer. Viel zu langsam gab das Holz den Blick frei auf etwas, mit dem sie in ihren kühnsten Träumen nicht gerechnet, es nicht mal zu hoffen gewagt hatte.
“Daria!” Sie stammelte das Wort mehr hervor, unfähig die Situation zu begreifen.
“Schön, das du noch weißt, wie ich heiße. Ich hatte schon die Befürchtung, dass du dir gestern Nacht den Verstand raus geschrien hast.”
Helles Lachen erklang und übertönte das Rauschen der Dusche.
Jetzt fiel es Elaine auch wieder ein, was sie zusammen angestellt hatten und eine vertraute Wärme bemächtigte sich ihrer Wangen.
“Warum? Ich meine, ich verstehe nicht. Was tust du hier?”
“Ich benutze deinen tollen Wasserfall. Los komm zu mir, das Wasser ist herrlich. Anziehen kannst du dich immer noch.”
Erst jetzt bemerkte Elaine, dass sie ebenfalls völlig nackt war. Doch bevor eine erneute Welle ihrer eigenen Unsicherheit sie erfassen konnte, wurde sie von Daria gepackt und in die Duschkabine gezogen. Ihre Körper pressten sich eng aneinander.
“Was hattest du gedacht? Das ich mich einfach wieder aus deinem Leben stehle, nachdem mir bewusst wurde, wie sehr wir uns beide brauchen? Nein meine Liebe, daraus wird nichts. Ich möchte alles sehen. Das Aussichtsplateau, die Stadt im Sonnenschein und vor allem eines.”
Elaine konnte nichts anderes, als das Mädchen sprachlos anzustarren.
“Ich möchte dich wieder lachen sehen.”
“Daria … ”, mehr brachte sie nicht hervor. Elaine fühlte, wie sich Tränen in den Augenwinkeln sammelten und versuchten über ihre Wangen zu rinnen, bevor sie vom Wasser davon gespült wurden. Das Mädchen spitzte erwartungsvoll den Mund, doch Elaine bedurfte keiner weiteren Aufforderung. Rasch fanden sich ihre Lippen in einem innigen Kuss vereint, nur vom Schein der Sonne beobachtet, die vor dem Fenster ihre Kraft zeigte. Wenn es dazu fähig gewesen wäre, hätte das Himmelsgestirn lächeln müssen. So sandte es nur unzählige Strahlen weiter über die Stadt, bis zum Plateau und darüber hinaus.
Ein neuer Tag hatte begonnen und er würde sonnig werden.

Ende

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« Last Edit: November 04, 2015, 01:50:05 pm by Eichhörnchen »
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Offline Neytiri2000

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Re: Samhain - Nur für eine Nacht
« Reply #2 on: November 12, 2015, 02:56:46 pm »
Hallo Eichhörnchen,

echt tolle Halloween Geschichte ;)

Anfangs mit einen guten Gruselfaktor und später die Spannung,
aber auch lustige elemente sind vorhanden.

Wieder super geschrieben und gut dargestellt.

Ich hab zurzeit das gefühl das man deine Geschichten auch als Anime verfilmen könnte,
zumindest kommt mir das so vor :D

Hat mir auf jedenfall gut gefallen und ich hoffe das auch mal ein paar andere hier ihre Bewertung zurücklassen,
weil ich finde das du grandiose Geschichten herzauberst ;)

Mfg Neytiri2000
Zitate:

Jake Sully: Ich möchte kein Mitleid, wenn du Fair behandelt werden willst, bist du auf dem Falschen Planeten.

Offline Ricardo

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Re: Samhain - Nur für eine Nacht
« Reply #3 on: January 03, 2016, 04:18:57 pm »
Ich hab zurzeit das gefühl das man deine Geschichten auch als Anime verfilmen könnte,
zumindest kommt mir das so vor :D

Den Eindruck habe ich auch oft.
Gerade die Feen-Geschichten eignen sich dafür gut.
Wenn man sich dann des Eichhörnchens Signatur oder die Puppensammlung ansieht, braucht man auch kaum Vorstellungskraft dafür.

Wie du weißt, bin ich dir sehr dankbar dafür, dass du dich mal an einer Geschichte in der Jetztzeit versucht hast.
Darauf habe ich lange gehofft.
Das Ergebnis ist nicht schlecht.

Ich frage mich, wenn ich noch ein paar Jahre weiterbohre, ob du dich dann an einer solchen Erzählung mit richtig düsterem Unterton und so wenig Fantasy oder Sci-Fi wie möglich versuchen würdest.  ;D
Nicht dass ich irgendetwas erzwingen will, aber ich würde doch zu gerne mal sehen, wie du das angehen würdest.

Der einzige Kritikpunkt betrifft den Lincoln.
Es fällt mir etwas schwer zu glauben, dass so ein Wagen Probleme mit dem Abwürgen bekommen könnte.
Ansonsten gut geschrieben.

Die Nusslieferung dürfte schon einige Zeit eingetroffen sein. ;)

Offline Eisbärchen

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Re: Samhain - Nur für eine Nacht
« Reply #4 on: February 08, 2016, 06:14:41 am »
Grüsse

Wie kommt man nur auf solche verrückte Einfälle?
Super geschrieben!!

Die Sache mit dem Wagen ist für mich schlüssig.
Elaine ist arm und der Wagen vielleicht gebraucht.
Der Stress unter dem sie steht, trägt dazu bei, dass ihr Fehler unterlaufen.

Bb

Offline Eichhörnchen

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Re: Samhain - Nur für eine Nacht
« Reply #5 on: April 09, 2016, 06:32:06 am »
Hallo ihr Lieben


Danke euch allen, für eure hilfreichen Bewertungen.

Quote
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Wie ich das vermisst habe.

Quote
Wenn man sich dann des Eichhörnchens Signatur oder die Puppensammlung ansieht, braucht man auch kaum Vorstellungskraft dafür.

Falsch, fälscher am fälschesten ... . :P
Typisch deutsches Denken. Stempel aufn Popo und ab in die Schublade. So läuft das nicht.

Feen sind kein Manga, sondern entspringen unserem eigenen Kulturkreis. Den Kelten genauer gesagt. Deshalb auch Samhain, was ein sehr wichtiges Fest für sie war.

Gut was ich aus den Rackern mache, ist oftmals merkwürdig, frivol oder einfach nur versaut. Aber das mögt ihr ja. ;D

Quote
Die Nusslieferung dürfte schon einige Zeit eingetroffen sein.


Habe ich gesehen. Danke schön. Sorry das es etwas gedauert hat mit der Rückmeldung. Naja jeder hat so seine Problemchen von Zeit zu Zeit. Keine Sorge. Das schreiben habe ich in der Zwischenzeit nicht verlernt. Schon woanders erfolgreich getestet. :D

Quote
Ich frage mich, wenn ich noch ein paar Jahre weiterbohre, ob du dich dann an einer solchen Erzählung mit richtig düsterem Unterton und so wenig Fantasy oder Sci-Fi wie möglich versuchen würdest.  ;D
Nicht dass ich irgendetwas erzwingen will, aber ich würde doch zu gerne mal sehen, wie du das angehen würdest.

Da sage ich nur: Lass dich überraschen.


Liebe Grüße,


Robert
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